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Buchrezension: „Lito“ von Yamamoto Katsuko

Constanze Thede
Constanze Thede

In Yamamoto Katsukos Erzählung sucht der kleine Hund Lito ein Zuhause und ein Lebensziel. Das inmitten der Pandemie entstandene Buch hält die ein oder andere Überraschung bereit und regt Groß und Klein zum Nachdenken an.

Farbige Illustration des kleinen Hundes Lito auf einer Blumenwiese vor blauem Himmel
© Monamori Deutschland

Das Buch “Lito” von Yamamoto Katsuko richtet sich Kinder und Erwachsene und ist in Japan erstmalig im September 2020 erschienen. In Deutschland konnte es Ende 2021 aufgrund des Engagements einer Gruppe von Laien-Übersetzer:innen in Eigenregie veröffentlicht werden.

Es besteht aus zwei Teilen: Die Hauptgeschichte dreht sich um den titelgebenden Lito, einen kleinen Hund, der sich auf die Suche nach einem Zuhause und seiner wahren Bestimmung macht. Der umfangreiche Anhang enthält einen Essay des Genetikers Prof. Murakami Kazuo, ein Nachwort von Yamamoto Katsuko, je einen kurzen Vorstellungstext über die beiden Autoren sowie einen Nachruf auf den am 13. April 2021 verstorbenen Professor und in der deutschen Ausgabe ein Nachwort des Übersetzer-Kollektivs.

Ermutigend und aktuell

Die Erzählung um den kleinen Hund Lito ist eine herzerwärmende Geschichte, die viele, besonders für Kinder universelle Lebensweisheiten enthält, wie beispielsweise, dass jedes Lebewesen wertvoll ist, unabhängig davon, was es leisten kann. Der niedliche Lito mit seinen rosa Pfoten und dem Engelsflügeln gleichenden Muster auf dem Fell lässt sicherlich Kinder- und Erwachsenenherzen höher schlagen, zumal man sich in den zu Anfang der Geschichte heimatlosen Hund, der auf der Suche nach einem Zuhause immer wieder mit der Begründung, er sei nicht „nützlich“, abgewiesen wird, leicht hineinversetzen kann.

Der kleine Hund Lito neben einer Weizenäre
Der kleine Hund Lito. © Monamori Deutschland

Eine unerwartete Wendung nimmt die Geschichte, als in der Stadt, in der Lito lebt, eine Seuche ausbricht, die eine ernsthafte Bedrohung für die Menschen darstellt. Als die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann, kommt Lito eine wichtige Aufgabe zu. Wer bis dahin geglaubt hat, dass es sich um eine recht simple Kindergeschichte handelt, merkt nun, dass er irrt, denn hier ist der Bezug zur aktuellen, realen Pandemiesituation klar zu erkennen. Im Buch wird beispielhaft gezeigt, wie eine Gesellschaft in einer solchen Krise solidarisch zusammenhalten kann. Kinder könnten sich besonders bei dem Gedanken bestärkt fühlen, dass jede/r auf eigene Weise mithelfen kann, egal, wie klein er/sie ist.

Sehr positiv hervorzuheben ist auch, dass in der Erzählung sensibel mit Themen wie Krankheit und Tod umgegangen wird, ohne diese für Kinder als „unzumutbar“ einzustufen und somit auszusparen. Beispielsweise wird deutlich gemacht, dass man eine Seuche nicht unterschätzen sollte, weil sie sehr ansteckend ist und Menschen daran sterben können. Gleichzeitig enthält die Geschichte auch rätselhafte, spirituelle Elemente wie eine höhere Macht namens „Gashuda“, die dafür sorgt, dass die Dinge in den richtigen Bahnen verlaufen. Ob dies für die Geschichte unbedingt erforderlich ist, muss jeder für sich beurteilen, aber immerhin hat die Autorin mit Gashuda etwas Universelles erschaffen, das an keine bestimmte Religion gebunden ist.

Unübersichtlicher Anhang

Ins Stolpern gerät man, wenn man am Ende des Buches auf den deutlich zu umfangreichen und unübersichtlichen Anhang stößt. Dieser beginnt mit einem Essay des Genetikers Prof. Murakami Kazuo, der ohne einleitende Worte an den Hauptteil anschließt. Darüber, in welcher Verbindung der Professor zur Autorin steht, wird beispielsweise erst im Laufe des Textes aufgeklärt. Dies sollte dem Anhang unbedingt vorangestellt werden, zusammen mit einem Hinweis, dass dieser Teil für erwachsene Leser:innen gedacht ist, da die wissenschaftlichen Erläuterungen für Kinder sicher schwer zu verstehen sind.

