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„Kunst ist für mich ‚Mindfulness’“: Im Interview mit Künstlerin Matsuo Yumi

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Von niedlichen Singvögeln bis hin zu märchenhaften Gemälden - Matsuo Yumi kreiert im verschneiten Niigata kleine Meisterwerke aus Holz und Farbe. Lange Zeit stand die Karriere der Künstlerin und Familienmutter still, doch seit der Corona-Pandemie ist ihre Werkbank belebter denn je.

Tierfiguren von Matsuo Yumi
Die Tierfiguren von Yumi Matsuo erfreuen sich besonders großer Beliebtheit (aus dem Fotobuch „YUMI“).

Ob Malerei oder Holzarbeiten – Matsuo Yumis Werke bieten Kunstliebhabern eine bunte Vielfalt an unterschiedlichen Stilen. Die 48-jährige Künstlerin aus Tōkyō lernte ihr Handwerk an der Universität Tsukuba und schloss ihr Studium mit einem Master in Bildhauerei ab. Danach zog es sie ins verschneite Jōetsu in der Präfektur Niigata, wo sie sich lange Zeit ihrer Familie widmete. Kurzzeitig arbeitete sie als Teilzeitlehrerin an einer Schule, bis sie schließlich im Sommer 2020 während der Corona-Pandemie ihr Kunststudio Atelier Y eröffnete. Dort legte Matsuo großen Wert auf künstlerische Freiheit und unterrichtete sowohl kleine Kinder als auch Jugendliche und Erwachsene.

In Niigata, das nur wenige  Ausbildungsmöglichkeiten in kreativen Berufsfeldern bietet, gilt ihr Atelier als kleines Juwel. Heute widmet sie sich ihren eigenen Projekten und schafft märchenhafte Gemälde sowie diverse Holzschnitzereien, die in ihrem 2023 erschienenen Fotobuch zu bewundern sind.

JAPANDIGEST: Wollten Sie schon immer Künstlerin werden?

Matsuo Yumi: Als Kind liebte ich Tiere und hatte auch einige Haustiere. Wenn diese sterben, nimmt es einen sehr mit, deshalb hatte ich mir vorgenommen, Tierärztin zu werden und Tierleben zu retten. Aber als ich mit dem Studium begann, fielen mir die Naturwissenschaften schwer und ich wusste, dass ich mir niemals diesen Traum erfüllen würde. Ich war sehr niedergeschlagen und überlegte, was mir sonst noch gefällt. Alle in meiner Familie waren handwerklich veranlagt und in meiner Kindheit habe ich gerne gezeichnet und gebastelt. Damals gab es noch kein Internet und daher auch nicht so viele Informationsquellen, aber ich glaube, dass meine Familie einen großen Einfluss auf mich ausgeübt hat.

Außerdem hatte meine Mutter eine Ausstellungsvitrine, in der sie viele traditionelle japanische Handarbeiten und omiyage (Souvenirs) zur Schau stellte. Diese habe ich mir immer sehr gerne angeschaut. Ich kann mich auch daran erinnern, wie beeindruckt ich von dem Kunstlehrer in der Grundschule war, der ebenfalls malte und uns mit geeigneten Materialien arbeiten ließ. Ich denke, es ist wichtig, schon in jungen Jahren mit solchen Erfahrungen in Berührung zu kommen. Ich mag an den Naturwissenschaften gescheitert sein, aber genau diese Misserfolge haben mich schließlich zur Kunst geführt.

Matsuo Yumi
Während die Welt im Zuge der Corona-Pandemie zum Stillstand kam, gründete Matsuo Yumi ihr Studio Atelier Y, um junge Menschen an die Kunst heranzuführen und ihren Alltag ein wenig aufzuhellen.

Wer sind Ihre Vorbilder?

Es gibt viele Künstler, für die ich mich begeistere, deshalb ist es schwierig, genau einen auszuwählen. Aber besonders mag ich Vincent van Gogh, Claude Monet und Mark Rothko. Van Gogh hat in seinem Leben viel durchgemacht und wurde von zahlreichen Sorgen geplagt. Man spürt, wie er diese in seiner Kunst verarbeitete. Seine Werke sind nicht nur schön anzusehen, sie sind auch ehrlich.

Ich mag auch antike Werke, z. B. römische und ägyptische Kunst und Architektur sowie alte japanische Tempel. Meiner Meinung nach waren die Schöpfer all dieser Gebäude sowie die Erbauer von plastischen Werken wie der Buddha-Statuen wahre Künstler.

Im Jahr 2021 schuf Matsuo das Covermotiv für die deutschsprachige Gedichtsammlung "Tanz der Seelen" von Mina Mitsuoka (aus dem Fotobuch „YUMI“).

Wie kamen sie von der Malerei zum Holzhandwerk?

