Bildung in Japan | Teil 2: Mittelschule oder der Ernst des Lebens

Matthias Reich
Matthias Reich

Das Alter von 12 bis 14 Jahren ist für Heranwachsende eine wichtige Zeit, die Jugendliche in Japan in der Mittelschule, der letzten Stufe der allgemeinen Schulpflicht, verbringen. Viel Freizeit bleibt den Schülern nicht, denn der knallharte Bildungswettbewerb wartet bereits.

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Sportversammlung einer japanischen Mittelschule.
Sportversammlung einer japanischen Mittelschule.

Während die ersten sechs Jahre Schulbildung an den japanischen Grundschulen sich eher durch ein laissez-faire-Herangehen bemerkbar machen, ändert sich das bisher unbeschwerte Leben der Kinder schlagartig mit dem Eintritt in die Mittelschule (chūkō). Plötzlich gibt es richtige Noten, unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht wird zu einer ernsten Sache und entfernt am Horizont sind bereits die weichenstellenden Aufnahmeprüfungen an den Oberschulen erkennbar. Der Besuch selbiger zählt zwar nicht zur Schulpflicht, aber bei einer Besuchsrate von knapp 100 % ist der gesellschaftliche Zwang diese zu absolvieren deutlich spürbar. Während man sich noch irgendwie unbemüht durch die Grundschule retten kann, zählen in den nächsten drei Jahren tatsächliche Ergebnisse. Bis in die 1990er Jahre fiel den Schülern die Umgewöhnungsphase leichter, aufgrund der bis dahin strengeren Ergebnisorientiertheit der Grundschulen. Dann jedoch setzte sich der Gedanke der yutori kyōiku (ゆとり教育) durch und man reduzierte die wöchentlichen Unterrichtsstunden sowie den Umfang des Lehrstoffes. Yutori bedeutet in etwa „Muße“ oder „freie Zeit“, kyōiku „Erziehung“ oder „Bildung“. Kritiker bemängelten schnell einen Abfall der schulischen Leistungen, weshalb man ab 2002 die zehn Jahre zuvor getroffenen Reformen wieder berichtigte. Vor den Begriff yutori kyōiku wurde kurzerhand ein datsu (脱) gesetzt, welches eine „Abkehr“ vom laissez-faire-Ansatz ausrief. Dennoch erfolgte keine komplette Rückkehr zur fordernden Grundschule der Vergangenheit und einige Elemente der lockeren Erziehungsmethode blieben erhalten.

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Betrachtet man hingegen die Anforderungen des mittelschulischen Lernstoffs mit dem aus dem letzten Grundschuljahr, kann man feststellen, dass es keine unverhältnismäßige Steigerung in Umfang und Schwierigkeitsgrad zu geben scheint. Entscheidende Unterschiede zur Grundschule bestehen dennoch: Die Zusammensetzung der Klassen in etwa ist lange nicht mehr so durchmischt wie zur Grundschulzeit. Während dort noch Arm und Reich, Begabte und Durchschnitt zusammen in einem Klassenzimmer sitzen, fehlen viele der Grundschulklassenbesten nun in der örtlichen Mittelschule. Sie werden von ihren Eltern, sofern es die finanziellen Mittel zulassen, an private Mittelschulen zur Weiterbildung geschickt. Die Kosten der privaten Institute verlangen selbst überdurchschnittlich vermögenden Eltern oft ein Gros ihres Einkommens ab und liegen auch meist weit entfernt des Heimatorts. Ein weiteres Merkmal der Mittelschulen sind die ersten „gebrochenen Lebensläufe“: Schüler, von denen erwartet wurde, sie rückten in eine elitäre Schule auf, schließlich die Prüfungen aber nicht bestanden.

Auch die Lehrerschaft verändert sich: Während in der Grundschule ein Lehrer seine Klasse ein ganzes Jahr lang in allen Fächern unterrichtet, gibt es an den Mittelschulen nun Fachlehrer. Da die Klassengröße, wie in der Grundschule, ebenfalls zu hohe und daher ineffiziente Ausmaße erreicht, bedeutet dies leider, dass Herausforderungen der Schüler, u.a. Mobbing, nun noch schwerer zu entdecken sind. Diese Problematik wird weiterhin durch die Dimensionen Smartphone und Social Media verschärft. Während sich Mobbing früher meist durch körperliche und verbale Auseinandersetzungen bemerkbar machte, geschieht dies heutzutage zusätzlich in sozialen Medien, sodass die Opfer dem Hohn meist rund um die Uhr ausgesetzt sind. Da diese Form des Mobbings in geschlossenen Kreisen und Chats stattfinden, haben die Lehrer oder auch Eltern oft keine Möglichkeit dies zu entdecken und rechtzeitig einzugreifen.

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Zu guter Letzt beginnt in der Mittelschule nun auch die urjapanische Tradition der bukatsu, der “außerschulischen Aktivitäten”. Diese können zum Beispiel aus Volleyball oder Fußball, Tanzen oder Gymnastik, Schach oder Kunst bestehen, doch meist haben sie etwas mit Sport zu tun. Je nach Trainer oder Lehrer kann diese Aktivität jeden Tag im Jahr stattfinden, Feiertage und Wochenenden eingeschlossen. Dieses Maß an geforderter Disziplin an die eigentlich außerschulischen Aktivitäten kann sogar so weit gehen, dass man an vielen Schulen auch von burakku bukatsu spricht (außerschulische Aktivitäten, die das rechtlich erlaubte Maximum bei weitem überschreiten), welche nicht selten gesundheitliche Folgen für die Heranwachsenden haben. Der Wille, etwas gegen ausufernde sportliche Aktivitäten zu unternehmen, ist allerdings nicht sehr groß, verweist man doch gern darauf, dass Japan seine in den Jahrzehnten immer häufiger gewordenen sportlichen Erfolge gerade diesen Aktivitäten verdankt.

Zu Ende der Mittelschule wird es für die meisten Schüler allerdings erst so richtig ernst. Inmitten der berühmten chūnibyō-Phase müssen sie sich auf die wichtigen Oberschulprüfungen vorbereiten. Bei einer Umfrage über das Thema wurde jüngst festgestellt was viele bereits vermuteten: Ganze 94 % der chū-san, also Schüler der dritten und damit höchsten Klasse der Mittelschule, pauken außerhalb des Klassenraums allein, in juku (Nachhilfeschulen) oder mit Nachhilfegruppen für die Oberschulprüfungen. Sind die Aufnahmeprüfungen endlich bestanden beginnt für viele Japaner der vielleicht härteste Abschnitt ihres Schülerlebens mit Eintritt in die Oberschule. So entscheidet schließlich das dortige Abschneiden der Schüler auf welche Universität sie kommen können. Ein Thema, mit welchem sich der nächste Beitrag aus dieser Reihe befassen wird.

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