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Die Geschichte vom Prinzen Genji – Der erste Roman der Welt

Maria-Laura Mitsuoka
Maria-Laura Mitsuoka

Das vor 1.000 Jahren entstandene Epos "Die Geschichte des Prinzen Genji" wird von vielen Wissenschaftlern als der erste Roman der Welt bezeichnet. Es gilt als Meisterwerk der japanischen Literatur und gewährt dem Leser einen tiefen Einblick in die politischen Strukturen und kulturellen Ideale der Heian-Zeit.

Genji Monogatari Schriftrolle
Eine Schriftrolle aus dem 17. Jahrhundert, die alle 54 Kapitel des Genji Monogatari umfasst. Sie wird auf den Maler Kaihō Yūshō (1535–1615) und 27 weitere Kalligraphen zurückgeführt. © Mary Griggs Burke Collection, Gift of the Mary and Jackson Burke Foundation, 2015 / Metropolitan Museum of Art

Murasaki Shikibu, eine Hofdame der Heian-Zeit (794-1185), verarbeitete ihre Erfahrungen aus dem höfischen Leben in einer komplexen Erzählung um den Prinzen Genji, welche Fiktion, Geschichte und Poesie miteinander verbindet. Das im frühen 11. Jahrhundert entstandene Werk konfrontiert den Leser nicht nur mit der Gefühlswelt von mehr als 400 Charakteren, sondern bietet Literaturwissenschaftlern und Historikern zusätzlich einen tiefen Einblick in das gesellschaftliche System der damaligen Zeit.

Durch die Verschmelzung verschiedenster literarischer Formen lässt sich das Werk nicht ohne Weiteres einem bestimmten Genre zuordnen, obwohl viele Leser es aufgrund zahlreicher selbstreflektierender Charaktere als einen psychologischen Roman bezeichnen würden. In 54 Kapiteln und fast 800 Gedichten wird das Leben des Prinzen Hikaru Genji beschrieben, dessen Schönheit so unbestritten ist, dass seine Mitmenschen ihm trotz vieler seiner romantischen Eskapaden verfallen.

Der Roman stieß im Asienfieber der Neuzeit weltweit auf großes Interesse, so dass Suematsu Kenchō, ein Schriftsteller und Politiker des 19. und 20. Jahrhunderts, 1882 in Zusammenarbeit mit dem Verlag Trübner & Company die ersten 17 Kapitel des Genji Monogatari für den Westen zugänglich machte. Im Jahr 1925 wurde eine vollständige englische Übersetzung von Arthur Waley angefertigt, die dem Werk zu noch größerer Popularität verhalf. Auf Deutsch erschien durch Oscar Benl im Jahr 1966 die erste direkte Übersetzung in zwei Bänden.

Murasaki Shikibu
Die Statue der Verfasserin Murasaki Shikibu in der Stadt Uji (Präfektur Kyōto). © タカギ エミ (photo-ac)

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Die Geschichte des Prinzen Genji

Murasakis Meisterwerk (auf Japanisch Genji monogatari) spielt in der Heian-Zeit und handelt vom Leben des umschwärmten Prinzen Hikaru Genji, dessen Mutter, die beliebteste Konkubine des Kaisers, aufgrund der psychischen Belastung durch Neidgerüchte kurz nach seiner Geburt erkrankt und daraufhin verstirbt. Aufgewachsen in der königlichen Familie beginnt Genji seine erste unerlaubte Affäre mit Fujitsubo, der jungen Frau des Kaisers und zeugt mit ihr einen Jungen, der von dem unwissenden Kaiser als dessen eigener Sohn aufgezogen wird.

Obwohl er sich wegen dieser Affäre schuldig fühlt, geht Genji zahlreiche weitere Liebesbeziehungen ein, darunter mit der Dame einer gegnerischen Partei, woraufhin er für einige Zeit ins Exil verbannt wird. Nach einem kurzen Aufenthalt kehrt er in die Hauptstadt Heian (das heutige Kyōto) zurück, wo er den Höhepunkt seiner beruflichen Karriere erreicht und zu einem hochrangigen Beamten ernannt wird. Nach dem Tod seiner großen Liebe Murasaki-no-ue, der Nichte Fujitsubos, beschließt Genji in tiefer Verzweiflung, die Hauptstadt zu verlassen und einen kleinen Bergtempel zu beziehen.

Der Erzähler wendet sich daraufhin von Genji ab und setzt die Geschichte ohne ihren Helden fort. An seine Stelle treten Kaoru, Genjis Sohn, und dessen Konkurrent Niou-no-miya, die beide skandalöse Liebesaffären mit den Hofdamen und Prinzessinnen im Palast von Uji (Präfektur Kyōto) fortsetzen.

