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Powernapping und Katzenschlummer: „Schlaf“ in der japanischen Sprache

Aya Puster
Aya Puster

Japaner:innen schlafen bekanntlich nachts wenig, dafür aber gern mal zwischendurch. Gibt es deshalb im Japanischen so viele unterschiedliche Wörter und Redewendungen in Bezug auf den Schlaf? Erfahren Sie hier mehr über die sprachlichen Nuancen und Kuriositäten.

Am Computer eingeschlafene Japanerin im schwarzen Blazer
© maroke / photo-ac

Laut einer Studie haben Japaner:innen im internationalen Vergleich die kürzeste Nachtruhe, nämlich nur 6 Stunden und 22 Minuten (2020), während die Deutschen fast um eine Stunde länger, nämlich 7 Stunden und 14 Minuten schlafen. Wenn Japaner:innen so wenig schlafen, müssten sie doch an Schlafmangel leiden und immer kurz davor sein, vor Erschöpfung umzufallen? Stattdessen leben sie munter weiter und im Jahr 2021 gab es sage und schreibe 86.500 Hundertjährige in Japan. Wie schaffen sie das bloß?

Wahrscheinlich schlafen sie doch tagsüber unbemerkt, ohne dass die Statistik dies erfassen konnte, denn man könnte sonst nicht erklären, warum es im Japanischen so viele verschiedene Bezeichnungen für unterschiedliche Arten des Schlafens gibt.

Powernapping und Mittagsschlaf

Das bekannteste Wort wäre inemuri (居眠り, „Nickerchen“). Tatsächlich begegnet man in Japan oft schlafenden Gestalten an Schulen, Arbeitsplätzen und vor allem in Bahnen. Bevor in Amerika das „Powernapping“ entdeckt wurde, praktizierte man es im japanischen Alltag bereits seit langem. Was bedeutet inemuri wörtlich? Das „i“ (居) in inemuri kommt vom Sitzen und wird nur für ein Nickerchen in der Sitzposition, also an Schulbank/Arbeitstisch/Bahn, verwendet. Dagegen bedeutet utatane (転寝) ein unbeabsichtigtes, unbewusstes Nickerchen in liegender Position.

Auf der Schulbank schlafende Schülerin
Als "inemuri" bezeichnet man ein Nickerchen im Sitzen. © acworks / photo-ac

Wenn man dagegen bewusst, z. B. dienstlich bedingt vor einer Nachtschicht, ein Nickerchen macht, spricht man von kamin (仮眠, provisorischer Schlaf“). Den Schlaf am freien Nachmittag nennt man hirune (昼寝, „Mittags- bzw. Nachmittagsschlaf“). Auf dem Lande war es sogar üblich, während des Sommers nach dem Mittagessen immer ein hirune zu machen. Diese Gewohnheit kennt man auch in Südeuropa als  „Siesta“. Hirune dient genauso wie die Siesta dazu, die starke sommerliche Mittagssonne während der Feldarbeit zu vermeiden. Deshalb steht das Wort im Haiku als sogenanntes Jahreszeitenwort kigo sinnbildlich für den Sommer.

KirschblüteJahreszeiten und die japanische SpracheJapans wunderschöne Natur und Landschaften sind zu egal welcher Zeit ein Erlebnis, und das nicht erst seit gestern. Schon vor Jahrhunderten...08.06.2021

Ein ähnliches Wort, asane (朝寝, „Morgenschlaf“), bedeutet, dass man am Morgen länger schläft. Wenn man nach dem morgigem Aufwachen erneut einschläft, spricht man von nidone (二度寝, „zweites Einschlafen“), während das Weiterdösen madoromi (微睡) genannt wird.

Wenn man nur ganz kurz schläft, spricht man von issui (一睡) bzw. hitonemuri (一眠り), wobei das Erstere ein sogenanntes kango, ein Wort chinesischer Abstammung, ist und das Letztere ein wago, ein urjapanisches Wort. Der sogenannte Sekundenschlaf heißt jedoch maikurosurīpu (マイクロスコープ), was sich vom englischen „microsleep“ ableitet.

Legt man sich während einer Reise in Straßenkleidung auf ein Bett und schläft ein, so nennt man es marune (丸寝). Wenn man dies jedoch im normalen Alltag tut, heißt es gorone (ごろ寝), was von der Lautmalerei gorogoro suru, („faulenzen“) abgeleitet wurde. Wenn man aus Trotz im Bett liegenbleibt, spricht man wiederum von futene (ふて寝), abgeleitet von futekusareru („trotzig sein“).

Sprachliche Nuancen

Dazu gibt es zwei ähnliche Verben für das Schlafen, nämlich neru (寝る) und nemuru (眠る). Deren Verlaufsform neteiru und nemutteiru können als Synonym verwendet werden. Allerdings kann neru auch „ins Bett gehen“ bedeuten, was bei nemuru nicht der Fall ist. Es gibt ferner noch feine Unterschiede:

Der Satz „Neko ga neteimasu“ kann sowohl „Die Katze liegt“ als auch „Die Katze schläft“ bedeuten. „Neko ga nemutteimasu“ besagt dagegen eindeutig, dass die Katze im tiefen Schlafzustand ist. Der Grund liegt darin, dass neru grundsätzlich „liegen“ bzw. „einschlafen“ bedeutet, während nemuru auf einen tiefen, langen Schlafzustand hindeutet.

Der gravierende Unterschied wird an folgenden Sätzen deutlich:

Otōto ga sono bochi ni nemutteimasu.Mein jüngerer Bruder ist im Friedhof begraben.
Otōto ga sono bochi de neteimasuMein jüngerer Bruder macht ein Nickerchen im Friedhof.

Der Unterschied zwischen den Ortspartikeln ni und de ist jedem Japanisch-Lernenden wohl bekannt. Ersteres weist auf einen längeren, andauernden Zustand hin, während letzteres auf eine Handlung hindeutet.

Katzenschlummer

Diesbezüglich sei eine neue Redewendung in Zusammenhang mit dem Wort ochiteru erwähnt. Letzteres wird normalerweise für einen heruntergefallenen und liegen gebliebenen Schlüssel oder Geldbeutel benutzt, wie z. B. „Kagi ga michi ni ochiteru. (Ein verlorener Schlüssel liegt auf der Straße)“. In Japan spricht man neuerdings von „Neko ga ochiteru“, wenn Katzen an schwülen Sommertagen einen kühlen Platz finden und dort regungslos liegen bleiben – wie ein zufällig aus der Tasche gefallener und liegen gebliebener Schlüssel.

Wenn Sie „neko ga ochiteru“ in Hiragana (ねこがおちてる) im Internet in eine Suchmaschine eintippen, finden Sie passend dazu zahlreiche lustige Bilder von schlafenden Katzen.   

Am Zaun schlafende Katze
Wenn Katzen an Sommertagen wie hingegossen daliegen, werden sie als "heruntergefallene Katzen" bezeichnet. © ねこのてフォト / photo-ac

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