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Von Faszination zu Frustration: Japans Einreiseverbot und die Folgen für Studierende und Forschende

Diana Casanova
Diana Casanova

Seit Beginn der Pandemie verfolgte Japan eine knallharte Einreisepolitik, Ausländer:innen blieb die Einreise nach Japan zwei Jahre lang größtenteils verwehrt. Auch wenn das Ende dessen endlich gekommen zu sein scheint, leiden besonders Studierende und Forschende an den Folgen.

Narita
Der Flughafen Narita: Japans wichtigster Flughafen sieht aufgrund der strengen Einreiseregelungen nur noch wenige Fluggäste. © Aflo Co. Ltd. / Alamy Stock Photo

Als die Coronavirus-Pandemie Anfang 2020 ihren Lauf nahm, reagierten die meisten Länder mit Grenzschließungen, Lockdowns und Kontaktbeschränkungen, um die Verbreitung des Virus innerhalb der eigenen Grenzen einzudämmen. Zwei Jahre später dominiert die Pandemie noch immer die Politik, doch gerade in Nationen, in denen die Mehrheit der Bevölkerung gegen das Coronavirus geimpft ist, werden die Rufe nach Lockerungen oder gar Aufhebung aller Beschränkungen laut, wenn diese nicht bereits geplant oder umgesetzt worden sind.

Grenzschließung als Japans Pandemie-Kontrolle

Japan hingegen setzte von Anfang an auf Grenzschließungen: Ende März 2020 beschloss die Regierung zunächst ein ausnahmsloses Einreiseverbot für ausländische Staatsbürger:innen – auch für jene mit gültiger Aufenthaltserlaubnis – aus Ländern mit hohen Infektionszahlen. Im Laufe der folgenden Monate erweiterte sich die „rote“ Liste der Nationen auf fast 160. Erst im Oktober 2020 wurde zumindest für ausländische Staatsbürger:innen mit bereits bestehender Aufenthaltserlaubnis das Einreiseverbot aufgehoben.

Im November 2021 war es dann u.a. Studierenden und Geschäftsreisenden unter Auflagen wieder erlaubt nach Japan zu reisen, doch nur wenige Wochen später sorgte die Omikron-Variante des Coronavirus dafür, dass diese Lockerung zurückgenommen wurde. (Die englischsprachige Japan Times hat hier eine Chronologie der Regelungen zusammengefasst).

Japanischen Staatsbürger:innen mit gültiger Aufenthaltserlaubnis blieb die Einreise nach Deutschland durchgehend möglich, aufgrund der in Japan vergleichsweise geringen Infektionsdynamik sind mittlerweile auch touristische Reisen (unter Einhaltung der geltenden Corona-Test-Bestimmungen) erlaubt. 

Kritik aus Wirtschaft und Wissenschaft an sakoku-Politik

Diese Einreisepolitik der japanischen Regierung, die strengste aller G7-Staaten, wird mittlerweile als ein zweites sakoku bezeichnet, angelehnt an die Isolationsphase während der Edo-Zeit (1603-1868), als das Shogunat jeglichen Kontakt zu anderen Ländern verbot und Japan sich wirtschaftlich und kulturell von der Außenwelt abschottete.

Zahlreiche internationale wie japanische Wissenschafts- und Wirtschaftsverbände klagten über die Grenzschließung, u.a. der Vorsitzende der mächtigen japanischen Business-Lobby Keidanren, der das Einreiseverbot noch im Januar 2022 als unrealistisch und schädlich für Verhandlungen sowie die japanische Wirtschaft allgemein bezeichnete.

Vor allem sind es aber Studierende und Forschende, die darunter leiden. Sie wurden von der Grenzschließung besonders kalt erwischt und konnten oftmals ihr Studium an einer japanischen Universität nicht fortsetzen oder gar nicht erst antreten, trotz erteilter Aufenthaltserlaubnis sowie gesichertem Wohnsitz und Einkommen. Anfang 2022 erlaubte die japanische Regierung immerhin 87 Studierenden die Einreise, damit sie ihr bereits angefangenes Studium beenden können, im Rahmen einer besonderen Härtefallregelung.

