Keigo: Die japanische Höflichkeitssprache

Aya Puster
Aya Puster

Die japanische Höflichkeitssprache "keigo" ist für Japanischlernende immer wieder eine Quelle der Verunsicherung. Denn diese kann sich durch verschiedene Formen wie Demut und Ehrerbietung ausdrücken und ist nicht immer leicht anzuwenden.

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Wozu ist keigo eigentlich gut? Hauptsächlich dazu, eine gewisse Distanz zu Fremden zu wahren. In dieser Hinsicht ist keigo mit dem Siezen im Deutschen vergleichbar. Anders als im Deutschen gibt es bei keigo drei Kategorien, zwischen denen je nach Situation und Gesprächspartner gewechselt wird: die allgemein höfliche Sprache (teineigo), die respektvolle Sprache (sonkeigo) und die bescheidene Sprache (kenjōgo). Diese unterscheiden sich in der Verbkonjugation und den verwendeten Wörtern.

Teineigo: Die höfliche Art

Aus deutscher Perspektive ist nicht immer leicht zu beurteilen, welche Form die angemessene ist – immerhin ist in Deutschland auch das Duzen am Arbeitsplatz nicht ungewöhnlich. Darum gilt die allgemeine Höflichkeitsform teineigo (unter Japanischlernenden auch als desu-masu-Form bekannt) als Basis des Japanischstudiums und bietet meist keine besonderen Schwierigkeiten.

Es ist die gewöhnliche Umgangsform unter Erwachsenen in der Gesellschaft und somit die sicherste Art, fremde Personen anzusprechen. Allerdings sollten Sie teineigo nicht mit dem Personalpronomen anata (Du/Sie) verwenden, das unter Fremden als unhöflich gilt. Etwa vor zehn Jahren riefen die Worte des damaligen Premierministers Fukuda Yasuo an einen Journalisten 「Anata to wa chigaundesu.」 („Ich bin nicht so wie Sie.“) fast einen Skandal hervor, weil die Anrede des Journalisten mit anata diesen erniedrigte und der Auftritt des Premiers arrogant wirkte. Besser, Sie sprechen Personen direkt mit ihrem Namen an, oder, wenn Sie diesen nicht kennen, mit ihrer Job-/Rollenbezeichnung à la „Herr Doktor“.

Sonkeigo: Respektvoller Umgang mit Ranghöheren

Mit der Respektform sonkeigo wird es etwas komplizierter. Sie drückt die Handlungen von Respektspersonen im näheren Umfeld aus. Dabei handelt es sich um Ranghöhere mit direktem Bezug (z.B. Vorgesetzte, Lehrer), Eltern von Freunden, Kunden, sempai (z.B. Studenten eines höheren Semesters, Dienstältere) sowie auch deren Bezugspersonen (Familienangehörige, Freunde). Hierbei kommt es natürlich auch immer auf die interpersonalen Beziehungen zwischen den Gesprächspartnern an.

verbeugungJapanisches Mentorenprogramm: Senioritätsprinzip Sempai – KōhaiDer Respekt gegenüber höher Gestellten und Älteren bestimmt in Japan die zwischenmenschlichen Beziehungen. Ausgeprägt ist es im System von S...23.04.2017

Handlungsverben, die sich auf Respektspersonen beziehen, werden anders als in der desu-masu-Form konjugiert und manche Handlungen haben sogar ein besonderes
sonkeigo-Verb. In der Anwendung von sonkeigo gilt, die Respektform nur bei direktem Kontakt mit den Respektspersonen oder deren Bezugspersonen zu verwenden. Dementsprechend ist sonkeigo auch nicht notwendig, wenn Sie über Prominente oder Respektspersonen aus einem fremden Umfeld (Firmenchef der Konkurrenten, Eltern von Fremden usw.) sprechen, solange diese nicht in der Nähe sind.

