Gudetama: Japan, Land des depressiven Eigelbs

Hannah Janz
Hannah Janz

„Sunny side up“? Ganz sicher nicht mit diesem Spiegelei! Der brummelige Gudetama döst stattdessen lieber den ganzen Tag unter einem Streifen Bacon. Wie konnte dieses Maskottchen in Japan so beliebt werden?

Braucht dringend Aufmunterung: Gudetama. ©Sanrio Twitter

So kennen wir japanisches Merchandise: Vom Kugelschreiber über das Portemonnaie bis hin zum Teller, alles ist mit niedlichen kleinen Maskottchen verziert. Da gibt es welche wie Hello Kitty, die mittlerweile selbst zum Medium geworden sind. Dann gibt es andere, die Firmen oder Präfekturen verkörpern.

Diese heißen in Japan yuru kyara (緩キャラ), „softe Maskottchen“. Sie erleichtern dem Betrachter den emotionalen Zugang zu dem, was sie repräsentieren, denn die Maskottchen sind harmlos und freundlich.

Hello Kitty
Die Welt im Zeichen der Katze: Hello KItty-Store in Delft in den Niederlanden. © GiYu CC2.0

Kawaii sells

Diese Eigenschaft des Weichen, Soften, Niedlichen heißt auf Japanisch kawaii – etwas, dem man Liebe und Wohlwollen entgegenbringen kann. Kawaii ist mittlerweile eine weltweit bekannte Vokabel, kawaii gilt als einzigartige Qualität japanischer Popkultur.

Die Spielzeugfirma Sanrio, der auch das depressive Eigelb Gudetama entschlüpft, ist spezialisiert auf solche Maskottchen. Hello Kitty ist das Aushängeschild der Firma, eine weiße Katze mit einer roten Schleife am Ohr. Vor allem ihr ist der Siegeszug von kawaii zu verdanken, auch über die Grenzen Japans hinaus.


Kawaii, aber nicht unpolitisch: Die Sanrio-Maskottchen fordern US-Amerikaner auf dem englischsprachigen Twitter-Account 2016 dazu auf, zur Präsidentschaftswahl zu gehen. © Sanrio@Twitter

Beim Blick auf die lange Geschichte der Maskottchen aus dem Hause Sanrio fällt auf: Alle sind kawaii, einige vielleicht noch ein bisschen keck wie der Frosch Keroppi (oben rechts im Tweet-Bild). Diese Maskottchen haben selbst gute Laune und erzeugen Heiterkeit beim Betrachter.

Gudetama aber, das Eigelb, ist einzigartig: Er hat so richtig schlechte Laune. Und das schreckt die Fans nicht etwa ab – Nein! Seit Gudetama sich 2013 energielos ins Rampenlicht geschleppt hat, gehört er zu den beliebtesten Charakteren von Sanrio.

“Die Zukunft sieht düster aus” – zumindest, wenn der Pilz die Sicht versperrt. © Sanrio@Twitter

Wie konnte das passieren?
Wie wurde Japan das Land des depressiven Eigelbs?

Tamago 卵 bedeutet Ei, die Lautmalerei gudegude (ぐでぐで) unmotiviert, kraftlos – das Gefühl kennt jeder.

Seien wir ehrlich: Wer verlässt schon gerne sein Ei, wenn es draußen trostlos und kalt ist? Und wenn man sich dann auch noch auf ein Stück spitze Eierschale gesetzt hat, ist der Tag so richtig schön im… Naja, Sie wissen schon. So geht es Gudetama. Empathie ist also durchaus ein schlagendes Argument für Gudetamas Beliebtheit.

Kawaii ist Gudetama auch – aber nicht nur. Er ist kimokawaii (きもかわいい). Kimo ist die Abkürzung für kimochiwarui – ein schlechtes Gefühl von etwas bekommen oder sich unwohl fühlen.

Gudetama Japan
Passendes Merchandise: Gudetama-Pflaster. ©Janz

“Ich wollte doch einen Löffel dazu” – Curry isst sich schwer nur mit Stäbchen. Das kann den ganzen Tag vermiesen! © Sanrio@Twitter

Der Begriff kawaii wird erweitert

Zusätzlich zu den warmen Gefühlen des Niedlichen enthält kimokawaii wohlgesonnen-amüsiertes Mitleid und erstreckt sich auch auf das leicht Eklige und Nicht-Fröhliche. In diesem Begriff und in Gudetama selbst werden also zwei Pole eines Spektrums zusammengebracht: Maskottchen können hässlich oder eklig sein, obwohl sie auch kawaii sind.

In Japan, Land of the sunny side down, ist das kein Widerspruch. Hier kann auch ein depressives Eigelb König der Maskottchen werden, auch wenn er kaum seinen Hintern über den Tellerrand bewegt. Und nett muss Gudetama auch nicht sein. So twitterte das Ei Ende Oktober 2016: “700.000 Fans für ein Ei? Das ist doch lächerlich!”

700.000 Fans? Kein Grund zur Freude für den Griesgram Gudetama. Die Fans nahmen es ihm nicht übel. © Sanrio@Twitter

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