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Studierende und Forschende sind die Leidtragenden

Der Rest konnte nicht auf solche Ausnahmen hoffen: Einige Studierende legten daher ihre Pläne vorerst auf Eis und warteten, bis eine Einreise wieder möglich ist. Andere begannen ihr (Austausch- oder Vollzeit-)Studium in Japan online, was durch den Zeitunterscheid jedoch häufig eine große körperliche und mentale Belastung bedeutete. Wiederum andere gaben auf und wandten sich anderen Fachgebieten und Sprachen zu, wie etwa Koreanisch. Fast 150.000 ausländische Studierende weltweit waren oder sind davon getroffen.

Diejenigen, die bereits weiter sind – Doktorand:innen, Dozent:innen, Professor:innen – können ihre Forschung nicht in Japan durchführen, sind abhängig von Online-Angeboten oder von Menschen vor Ort, die aushelfen können. Nicht nur leidet deswegen die Qualität der Forschung, auch finanziell ist dies ein hohes Risiko, wenn wichtige Stipendien und Forschungsgelder deswegen nicht gewährt werden. In Extremfällen bedeutet dies das Aus der akademischen Laufbahn.

Was aus Japans strikter Grenzschließung resultiert, ist ein langfristiger Ansehens- und Interessensverlust: Japan als Studien- und Reiseziel verliert an Bedeutung und Attraktivität, was sich negativ auf den internationalen Austausch auswirkt, auf den Universitäten, Sprachschulen, Kulturinstitute und natürlich auch die japanische Wirtschaft angewiesen sind.

Probleme für deutsche Japanologie-Institute

Das findet auch Prof. Dr. Axel Klein vom Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Im Gespräch mit JAPANDIGEST erzählt der Professor am Lehrstuhl für Politik Japans und Sozialwissenschaftliche Ostasienstudien, wie plötzlich das Institut umdenken musste, um für die deutschen Studierenden eine angemessene Lehre zu gewährleisten. Besonders das im Studium vorgeschriebene Auslandsjahr an einer japanischen Partneruniversität musste behelfsmäßig durch ein alternatives Angebot ersetzt werden, damit die für den Abschluss benötigten Kreditpunkte gesammelt werden können. Online-Sprachtandems und andere Projekte sollten den Kontakt zu Japan aufrechterhalten. „Mit einem richtigen Auslandsstudium ist das aber einfach nicht zu vergleichen“, so Klein.

Für Japanologie-Studierende sind die Folgen erheblich: Sie geben ihre Pläne für ein Auslandsstudium auf oder warten ab, was den Uniabschluss verzögert, manche wechseln resigniert die Fachrichtung. Denn was ist ein Studium einer Kultur oder Sprache (auf dem Arbeitsmarkt und persönlich) wert, wenn man keine Auslandserfahrung in diesem Land vorzuweisen hat?

Diplomatischer Schaden 

Auch an den japanischen Universitäten ist der Frust zu spüren, weil kein Austausch stattfindet und auch diese geben sich große Mühe die internationalen Beziehungen zu pflegen. Besonders für kleinere Universitäten, die auf die Studiengebühren von ausländischen Studierenden angewiesen sind, stellen die Grenzschließungen eine zukunftsgefährdende Belastungsprobe dar.

„Langfristig entsteht dadurch ein diplomatischer Schaden der interkulturellen Beziehungen zwischen Deutschland und Japan“, schlussfolgert Klein. „Eine Kündigung der Partnerschaftsverträge zwischen unseren Universitäten ist zum Glück noch nicht geschehen, auch wenn die ein oder andere Partneruniversität bereits angekündigt hat, für 2022 keine Austauschstudierenden – unabhängig der Einreisesituation – aufzunehmen. Zu unvorhersehbar ist die Lage einfach.“

Je nach Institut wirkt sich die Pandemie unterschiedlich aus: Im Wintersemester 2021/2022 gab es beispielsweise an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 38 Neueinschreibungen für den Bachelor-Studiengang am Institut für Modernes Japan (eines der größten Japanologie-Institute Deutschlands) – ein Jahr zuvor waren es noch 68, im Wintersemester 2016/2017 sogar 108. Andere Japanologie-Institute, wie etwa die Universität Heidelberg oder die Universität Duisburg-Essen, behielten in den Pandemie-Jahren zwar konstante Einschreibezahlen, bemerkten sehr wohl aber Auswirkungen auf die Zahl der Studierenden, die länger für ihren Abschluss brauchen als vorgesehen. Andersherum kam die Zahl der Austauschstudierenden aus Japan an vielen Unis beinahe zum Erliegen, trotz der Tatsache, dass eine Einreise nach Deutschland problemlos möglich wäre.

