Fotoshootings in “Kawaii”: Purikura in Japan

Diana Casanova
Diana Casanova

In Japan gehört es zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten von Jugendlichen, besonders von Mädchen und jungen Frauen. Doch was genau ist Purikura eigentlich und was macht seinen besonderen Reiz aus?

Purikura-Box
"Purikura", ein besonderes Erlebnis, das man mit Freunden teilt: Die Gestaltung seiner eigenen Fotosticker. © Flickr / Laurent Neyssensas

In Spielhallen oder Einkaufszentren stehen sie, riesige Maschinen, oft eine nach dem anderen auf engem Raum und manchmal gibt es ganze Etagen und Hallen nur für sie allein: Purikura-Fotoautomaten sind fest mit der japanischen Jugend- und „Kawaii“-Kultur verbunden und ein beliebter Freizeitspaß unter Jugendlichen. Doch auch für Touristen sind sie sehr zu empfehlen und bieten einzigartige Erinnerungen an die Japanreise.

Purikura-Fotoautomaten
Typische Purikura-Fotoautomaten. © Flickr / Laurent Neyssensas

Fotografie auf japanische Art

Purikura (プリクラ) ist eine Abkürzung von purinto kurabu (プリント倶楽部, vom englischen „print club“), denn so wurden die ersten Purikura-Automaten ursprünglich genannt. Eine typische „Fotosession“ kostet zwischen 200 und 500 Yen (ca. 1,50 € bis 4 €), die folgendermaßen abläuft: Zuerst wählt man auf einem ersten Bildschirm außerhalb des Automaten seine gewünschten Formate, Hintergründe, Fotostile, Rahmen und Anzahl der Fotos aus. Je nach Automat können mehrere Personen teilnehmen, manchmal sogar größere Gruppen und Sie können individuell zwischen Nah- oder Ganzkörperaufnahmen auswählen. Keine Sorge: Es gibt wahrlich genug Auswahl- und Kombinationsmöglichkeiten.
Nach dem Bezahlen stellt man sich in den Automaten in einen kleinen Raum, der oft mit einem Green Screen ausgestattet und hell beleuchtet wird. Ein Bildschirm fordert die Gäste auf, ihre gewünschten Posen einzunehmen (und gibt sogar Vorschläge dafür) und das Foto wird geschossen (Achtung: in der Regel hat man nur einen Versuch!), dann das nächste und das nächste, abhängig von den zuvor ausgewählten Optionen, bis das Shooting für beendet erklärt wird. Doch damit ist der Purikura-Spaß noch lange nicht vorbei, denn jetzt kommt der eigentlich wichtige Teil: das rakugaki (落書き, “Kritzelei”)!

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Purikura-Fotoautomaten
Auf separaten Bildschirmen kann man seine Fotos nach Belieben bearbeiten. © Flickr / Hildgrim

Individualisierter Spaß für alle

In diesem zweiten Schritt begibt man sich zu einem kleinen Abteil außerhalb des Fotoräumchens, in dem sich ein bis zwei weitere Bildschirme mit Touch Pens befinden. Die eben geschossenen Fotos werden nun angezeigt, zusammen mit einem sehr umfangreichen Menü, ähnlich einer sehr komplizierten Version des Windows-Programmes Paint. Nun geht es ans Dekorieren und Gestalten der Fotos: Nach Lust und Laune kann man sich hier durch die Unterpunkte klicken und kleine Sticker, Schriftzüge, Textvorlagen und Motive einfügen, in verschiedenen Farben und Größen, während jeder Sticker noch verschiedene Designs und Stile aufweist. Sie möchten das heutige Datum einfügen? Kein Problem. Ihre Freunde sollen Katzenohren und Sie einen monströsen Schnurrbart bekommen? In nur einem Klick erledigt! Hier noch ein bisschen Glitzer oder doch lieber den eigenen Namen Freihand geschrieben, und schon sind der eigenen Fantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt.
In der Regel können zwei Leute gleichzeitig die Fotos editieren, sodass man sich auch abwechseln kann. Doch Vorsicht, es gibt ein (wenn auch recht großzügiges) Zeitlimit für den Bearbeitungsprozess, damit die Leute sich nicht zu lange damit aufhalten und andere Gäste warten lassen.

