Bildung in Japan | Teil 1: Schulsystem und Grundschule

Matthias Reich
Matthias Reich

Nicht wenige Lehrer schauen verwundert auf die OECD-Statistiken und fragen sich, wie es die Japaner immer wieder auf die vordersten Plätze schaffen. Auch der Anteil der Hochschulabgänger ist beneidenswert. In dieser Reihe werden wir die Unterschiede zum deutschen Bildungssystem ergründen.

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Grundschule
© ajari / flickr CC BY-SA 2.0

Anders als in Deutschland, in welchem die Bildungsaufgabe „nach wie vor Ländersache“ ist, besitzt Japan eine zentralstaatlich geregelte Bildungsordnung. Meist als 6-3-3-4-System bezeichnet, unterteilt es sich in sechs Jahre Grundschule, drei Jahre Mittelschule, drei Jahre Oberschule, und vier Jahre Hochschule. Ein Besuch der Oberschule ist zwar nicht gesetzlich verpflichtend, aber mehr als 97 % der Jugendlichen entscheiden sich, diese zu absolvieren, was sich damit quasi zur gesellschaftlichen Norm etabliert hat. Das gleiche kann man tendenziell auch über Universitäten sagen, denn rund 55 % der Japaner schließen einen Bachelor-Studiengang ab. Nach der Hochschule folgt die Graduiertenuniversität, welche aber nur noch von einem Bruchteil der japanischen Bevölkerung besucht wird und zur Erlangung des Master- und Doktortitels dient. Dieser akademische Weg wird von so wenig Japanern gewählt, da er im Grunde kaum Auswirkungen auf den späteren wirtschaftlichen Anstellungsgrad hat und wird deshalb meist nur von forschungsinteressierten Studenten verfolgt.

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Der hohe Anteil an Schulabschlüssen in Japan, der in Deutschland um teilweise sehr viele Prozentpunkte geringer ausfällt, ist jedoch nicht jeder Kritik gefeit. Wie in vielen Beurteilungen des deutschen Bildungssystems ebenfalls bemängelt wird, lernt man auch in japanischen Schulen vor allem für die Prüfungen und nicht für das Leben. Der Sachverhalt ist jedoch in Japan um ein vielfaches ausgeprägter als hierzulande. So sind vor allem gute Noten, neben dem Kontostand der Eltern, das wichtigste Kriterium, um an prestigeträchtigen staatlichen und privaten Schulen und Universitäten angenommen zu werden.

Diese Wirklichkeit offenbart einen weiteren prävalenten Kritikpunkt des japanischen Bildungssystems: Es ist nicht wichtig was man lernt, sondern wo. Da es trotz des zentralstaatlich geführten Bildungssystems erhebliche Qualitätsunterschiede in den landesweiten Schulen gibt, sind vor allem die Studienplätze der Eliteuniversitäten hart umkämpft. Das Prozedere steht im starken Kontrast zu Deutschlands eher „elitelosen“ Unilandschaft.

Das Einschreiben in eine Hochschule gestaltet sich hier als vergleichsweise einfach, allerdings ist es umso anspruchsvoller das Studium auch in geeigneter Zeit zu beenden. Daraus folgt, dass jeder dritte Studierende sein Studium abbricht. In Japan hingegen ist es genau andersrum. Zugang zu einer guten Universität zu bekommen, ist durch den Noten- und Leistungsdruck in den Aufnahmeprüfungen extrem schwer. Hat man jedoch durch erfolgreiches monatelanges Lernen in den Prüfungen gut abgeschnitten und einen Platz an einer seiner Wunschunis ergattert, ist es in der Regel ein Kinderspiel bzw. ein klarer Automatismus, diese auch zu absolvieren. Wer es sogar geschafft hat, an eine renommierte Universität zu gelangen, hat beinahe ausgesorgt: Da “gute” Firmen auch nur von “guten” Universitäten rekrutieren, steigen die Chancen einen hochbezahlten Job nach dem Studium zu ergattern enorm. Auch vergrößern sich, so traurig es auch klingen mag, die Heiratsaussichten, denn bei der Partnerwahl wird nur allzu oft auf den Bildungsweg geschaut.

Grundschulranzen

Die Japanische Grundschule

An japanischen Grundschulen fällt auf, dass in der Regel ein einziger Lehrer eine Klasse in allen Fächern unterrichtet, bis im folgenden Schuljahr sowohl die Lehrer als auch die Schüler rotieren. Ein Vorteil dieses Systems zeichnet sich in der Theorie dadurch aus, dass die Lehrkraft schließlich alle Schüler und Schülerinnen in- und auswendig kennt und so individueller auf Probleme eingehen kann. Wenn andererseits die Lehrkraft die Klasse nicht im Griff hat oder zu viele persönliche Präferenzen in die Bildung und individuelle Betreuung der Schüler mit einfließt, kann es sehr schnell zu großen Ungleichheitsgefällen innerhalb der Klasse kommen. Ferner muss man leider anmerken, dass die Bildung an den öffentlichen Grundschulen bei weitem nicht ausreicht, um den hohen Ansprüchen guter Mittel- und Oberschulen (privat als auch öffentlich) zu genügen. In solchen Fällen muss entweder das Elternhaus kräftig nachhelfen und/oder die sogenannten juku, die den Kindern entweder Nachhilfe geben oder selbige auf die harten Prüfungen vorbereiten. Juku sind private Nachhilfeschulen, welche den Eltern durch ihre teure Betreuung erhebliche Kosten verursachen können. So sind insbesondere Kinder alleinerziehender Mütter oder von Eltern mit geringem Einkommen stark benachteiligt.

 

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Grundschulheft

Auch die hohen Klassenstärken an öffentlichen Grundschulen gereichen eher zum Nachteil. Im Schnitt gibt es rund 35 Schüler pro Klasse, sodass die Lehrer nicht selten den Überblick verlieren und nicht bemerken, wann oder warum ein ernsthafter Fall von Mobbing oder gar Misshandlung vorliegt. Die unzumutbare Schülerzahl pro Lehrer kann dann häufig auch nicht durch die Ein-Lehrer-Politik aufgefangen werden. Sicher ist Mobbing an Schulen keine japanische Besonderheit, doch mehrmals im Jahr treibt dieses negative Verhaltensmuster Kinder in den Selbstmord. Bei den Untersuchungen dieser sehr tragischen Fälle stellt sich oftmals dessen Vermeidbarkeit heraus, hätte die Schule eher oder richtiger auf etwaige Anzeichen reagiert.

Dass Kinder mit einem ausländischen Elternteil eher gemobbt werden, scheint mehr Mythos als Realität zu sein – die Herkunft spielt letztlich keine sonderlich große Rolle bei der Wahl der Mobbingopfer.

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