Genji Monogatari Schriftrolle
Ein Abschnitt aus dem vierten Kapitel des Genji Monogatari, gemalt von Kawamata Tsunemasa im 18. Jahrhundert. Es zeigt eine junge Frau aus dem Nachbarhaus von Genjis Amme, die ihre Dienerin entsendet, um den Prinzen mit einem Fächer zu beschenken. © Mary Griggs Burke Collection, Gift of the Mary and Jackson Burke Foundation, 2015 / Metropolitan Museum of Art

Die Schöpferin des Liebes-Epos

Über das Leben von Murasaki Shikibu können wir heute nur Vermutungen anstellen, da keine präzisen Quellen vorhanden sind. Selbst ihr Geburtsjahr ist nicht belegt und wird von Historikern zwischen den Jahren 970 und 978 geschätzt. In ihren Zwanzigern heiratete sie ihren viel älteren Cousin Fujiwara no Nobutaka und brachte eine Tochter zur Welt. Doch die Ehe währte nicht lang, denn zwei Jahre nach der Hochzeit verstarb ihr Mann. Es ist ungewiss, wann sie mit dem Schreiben des Genji monogatari begann, aber viele Gelehrte vermuten, dass sie das Projekt kurz nach ihrer Verwitwung in Angriff nahm.

Die Dichterin besaß von Kindesbeinen an ein seltenes literarisches Talent, das von ihren Verwandten und Bekannten schon früh erkannt wurde. Dies war in der Heian-Zeit ein großer Vorteil, denn versierte Autorinnen waren am kaiserlichen Hof sehr gefragt. Ihre Fähigkeiten sprachen sich schnell herum, so dass Murasaki im Jahr 1005 als Hofdame der Kaiserin Shōshi an den kaiserlichen Hof eingeladen wurde.

Laut Arthur Waley hatte Kaiserin Shōshi allerdings (zum Leidwesen Murasakis) einen strengen und engstirnigen Charakter und es wird angenommen, dass die Autorin nur deshalb in den erlesenen Kreis der Hofdamen aufgenommen wurde, weil Kaiserin Shōshi heimlich Chinesisch erlernen wollte – eine Sprachkenntnis, die Murasaki sich durch die Erziehung ihres Vaters angeeignet hatte. Die junge Dichterin war am Hof nicht glücklich und schrieb in ihren Tagebüchern, dass die Konkurrenz mit anderen Autorinnen sehr belastend war. Als Kaiser Ichijō im Jahr 1011 starb, zog sich Shōshi aus dem kaiserlichen Palast zurück und lebte auf einem Fujiwara-Anwesen am Biwa-See (Präfektur Shiga). Es wird angenommen, dass Murasaki sie begleitete und wahrscheinlich drei Jahre später dort verstarb. 

Murasaki Shikibu
Eine Statue in Uji (Präfektur Kyōto) in Gedenken an das Genji Monogatari. © タカギ エミ (photo-ac)

Wie nehmen wir Genjis Geschichte heute auf?

Wie zahlreiche andere reale oder auch fiktive Persönlichkeiten der japanischen Geschichte ist Prinz Genji auch heute noch ein beliebter Protagonist in Fernsehsendungen, Theateraufführungen, Eiskunstshows oder Anime- und Manga-Adaptionen. Das Genji monogatari hat sowohl einen Großteil der historischen als auch zeitgenössischen Kunst und Literatur Japans beeinflusst, weshalb es sich lohnt, einen Blick in das Werk zu werfen und sich von der Poesie der Heian-Zeit einen Eindruck zu verschaffen.

Potenzielle Leser sollten jedoch vorgewarnt sein, dass viele von Genjis amourösen Eroberungen beim heutigen Publikum für Kopfschütteln sorgen dürften. So entführt Genji beispielsweise ein zehnjähriges Mädchen und zieht es zu seiner Braut auf, während er mit seiner Stiefmutter ein heimliches Kind zeugt und gleichzeitig eine Vielzahl von Frauen in verschiedenen außerehelichen Affären beglückt.

In unserer Zeit ist es schwierig, Genjis Handlungen als etwas anderes als verwerflich zu betrachten, aber nach den Maßstäben der Heian-Zeit galt er als ein ehrwürdiger Held. Ob Schürzenjäger oder Traummann, Diskussionen über die Natur von Genjis Charakter dominieren noch heute die Welt der japanischen Literatur. Auch nach mehr als tausend Jahren lebt Genji in der Kulturgeschichte Japans fort und dürfte mit seiner romantischen Poesie sogar so manches moderne Leserherz erobern.

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