Purikura-Fotos
So sieht ein typisches Purikura-Ergebnis aus. © Flickr / Viola Renate

Wenn sie zufrieden mit dem Endergebnis sind, dann dauert es noch wenige Minuten, bis die Maschine die Fotos ausgedruckt hat. Am Ende erhält man einen oder mehrere kleine Bögen im zu Beginn ausgewählten Layout. In der Nähe der Automaten oder beim Personal kann man häufig eine Schere bekommen, mit der man direkt im Geschäft noch die einzelnen Fotos ausschneiden und mit seinen Freunden tauschen kann. Auch besteht die Möglichkeit, sich die Fotos direkt an sein Smartphone oder an seine E-Mail-Adresse schicken zu lassen. Doch Purikura-Fotos sind nicht einfach nur Fotos: Sie sind tatsächlich fast immer auch Sticker, sodass Sie direkt das Handy, den Kalender oder andere Dinge mit Erinnerungen Ihrer besten Freunde oder Familie verschönern können.

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Purikura-Fotos
Nicht immer gleich: Es gibt unzählige Muster, Designs und Möglichkeiten. © Flickr / Liz Mc

Ein Jugendphänomen

Doch woher kommt dieser faszinierende Trend? Der erste Purikura-Automat erschien im Jahre 1995 auf dem Markt, entworfen von der Gaming Firma Atlus. Zu Beginn war es ein einfacher Fotoautomat, bei dem man seine Fotos z.B. mit einem schönen Rahmen versehen konnte. Erst später stießen große Firmen wie Sega dazu, doch der Name Purikura wurde trotzdem kollektiv für alle Marken verwendet. Deren Beliebtheit nahm jedoch erst richtig an Fahrt auf, als die überaus populäre Boy Band SMAP in einem Werbespot damit auftauchte. So ist Purikura seit Ende der 90er-Jahre ein untrennbarer Teil der japanischen Jugendszene und seitdem hat sich die Technologie dahinter rasant weiterentwickelt. Immer mehr Features und Optionen wurden den Maschinen hinzugefügt, sodass sie zu dem Sammelsurium an ausschweifender Kreativität wurden, welches sie heute sind.

Ein großer Aspekt von Purikura ist seine soziale Komponente: Man macht dies selten allein (wenn auch nicht ungewöhnlich), sondern mit seinen Freunden, Partnern oder Familienmitgliedern. Daher dreht sich das gesamte Konzept von Purikura auch um die Themen Freundschaft und Liebe; fast immer werden Sie in den Spielhallen eine Gruppe von Schulmädchen sehen, die sich in die kleinen Fotoboxen drängen und posieren. Überhaupt ist Purikura stark auf weibliche Konsumenten, besonders auf Mittel- und Oberschülerinnen, ausgerichtet. Es gibt daher einige Purikura-Hallen, in denen sogar keine Männer erlaubt sind bzw. nur in weiblicher Begleitung (da es in der Vergangenheit immer wieder Fälle von Belästigung gegeben hatte).

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Purikura-Fotos
Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Flippen Sie ruhig aus! © Flickr / Erica Kline

Vielfältiges Angebot

Der Fokus auf Mädchen und Frauen ist auch anhand der verschiedenen Versionen der Automaten zu sehen, denn nicht jeder ist identisch. Viele spezialisieren sich auf einen bestimmtem „Stil“: Die einen heben die natürliche Schönheit der Nutzer hervor, andere bedienen bestimmte Fashion Trends, noch andere stehen ganz im Zeichen von Disney oder anderen Popkultur-Phänomenen. Die allermeisten Purikura-Automaten zeichnen die Haut der Personen automatisch weich oder vergrößern die Augen leicht, um eventuelle Makel zu kaschieren (auch diese Effekte kann man nach Bedarf abschwächen oder bis zur beinahen Unkenntlichkeit verstärken). Manche Orte bieten auch die Möglichkeit, sich Perücken, Accessoires oder ganze Kostüme für die persönliche Fotosession auszuleihen.

Es gibt in Japan kaum jemanden, der nicht schon einmal Purikura gemacht hat. Leider sind die meisten Maschinen auf Japanisch gehalten und obwohl das Menü bis zu einem gewissen Grad selbsterklärend ist, empfiehlt es sich als Ausländer jemanden in der Gruppe zu haben, der über ausreichend Japanischkenntnisse verfügt. Wenn Sie das nächste Mal in Japan, lassen Sie sich diesen Spaß nicht entgehen!


Verwendete Creative Commons-Lizenzen:

https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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