Der Professor legt im Essay seine Gedanken zur SARS-CoV2-Pandemie dar und gibt einen kleinen Einblick in die Genforschung. Die Übertragung von Informationen und das Wirken durch Gene über Generationen hinweg bezeichnet er als „Something Great“, ein Begriff, den auch Yamamoto verwendet und den Murakami synonym mit dem Ausdruck „Eltern des Lebens“ beschreibt. Er wählt einen sehr positiven Ansatz, um mit der Pandemie umzugehen, indem er nahelegt, diese Krise als Chance anzusehen. Er betont, wie eng Körper und Psyche miteinander verknüpft sind und dass unsere Gefühle Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. Sein kleiner Einblick in die Erkenntnisse der Genforschung, dass Gene an- und abgeschaltet werden können, ist hochinteressant. Dennoch wirken manche seiner Aussagen zum heutigen Zeitpunkt, an dem die Pandemie schon weit fortgeschritten ist und viele Menschen ihre Gesundheit oder sogar das Leben gekostet hat, leicht deplatziert, beispielsweise der Ratschlag, es sei bei allem, was einem geschieht, „sehr wichtig, immer positiv zu denken“ (S. 151). Man muss allerdings bedenken, dass das Buch in Japan erstmals während des ersten Pandemiejahres erschien, als die Menschen wohl dringend eine Ermutigung brauchten. Der Hinweis des Professors, dass uns die Pandemie zum Umdenken bewegen sollte, was den Umgang mit unserem Planeten angeht, und wir auch danach nicht einfach so weiterleben sollten wie vorher, ist wiederum gerade heute von zentraler Bedeutung.

Etwas zu hoher Anspruch

Im anschließenden Nachwort der Autorin werden einige Dinge wiederholt, die bereits im Essay angesprochen wurden, was man hätte vermeiden können, wenn man beide Texte miteinander verbunden oder gekürzt hätte. Nichtsdestotrotz ist Yamamotos Text sehr berührend. Diese lernte im Rahmen ihrer Arbeit als Förderlehrerin das an MS erkrankte und inzwischen verstorbene Mädchen Yukie kennen, das sie darum bat, die Botschaft, dass alle Menschen gleichermaßen wertvoll sind und „alles und jedes für einen besseren Tag ist“ (S. 162), in die Welt zu tragen, was für Yamamoto auch der Auslöser war, dieses Buch zu schreiben. Wie auch Helmward Ungruhe stellvertretend für das Übersetzerteam im Nachwort schreibt, soll die Erzählung um Lito den Menschen vermitteln, dass alle Dinge, die geschehen, einen Sinn haben, selbst die Pandemie.

Der Anspruch, dass die Leser:innen dank dieses Gedankens „Menschen mit Einschränkungen mit anderen Augen […] sehen und den Umgang mit diesen als Bereicherung […] erleben“ (S.185-86) ist aber vielleicht etwas zu hoch, da in der Geschichte selbst gar keine solchen Menschen vorkommen. Immerhin kann aber das Nachwort zu solchen Gedanken anregen. Die beiden Autorenprofile sind zwischen dem Essay und dem Nachruf nicht an einer sehr günstigen Stelle platziert worden, schöner wäre es gewesen, diese als Klappentext oder ganz hinten im Buch vorzufinden.

Frau Yamamoto und Professor Murakami
Die Autoren Frau Yamamoto und Professor Murakami. © Monamori Deutschland

Schlussgedanken

Da „Lito“ im Selbstverlag herausgegeben wurde, sind ein paar redaktionelle Schönheitsfehler und Ungereimtheiten in der Übersetzung natürlich nicht immer zu vermeiden. Immer wieder ist im Nachwort beispielsweise von einer „Epidemie“ statt von einer „Pandemie“ die Rede. Die Erzählung selbst ist jedoch sehr bewegend und auch wenn das Nachwort deutlich zu lang und unübersichtlich ist, regt es doch zum Nachdenken an. Man spürt beim Lesen, dass es sich um ein Herzensprojekt sowohl der Autoren als auch des Übersetzerteams handelte. Man kann sich nur wünschen, dass diese Geschichte in Zukunft von einem Verlag entdeckt und noch einmal neu aufgelegt wird, doch auch in der jetzigen Form wird sie sicherlich viele kleine und große Leser:innen inspirieren.

Buchcover "Lito"
© Monamori Deutschland

„Lito“ von Yamamoto Katsuko

mit einem Essay von Professor Murakami Kazuo

Monamori Verlag Deutschland, 2021

Taschenbuch

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