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Viele Versuche, Japan zum Umdenken zu bewegen

Die Vorsitzenden der Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Japanforschung (VSJF) sowie der Gesellschaft für Japanforschung (GJF) wandten sich Mitte Februar 2022 in einem offenen Brief an japanische Medien, in der Hoffnung, dass die verzweifelte Lage der Studierenden und Wissenschaftler:innen mehr Aufmerksamkeit bekommt und die japanische Regierung zum Umdenken bewegt wird.

Auch zuvor schlossen sich zahlreiche Gesellschaften, Wirtschaftsvereinigungen und Institute weltweit zusammen. Selbst die US-amerikanische Regierung wandte sich bereits in einem offenen Brief an Japan und kritisierte das strenge Einreiseverbot. Dennoch hielt Japan an seinem Kurs vorerst fest.

Unfaire Behandlung von Ausländer:innen

Für Studierende und Forschende in Deutschland ist es vor allem Japans unfaire Behandlung von ausländischen Staatsbürger:innen, die auf großes Unverständnis und Frustration stößt. Japanische Staatsbürger:innen dürfen nach Deutschland bzw. in die EU einreisen und an Universitäten studieren. Es stellt sich die Frage, wieso ausgerechnet diese Auslandsreisen unternehmen und sich bei ihrer Rückkehr in Japan auf Kosten der Regierung in eine mehrtägige Pflichtquarantäne begeben können – dies aber etwa ausländischen Studierenden, die bereits bei Visa-Antragsstellung ein gesichertes Einkommen und eine Unterkunft nachweisen müssen, nicht erlaubt ist. 

„Diese Ungleichbehandlung gibt jedem zu denken, denn die Begründung der Pandemiekontrolle ist unter diesen Umständen nicht haltbar“, so lautet das ernüchternde Fazit von Prof. Dr. Klein.

Trotz aller Kritik aus dem In- und Ausland weiß die japanische Regierung die Bevölkerung hinter sich. Nach einer Umfrage der japanischen Tageszeitung Yomiuri Shimbun von Anfang Dezember 2021 befürworten 89 % die Entscheidung des Premierministers Kishida Fumio, angesichts der sich ausbreitenden Omikron-Welle die Einreise für Ausländer:innen wieder auszusetzen.

Lockerung der Einreiseverbote ab März

Der anhaltende Druck von Wirtschafts- und Wissenschaftsverbänden scheint jedoch Wirkung gezeigt zu haben: Mitte Februar 2022 wurde überraschend bekannt gegeben, dass es ausländischen Staatsbürger:innen ab März erlaubt werde, aus nicht-touristischen Gründen nach Japan einreisen. Gleichzeitig wird die vorgeschriebene Quarantänezeit auf drei Tage verkürzt (weiterhin sechs Tage bei Einreise aus Omikron-Hotspots) und die maximale Zahl der täglich erlaubten Einreisen nach Japan von 3.500 auf 5.000 erhöht, ab Mitte März soll sie auf 7.000 steigen. Davon profitieren vor allem Studierende und Geschäftsreisende, Touristen haben vorerst weiterhin das Nachsehen.

Während diese Lockerungen zu begrüßen und überfällig sind, bleibt abzuwarten, ob sich die Wissenschaft und Forschung in und über Japan von den negativen Auswirkungen der letzten zwei Jahre erholen wird. Denn ein fader Beigeschmack bleibt: Schließlich hat Japans Regierung mehrfach deutlich gemacht, dass sie bereit ist, Einreiseverbote sehr kurzfristig auszusprechen, sollte sie sie für nötig halten. Es wird sich also zeigen, ob die ab März geltenden Regelungen dauerhaft Bestand haben werden.  

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