In Japan gibt es sogenannte bijutsu yobikō-Schulen, d. h. Oberschulen, die auf Kunst spezialisiert sind und die Schülerinnen und Schüler auf Kunstakademien vorbereiten. Ich besuchte eine solche Schule in Toride (Präfektur Ibaraki). Danach studierte ich Malerei an der Universität, glaubte aber, kein Talent zu haben. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich von der dreidimensionalen Welt der Bildhauerei angezogen – also entschied ich mich dafür, nicht nur zweidimensional, sondern dreidimensional zu arbeiten. Ich lernte dann den Dozenten für Holzkunst kennen, und durch ihn kam ich in den Bann dieser Kunstform. Der Übergang von der Malerei zur Holzbearbeitung fiel mir nicht allzu schwer. Ich bin charakterlich so veranlagt, dass ich sofort das umzusetzen versuche, was mir in den Sinn kommt. Ich denke nicht zu viel nach.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Ich habe drei Kinder und mich daher sehr lange auf deren Erziehung konzentriert – sicherlich zwanzig Jahre. Hätte ich mich gleichzeitig auf die Kunst eingelassen, wären sowohl die Familie als auch das Kunstschaffen etwas zu kurz gekommen. Jetzt ist mein jüngstes Kind in der Oberschule und ich habe viel Zeit für mich. Allerdings muss ich die zwanzig Jahre nun aufholen. Deshalb möchte ich viele Dinge ausprobieren und mich noch nicht auf einen bestimmten Stil festlegen. Der individuelle Stil kommt mit der Zeit von selbst. Meine Freunde und Bekannten sagen mir, dass sie meinen “Stil” in meinen Gemälden und Holzfiguren wiederentdecken, aber ich nehme das noch nicht wirklich wahr. Natürlich ist es schön, wenn man den Künstler an einem Stil genau erkennen kann, aber ich glaube, es ist noch zu früh für mich.

Welches von all Ihren Werken mögen Sie am liebsten und warum?

Es gibt nicht nur ein Werk, das ich mag, ich liebe sie alle. In jedem steckt so viel Energie und Leidenschaft, dass ich mich nicht nur auf eines festlegen kann.

Matsuos erstes großes Kunstwerk war ihr Uni-Abschlussprojekt mit dem Titel „Ich träumte, ich schlief im Mutterleib eines Baumes“. Das ungefähr 120 cm große Endprodukt wurde aus einem einzigen Kampferbaum ins Leben gerufen. Die Anfertigung dauerte ein ganzes Jahr.

Sicherlich gibt es auch unkreative Phasen. Wie überwinden Sie diese?

Ich mache eine Pause, schaue mir die Natur an oder höre Musik. Ich versuche, meine Batterien mit schönen oder niedlichen Dingen aufzuladen. Dann mache ich mich wieder an die Arbeit. Und wenn ich nicht so gut gelaunt bin – es gibt Zeiten, da empfindet man viele negative Gefühle wie Wut, Traurigkeit, Verzweiflung, Frustration – versuche ich, meine Energie aus diesen Gefühlen zu ziehen und sie in meine Kunst einfließen zu lassen, damit etwas Positives entsteht.

Was bedeutet Ihre Kunst für sie?

Es ist schwierig, das in Worte zu fassen. Für mich bedeutet Kunst, das eigene emotionale Wohlbefinden zu schätzen. Und auch, sich mit anderen Menschen durch Emotionen wie Liebe, Glück und Traurigkeit verbunden zu fühlen. Indem man sich (beim Arbeiten) nur auf das konzentriert, was man vor Augen hat, löst man sich von den Sorgen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft und fühlt sich im Hier und Jetzt lebendig. Kunst ist für mich ‚Mindfulness‘”.

Gibt es eine andere Kunstform, die Sie gerne ausprobieren möchten?

In naher Zukunft möchte ich meine Weltanschauung in Form von traditionellen japanischen Farbholzschnitten, wie denen von Katsushika Hokusai, zum Ausdruck bringen. Im Moment bin ich aber sehr beschäftigt, denn ich bekomme viele Aufträge für Tierfiguren, wofür ich sehr dankbar bin. Die Kunden sind immer sehr zufrieden mit dem Ergebnis und das bereitet mir viel Freude. Es gibt viele Künstlerinnen und Künstler, die sich nur auf ihre eigene Gefühlswelt konzentrieren, aber für mich ist es besonders wichtig, meine Emotionen mit anderen zu teilen.

Das Gemälde “Titellos” greift das Thema “Licht” auf und wurde von dem japanischen Eiskunstläufer und zweifachem Olympiasieger Hanyū Yuzuru inspiriert.

Was ist Ihr Ziel für die Zukunft?

Ich möchte auf jeden Fall eine Ausstellung eröffnen, aber ich habe mich noch nicht auf die Herstellung der Werke dafür konzentrieren können. Außerdem möchte ich unbedingt ein Bilderbuch herausbringen. Ich habe auch schon eine Idee und ein Konzept, aber bei der Umsetzung bin ich mir noch unsicher. Derzeit hole ich mir noch eine Menge Ratschläge ein. 

Welchen Tipp würden Sie aufstrebenden deutschen Künstlerinnen und Künstlern geben?

Es gibt so viele großartige Kunstschaffende in Deutschland, dass ich mich eigentlich nicht in der Position sehe, Ratschläge zu geben. Aber ich denke, dass wir gerade in sehr unsicheren Zeiten leben. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir unsere Energie in die Kunst stecken und positiv in die Zukunft blicken sollten. Ich beobachte zudem viele junge Menschen, die auch aufgrund sozialer Medien immer einsamer werden. Es ist wichtig, dass man jemanden hat, der einen unterstützt und an den man sich wenden kann. Man sollte sich nicht allzu sehr auf die Informationsflut fokussieren, die auf einen einprasselt, sondern sich selbst wertschätzen und auf sich achten – auch durch die Kunst.

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