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Ausblick: Was Japan 2023 erwartet

Matthias Reich
Matthias Reich

Die letzten Schläge der “joya no kane”, der Tempelglocken, die am Neujahrstag ab Mitternacht in ganz Japan läuten, sind längst verklungen – Zeit für einen kurzen Blick darauf, was 2023 auf Japan, seine Bewohner:innen und Besucher:innen zukommen wird.

Inflation und Preissteigerungen

Leider beginnt auch dieses Jahr wieder mit zum Teil saftigen Preissteigerungen. Zahlreiche Hersteller haben angekündigt, dass mehrere tausend Produkte teurer werden – etliche dieser Produkte wurden bereits im Vorjahr ein- oder zweimal verteuert. Betroffen sind vor allem Mehl und Mehlprodukte, außerdem Kaffee, Gas, Papierwaren, Strom und selbst Fahrkarten für die JR-Linien. Mit anderen Worten: Niemand kommt drum herum. Ein bisher kalter Winter sorgt zusätzlich für steigende Obst- und Gemüsepreise.

Politik

Das “2025-Problem” nähert sich – das allerdings schon seit rund 30 Jahren. Die langanhaltende, niedrige Geburtsrate ist für Japan ein existentielles Problem, doch bisher waren alle Maßnahmen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Am Anfang des Jahres hat Premierminister Kishida Fumio nun die Angelegenheit zur Chefsache erklärt, und gleichzeitig preschte die Hauptstadt Tōkyō vor, in dem sie bekanntgab, von nun an 5.000 Yen (knapp 40 Euro) Kindergeld pro Monat zahlen zu wollen. Das klingt für Familien eher wie ein schaler Scherz, denn für die Schul- und Uniausbildung der Kinder muss man spätestens ab dem Oberschulalter 100.000 Yen und mehr pro Monat ausgeben. Da sind 5.000 Yen ganz sicher kein Mittel, das die Geburtenrate anhebt. Kishida wird sich jedoch daran messen lassen müssen – und bereits jetzt wird ihm Führungsschwäche vorgeworfen. Im April haben die Wähler bei den landesweiten Kommunalwahlen die Gelegenheit, der Regierung zu sagen, was sie von ihrer Arbeit denken. Überraschungen werden dennoch auch dieses Mal ausbleiben, mangelt es doch an einer potenten Opposition.

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Wirtschaft

Ein großer Teil der japanischen Firmen, aber auch alle Selbstständige, blicken bereits jetzt mit Sorge auf den Oktober 2023, denn dann wird das sogenannte Invoice-System eingeführt. Kurz gesagt, geht es um den Unterschied von mehrwertsteuerpflichtigen und mehrwehrtsteuerbefreiten Selbstständigen – bei Letzteren mussten die Auftraggeber bisher keine Mehrwertsteuer an den Staat abführen, doch ab Oktober muss selbst dann Mehrwertsteuer bezahlt werden, wenn der Auftragnehmer nicht mehrwertsteuerpflichtig ist. Dies wird zwangsläufig dazu führen, dass steuerbefreite Selbstständige ihre Aufträge verlieren, so sie nicht steuerpflichtig werden. Außerdem werden alle Firmen dazu gezwungen, ein mehr oder weniger einheitliches Rechnungsformat einzuführen – eine große Umstellung besonders für traditionelle Firmen, in denen nicht selten Rechnungen noch mit der Hand geschrieben werden.

Digitalisierung

Die Digitalisierung schreitet auch 2023 voran, und im Mittelpunkt steht die sogenannte “My Number”, mit der letztendlich alle Daten der Bürgerinnen und Bürger miteinander verbunden werden sollen. So sollen dieses Jahr die “Autoprüfungsunterlagen” (das japanische Pendant zum TÜV) sowie Arzneimittelrezepte digitalisiert werden. Außerdem soll es ab April möglich sein, Gehälter direkt als e-Money auszuzahlen beziehungsweise zu beziehen.

Recht

Ab April tritt ein neues Gesetz in Kraft, das Hinterbliebenen dabei helfen soll, geerbte, aber ungewollte Grundstücke einfach an den Staat zu überführen. Das hat durchaus einen ernsthaften Hintergrund, denn egal, ob Erben etwas mit dem Grundstück anfangen können oder nicht – sie müssen Grundsteuer bezahlen. Doch vor allem auf dem Land ist es schwierig bis unmöglich, diverse Grundstücke zu verkaufen, sodass manche Erben durch die Erbschaft finanziell in die Bredouille geraten.

Auch für Freunde einer gepflegten Gerstenkaltschale gibt es eine wichtige Änderung: Ab Oktober wird das Gesetz zur unterschiedlichen Besteuerung von Bier und bierähnlichen Getränken vereinfacht – sprich, die Steuer wird angeglichen. Das sollte theoretisch dazu führen, dass die zahlreichen Bierersatzgetränke überflüssig werden. Allerdings fallen damit nun auch die günstigen Alternativen zum Traditionsgetränk weg – anders gesagt, Bier wird teurer. Aber dafür gibt es mehr “richtiges” Bier.

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Veranstaltungen

Auch in Japan lässt man das Coronavirus mehr und mehr einfach nur eine weitere Infektionskrankheit sein – viele Events, die in den vergangenen drei Jahren ausgefallen waren, finden nun wieder statt. Hinzu kommen ein paar andere, wichtige Veranstaltungen: So findet vom 19. bis 21. Mai der G7-Gipfel in Hiroshima statt.

Jubiläen

Der staatliche Rundfunksender NHK wird 70 Jahre alt – daran wird auch die NHK-kritische politische Partei “Schützt das Volk vor der NHK” (kurz N-Partei) nichts ändern können. Tōkyō Disneyland wird sage und schreibe 40 Jahre alt und Fans dürfen sich auf besondere Events freuen. Exakt das gleiche Jubiläum feiert auch die “Famikon” von Nintendo – allein in Japan wurden fast 20 Millionen Exemplare des Spielecomputers verkauft.

Kunst und Sport

Das teamLab Borderless soll 2023 endlich wiedereröffnen, nach mehr als einem Jahr Pause. Die faszinierende Digitalausstellung soll gegen Jahresende in Azabudai (Nähe Roppongi) ihre neue Heimat finden.

Und dann wäre noch ein sportliches Ereignis zu nennen, das ganz Japan mitfiebern lassen wird – die Rugby-Weltmeisterschaft (auch wenn sie dieses Jahr in Frankreich stattfinden wird).

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