JUMPEI TAINAKA: Fotografische Reise durch Zeit und Raum

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

“Fotografie ist die Sprache der Gegenwart”: Ob ein schneller Schnappschuss oder eine inszenierte Komposition, jedes Bild enthält eine Botschaft. Der Fotograf JUMPEI TAINAKA hat sich darauf spezialisiert Geschichten zu erzählen und neue Welten zu bereisen.

“A Wanderer, ever after”. © JUMPEI TAINAKA
“A Wanderer, ever after”. © JUMPEI TAINAKA

Wir ergründen in einem Interview die fantastischen Fotowelten des japanischen Fotografen und Künstlers JUMPEI TAINAKA und stellen ihm Fragen zu seinem Deutschlandaufenthalt, dem beruflichen Werdegang und zu der Bedeutung seiner Werke.


Selbstportrait. © JUMPEI TAINAKA
Selbstportrait. © JUMPEI TAINAKA

Zur Person

JUMPEI TAINAKA wurde 1982 geboren und ist heute als Fotograf in Hamburg, Tōkyō und Ōsaka ansässig. Neben seiner Tätigkeit als Künstler begeistert er sich für Geschichte, Literatur und Philosophie. 2005 schloss er sein Studium in “Deutsche Linguistik und Literatur” an der Reitaku-Universität ab und machte drei Jahre später den ersten Schritt zu seiner fotografischen Karriere. Bevor er sich der Kunst widmete, sammelte er Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen.
In seinen Projekten widmet sich TAINAKA philosophischen Themen wie: “Was ist eine Stadt?”, “Wer bist du?” und “Reisen durch Zeit und Raum”. Mittlerweile hat er sich auch in der Filmbranche einen Namen gemacht, erhielt internationale Preise und Nominierungen für seine Arbeit und durchquert die ganze Welt.


Bereits in Ihrer Jugend pflegten Sie eine tiefe Verbindung zu Deutschland. Wie kam es dazu?

Als ich 17 war, begann ich mich für die Klassiker europäischer Literatur zu interessieren. Ursprünglich ging ich davon aus, dass fantastische Werke wie “Gullivers Reisen“, in denen Zwerge und Riesen vorkamen, hauptsächlich der Unterhaltung dienten. Sobald ich mich aber tiefer in die Thematik einarbeitete, stellte ich fest, dass noch viel mehr hinter den Geschichten steckt: Gesellschaftskritik, Flucht in fantastische Welten, politische Debatten. Dies schürte mein Interesse an Literatur und ich begann, alle Klassiker gierig zu verschlingen.

Ich beschloss, deutsche Literatur zu studieren und ein Auslandssemester an der Martin-Luther-Universität in Halle zu machen. Dies sollte meine erste Reise nach Europa werden und ich setzte mir das Ziel, während meines Aufenthalts mehr als 100 deutsche Städte zu besuchen. Die Vielseitigkeit der Ortschaften beeindruckte mich sehr! Ich machte natürlich Erinnerungsfotos, besaß aber noch nicht den Wunsch, irgendwann eine berufliche Laufbahn als Fotograf einzuschlagen. Nach meinem Auslandssemester kehrte ich vorerst wieder nach Japan zurück und arbeitete auf Wunsch meiner Eltern als Angestellter in einer Firma.

“Dancing Nymph in Hades” Seven Sisters UK 2019. © JUMPEI TAINAKA
“Dancing Nymph in Hades” Seven Sisters UK 2019. © JUMPEI TAINAKA

Foto aus dem Projekt "Familie werden" von Yamada RieYamada Rie über das Wesen von Familienfotos | InterviewDie Fotografin Yamada Rie hat 2017 mit ihrem Werk "Familie werden", für das sie alte Fotografien unterschiedlicher Familien nachgestellt hat...02.10.2019

Deutschland: Dort, wo die Reise begann

Wie fanden Sie zur Fotografie?

Zu Beginn arbeitete ich hauptsächlich als Teilzeitfotograf für die Schönheitsbranche, später widmete ich mich auch anderen Themengebieten wie Kochen, Sport, Musik und Natur. Ich nahm mir vor, bis zu meinem 30. Lebensjahr alles auszuprobieren. Doch obwohl ich mich in viele Bereiche vorwagte, schien etwas zu fehlen. Ich sehnte mich nach künstlerischer Entfaltung und wollte meiner Kreativität freien Lauf lassen. Europa ist schöpferischen Freiheiten gegenüber sehr aufgeschlossen und ich entschied mich dazu, mein Glück in Deutschland zu versuchen.

War es schwierig, in Deutschland Fuß zu fassen?

Als freier Fotograf fiel es mir im ersten Jahr sehr schwer, mich heimisch zu fühlen. Ich hatte keine Bekanntschaften und musste bei Null anfangen. Natürlich konnte ich bereits eine Laufbahn vorweisen, doch es schien sich vorerst niemand für meine Fähigkeiten zu interessieren. Ich knüpfte Beziehungen und besuchte Veranstaltungen, um mir einen Namen als “Brücke” zwischen Deutschland und Japan zu machen. Zudem widmete ich mich meinem künstlerischen Vorhaben und begann mit der Städtefotografie.