Kenjōgo: Bescheidenheit der eigenen Person

Auch mit der Bescheidenheitsform kenjōgo drückt man seinen Respekt den anderen gegenüber aus, allerdings in Bezug auf die eigenen Handlungen und erweitert auch die Handlungen der eigenen Bezugspersonen (z.B. Familienmitglieder, die eigene Firma). Auch bei kenjōgo gibt es spezielle Verben, die Bescheidenheit ausdrücken.

Uchi und soto: Die Innen- und die Außenwelt

Es wurde bereits erwähnt, dass der Bereich des Sprechers bzw. des Gesprächspartners sich auch auf dessen Umfeld und Bezugspersonen bezieht. Dies liegt an dem japanischen Konzept von uchi-soto, das zwischen dem Inneren einer Gruppe (uchi) und dem Äußeren (soto) unterscheidet. Die Handlungen der uchi-Personen müssen den Fremden von soto gegenüber durch die Bescheidenheitsform herabgestuft werden, um den Respekt auszudrücken. Die Grenze zwischen uchi und soto ist jedoch nichts Absolutes, sondern verschiebt sich je nach Situation.

Wie man sieht, liegt die Schwierigkeit von keigo nicht (nur) in der Sprache, sondern auch im japanischen Gesellschaftssystem und der Frage, wo die variable Grenze zwischen uchi und soto zu ziehen ist. Dazu eine interessante Frage mit überraschender Antwort: Wenn ein ausländisches Staatsoberhaupt den japanischen Kaiser besucht, wie sieht es mit dem uchi-soto-Verhältnis aus? Gehört der Kaiser zum uchi-Bereich aller Japaner, während der ausländische Gast ein Fremder aus dem soto-Bereich ist, weshalb ihm gegenüber die Respektform anzuwenden wäre? „Nein“, sagt der Sprachwissenschaftler Takiura Masato. Ihm zufolge steht der japanische Kaiser außerhalb eines bürgerlichen Staatssystems, während das ausländische Staatsoberhaupt als Bürger im uchi-Bereich aller japanischen Bürger ist. Somit steht er den japanischen Bürgern näher als dem Kaiser und die Verwendung der Respektform wäre unangebracht.

„Der französische Präsident besuchte Japan. Der Kaiser nahm ihn in Empfang.“ lautet somit auf Japanisch:「Furansu no daitōryō ga rainichi shimashita. (1) Ten’nō heika wa daitōryō o omukae ni narimashita. (2) 」

(1) Allgemeine Höflichkeitsform, (2) Respektform

Für Fortgeschrittene: Lasst uns keigo lernen!

So wird sonkeigo gebildet:

Höflichkeitspräfix o + Verb in teineigo (ohne masu) + ni narimasu

Beispiel: kaku (schreiben)

o + kakimasu + ni narimasu ⇒ okaki ni narimasu („Die ehrenwerte Person xy schreibt.“)

So wird kenjōgo im mit Bezug auf eine andere Person gebildet:

Höflichkeitspräfix o + Verb in teineigo (ohne masu) + shimasu

Beispiel: motsu (tragen)

o + mochimasu + shimasu ⇒ omochi shimasu („Meine Wenigkeit erlaubt sich, etwas für Person xy zu tragen.)“

Um förmlich beim Gesprächspartner eine Erlaubnis einzuholen, wird eine verstärkte Form von kenjōgo verwendet:

Verb in nai-Form (Negationsform; ohne nai) + sasete/sete itadakimasu (allgemein)

Beispiel 5-stufige Verben („starke“ Verben): kaku (schreiben)

kakanai + sete + itadakimasu ⇒ kakasete itadakimasu („Meine Wenigkeit erlaubt sich, zu schreiben.“)

Beispiel 1-stufige Verben („schwache“ Verben): kakeru (aufhängen)

kakenai + sasete + itadakimasu ⇒ kakesasete itadakimasu („Meine Wenigkeit erlaubt sich, etwas aufzuhängen.“)

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