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Sprache und Geschlecht: Die Unterschiede japanischer Männer- und Frauensprache

Aya Puster
Aya Puster

Von der „Frauenschrift“ Hiragana in der Heian-Zeit bis zur modernen „Gyaru-go“: Die Unterschiede zwischen Männer- und Frauensprache in Japan sind heute nicht mehr so alltäglich wie früher, doch gibt es durchaus auffallende Abweichungen.

© Sushipaku

Es ist nicht festzustellen, seit wann es in Japan eine Frauensprache gibt. Fest steht, dass Frauen in der Heian-Zeit (8.-12. Jahrhundert) davon abgehalten wurden, Kanji und somit die Lektüre chinesischer Literatur zu erlernen, die nur den Männern vorbehalten waren. Sie haben jedoch mit dem Silbenalphabet Hiragana ihre eigene Schrift entwickelt und so die Freiheit erlangt, die klassische Literatur Japans zu ihrem Höhepunkt zu führen. Die Männer, die mit Chinesisch-Kenntnissen Akten und Dokumente lesen durften, hatten dagegen keinen Zugang zur freien Schriftstellerei, so dass z.B. der Beamte Ki no Tsurayuki erst als Frau getarnt sein Reisetagebuch Tosa nikki veröffentlichen konnte.

Die kaji für Tokyo stehen auf einem Blatt geschriebenKanji: Chinesische Schriftzeichen im JapanischenVor allem die vielen Schriftzeichen machen Japanisch zu einer schwer zu erlernenden Sprache. Japan Digest geht häufig gestellten Fragen nach...29.07.2016

Allerdings brachte die Frauensprache in der modernen Zeit kein Glück für Frauen. Die Essayistin und Sprachwissenschaftlerin Jugaku Akiko verglich die Sprache der journalistischen Zeitschriften und die einer sogenannten Regenbogenpresse und stellte u. a. Folgendes fest: Die Frauenzeitschrift schmückte viele Sätze mit Ausrufezeichen und beendete manche Sätze mittendrin ohne Prädikat. Außerdem benutzte sie wenig Eigennamen und bot somit wenig neue Information. Jugaku weist auch darauf hin, dass Japanerinnen tendenziell sehr leise redeten, keine klare Aussage machten und fremdorientiert seien. Diese Art der japanischen Sprache hat laut Jugaku in der Tat das Leben der Frauen tief beeinflusst. Journalistin Yamazaki Hiroko untersuchte die Redestimmen der Frauen in verschiedenen Ländern und fand heraus, dass Japanerinnen im Tonbereich 300-350 Hertz reden, was viel höher ist als bei Frauen mit anderen Muttersprachen.

hiragana zeichen
Die Silbenschrift Hiragana wurde in der Heian-Zeit als Schrift der Frauen entwickelt.

“Frauenhafte” Sprache führt zu “frauenhaftem” Verhalten

All dies dient dazu, die als onnarashisa bezeichneten, als typisch frauenhaft geltenden Verhaltensweisen hervorzurufen, die als erstrebenswert für Frauen gelten. Dagegen blieben japanische Männer meist wortkarg, d. h., von Männern werden Taten statt Worte erwartet. In manchen Filmen kommt daher der Ausdruck „Otoko wa damatte …“ („Männer sollen … tun, ohne darüber viele Worte zu verlieren.“) vor.

Die Frauen- und die Männersprache haben genderspezifische Eigenschaften. Es gibt frauenspezifische Satzendpartikel wie yo, ne, wa, no und männerspezifische zo, ze, na. Die beiden haben auch jeweils einen eigenen Wortschatz, wie das untere Beispiel zeigt:

 FrauenMänner
ichwatashiboku / ore
duanatakimi / omae
das Essengohanmeshi
essentaberu / itadakukuu
leckeroishiiumai
sattonaka ga ippaoharaippai
hungrigonaka ga suitaharahetta

Die genderspezifische Sprache hat den Vorteil, Aussagen in Schriftform direkt einem Geschlecht zuordnen zu können.

Ein Beispiel (in einem Restaurant):

A: Ich nehme eine Pizza. Was möchtest du?    A: Watashi Piza ni suru wa. Anata wa?
B: Mir reicht ein Salatteller.B: Ore sarada de ii.
A: Oh, was ist los?A: E, dōshita no?
B: Ich habe so viel zu Mittag gegessen und bin satt.B: Ore mō hirumeshi kutta kara, hara ippai nan da.

Am deutschen Dialog ist nicht ersichtlich, ob die Personen A und B männlichen oder weiblichen Geschlechts sind. Aber im Japanischen ist sofort erkennbar, dass es sich bei A um eine Frau und bei B um einen Mann handelt.

Gyaru-go: Rückkehr zur reinen Frauensprache

Diese in der japanischen Literatur gängige, typische Frauensprache hört man heutzutage im Alltag kaum noch. Im Geschäftsbereich spricht „frau“ nicht anders als „man“. Aber ein neuer Trend wird in der Netzwelt beobachtet: Manche sogenannte gyaru (von engl. girl, Mädchen), jene supermodisch gestylte Mädchen, sprechen eigene avangardistische gyaru-go („Mädchensprache“) bzw. JK-go (joshi kōkōsei-go = Sprache der Oberschülerinnen). Hier ein paar Beispiele:

JK-goBedeutungErklärung
kusa haeru lustigIn den sozialen Medien schrieb man für J auf Japanisch 笑, das Zeichen für warau (=lachen). Dieses wurde durch den Anfangsbuchstaben „w“ von warau ersetzt. Wenn man im Sinne von „viel Lachen“ wwwwwwww tippt, sieht es aus, als ob Gräser (kusa) wachsen (haeru).
sorenaJa, das stimmtDas Wort wurde von “Sō desu ne.” bzw. “Sono tōri desu.” (So ist das.) abgeleitet.
Verb/Adjektiv + miSubstantivierung des betroffenen WortesWakarimi bedeutet „Ich verstehe, was Du meinst.“, „Tsurami (tsurai (= anstrengend) + mi) ga sugoi“ heißt „Mein Kummer ist groß.“
faboEs gefällt mir.Vom englischen favorite abgeleitet.
wanchanEs gibt noch eine ChanceVom engl. one chance abgeleitet. Dagegen bedeutet naichan (no chance) „(Du hast) keine Chance.“
卍 (Swastika, Glückssymbol in asiatischen Ländern)wirklich, echt / gut daran seinDas buddhistische Friedenszeichen manji steht hier für „echt, wirklich“, das im Jugendjargon maji heißt

Die oben genannten Beispiele werden natürlich nicht von Jungs benutzt. Somit sind wir wieder zum Ausgangspunkt der Heian-Zeit zurückgekehrt, in welcher Frauen ihre eigene Sprache entwickeln, die für Männer unerreichbar ist.

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