“Artificial Mountains_Shinjuku, 15:35.10.00”. © JUMPEI TAINAKA
“Artificial Mountains_Shinjuku, 15:35.10.00”. © JUMPEI TAINAKA

Der reisende Fotograf, durch Raum und Zeit

Warum “Städte” als Leitmotiv?

Die Bilder des Naturfotografen Sebastião Salgado inspirierten mich und ich wusste, dass ich einen ähnlichen Weg bestreiten wollte. Allerdings galt mein Interesse Städten und ihrer Entstehung. Eine Stadt ist der Atem der Menschheit, da sie sich über Jahrhunderte weiterentwickelt und das Produkt der Gesellschaft darstellt. Ich wollte dies für den Betrachter ersichtlich machen. Also suchte ich erneut die Ortschaften auf, die ich als Student bereist hatte und wurde zum “reisenden Fotografen”.

Auf Ihrer Homepage stellen Sie sich als “Photographer, who travels through Time & Space” vor. Inwiefern spielt “Reisen” bei Ihnen eine Rolle?

Bereits in meiner Jugend begeisterte mich “Reisen” als ein Leitmotiv romantischer Literatur. Mein ganzes Leben ist eine Reise und auch meine berufliche Laufbahn zeichnet sich durch Mobilität aus. Während ich herumkam, lernte ich viele Menschen kennen, die ich mit meiner Fotografie begeistern konnte. Als mobiler Fotograf ist mir kein Weg zu weit und so kam es dazu, dass auch ehemalige Bekannte aus Japan mich beruflich kontaktierten. Viele meiner Klienten sind Regisseure und Filmemacher. Durch sie verbreitete sich mein Ruf als reisender Fotograf auch außerhalb Deutschlands und Japans. Mittlerweile erhalte ich Anfragen aus London, New York und Hong Kong.

Szene aus dem Film CRAZY SAMURAI MUSASHI von Regisseur Shimomura Yūji mit Sakaguchi Taku in der Hauptrolle. © JUMPEI TAINAKA
Szene aus dem Film CRAZY SAMURAI MUSASHI von Regisseur Shimomura Yūji mit Sakaguchi Taku in der Hauptrolle. © JUMPEI TAINAKA

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Was zeichnet Ihre Fotos aus? Was ist Ihnen wichtig?

Ich möchte mit meinen Bildern Botschaften vermitteln, die für das bloße Auge nicht ersichtlich sind. So wie Autoren durch literarische Werke neue Welten kreieren, will ich den Betrachter in eine ihm neue Sphäre entführen. Wenn ich zum Beispiel Menschen fotografiere, versuche ich nicht nur das Äußere, sondern auch die Seele und ihre Geschichte einzufangen. Die Narben der Zeit, die nicht mit bloßem Auge zu erkennen sind. Ich möchte durch meine Bilder Antworten auf philosophische Fragen wie den Sinn des Lebens geben.

Das Tor zu neuen Dimensionen

Sie haben im Juli 2020 das Fotobuch “Undine” veröffentlicht. Was wollen Sie dem Betrachter mit Ihren neuesten Bildern vermitteln?

Ich interpretiere in diesem Projekt die Geschichte “Undine” von Friedrich de la Motte Fouqué durch fotografische Mittel neu. Die Undine ist bei Fouqué ein seelenloses Wesen, das einen Geist erhält, sobald es sich verliebt. Ich entschied mich dazu, ihre Gefühlswelt durch die Reflektionen unterschiedlicher Städte auf Wasseroberflächen auszudrücken. 
Den meisten Betrachtern ist zu Beginn nicht bewusst, dass sie Bilder von Wasser sehen. Die fantastischen Formen und ausdrucksstarken Farben erinnern sie eher an Kristalloberflächen oder moderne Malereien. Durch diese Vieldeutigkeit gewinnen sie einen neuen Zugang zu ihrer Umwelt und lernen eine Sphäre kennen, die eine eigene Geschichte erzählt.

“White: The Colourless” aus dem Fotobuch ”Undine”. © JUMPEI TAINAKA
“White: The Colourless” aus dem Fotobuch ”Undine”. © JUMPEI TAINAKA

Was ist Ihr Ziel für die Zukunft?

Ich werde weiterhin die Welt bereisen und den Menschen ihre Heimat aus einer Perspektive zeigen, die ihnen unbekannt ist. Für mich ist die Fotografie die Sprache der Gegenwart. Jeder Gegenstand hat einen eigenen Geist und dieser soll dem Betrachter auch ohne Worte vermittelt werden. Dadurch möchte ich ihm den Zugang zu einer fantastischen Weltansicht eröffnen.
Jeder soll durch meine Bilder die Möglichkeit haben zu verreisen. Nicht nur von einem Ort zum anderen, sondern auch über die körperlichen Grenzen hinaus. Reisen durch die Zeit, Reisen durch den Raum und Reisen in eine neue Dimension.

“A Wanderer, ever after”. © JUMPEI TAINAKA
“A Wanderer, ever after”. © JUMPEI TAINAKA

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