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Von braunem Reis, chinesischer Philosophie und John Lennon: Eine Einführung in die Makrobiotik

Simone Hencke
Simone Hencke

Sein fast wundersamer Sieg gegen die Tuberkulose inspiriert Sakurazawa Nyoichi (1893-1966), die makrobiotische Lebensweise zu gründen. In diesem Artikel erhalten Sie einen Überblick über seine Ideen von Glück, Gesundheit und Harmonie — und wie diese die ganze Welt erreichen.

Reis
Brauner Reis ist ein wichtiger Bestandteil einer makrobiotischen Ernährung. © candy_design / Photo AC

Im frühen 20. Jahrhundert, irgendwo in der Kansai-Region, wird eine Samurai-Familie von Armut und Krankheit geplagt. Seine Mutter und Geschwister hat der junge Sakurazawa Nyoichi bereits an Tuberkulose verloren. Und auch er leidet an der tödlichen Infektionskrankheit, für ihn sehen die Ärzte keine Hoffnung mehr.

Doch Sakurazawa selbst gibt nicht auf, sucht weiter nach einer Heilmethode. Er stößt auf die Werke und Theorien des japanischen Militärarztes Ishizuka Sagen, der eine einfache und natürliche Ernährung aus frischen, regionalen, saisonalen und traditionellen Zutaten wie etwa unpoliertem (braunem) Reis, Bohnen und Algen befürwortet. Sakurazawa folgt Ishizukas Empfehlungen, kombiniert sie mit seinen Kenntnissen über chinesische Philosophie — und wird gesund. Von da an widmet er sein Leben der Verfeinerung und Verbreitung seiner Ideen über Glück und Gesundheit. Er nennt sie „Makrobiotik“ (makurobiotikku, kurz makurobi, auf Japanisch).

Ursprung und Wachstum der Makrobiotik

Eigentlich gibt es den Begriff „Makrobiotik“ schon viel länger, seit Hunderten, sogar Tausenden von Jahren. Er wird zum Beispiel schon in den Werken von Hippokrates aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. erwähnt, oder im Titel eines Buches — „Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“ des bekannten preußischen Arztes Dr. Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836).

Und doch wird die Erfindung der makrobiotischen Lebensweise meist Sakurazawa Nyoichi zugeschrieben — und meist unter dem Namen George Ohsawa, den er annimmt, als er nach Frankreich zieht (angeblich weil „Ohsawa“ wie „Oh, ça va“ klingt, was auf Französisch „in Ordnung“ oder „Es geht mir gut“ bedeutet.) Es sind Sakurazawa und später seine Schüler, die Makrobiotik auf der ganzen Welt verbreiten.  Über die 1960er, 70er und 80er leben Hunderttausende, überwiegend in den USA und in Europa, makrobiotisch. Auch die bekannten Musiker John Lennon und Yōko Ono zählen dazu — Lennon spielt sogar in seinem Lied „Aisumasen (I’m Sorry)“ mehrmals auf Makrobiotik an.

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Kushi Michio
Kushi Michio, einer von Sakurazawas engagiertesten Schülern, bei einer Veranstaltung 2007. Er und seine Frau Aveline schrieben viele Bücher, eröffneten die erste Naturkostladenkette in den USA und trieben die Makrobiotik-Bewegung stark an. © KushiInstitute / Flickr (CC BY 2.0)

In seinem Ursprungsland Japan gewinnt Sakurazawas Makrobiotik erst später, in den 90ern, an Beliebtheit. Dafür aber richtig: „Heute hat Makrobiotik in Japan eine Größe und kritische Masse erreicht, die sie im Westen nie wirklich hatte“, schreibt Japan-Expertin und Professorin Nancy Stalker in einem akademischen Artikel von 2009. Dass Fast-Food-Ketten wie MOS Burger in Japan angebautes Gemüse nutzen sowie die Existenz der „Natural Lawson“ Convenience Stores, in denen viele natürliche und Bio-Produkte verkauft werden, seien ebenfalls Zeichen dafür, argumentiert sie.

Eine Frage der Balance

 Wichtig für die makrobiotische Lebensweise ist nämlich eine Ernährung aus regionalen, saisonalen Bio-Lebensmitteln. Sogar die Zubereitung und Aufbewahrung von Mahlzeiten sollte so natürlich wie möglich sein: Zutaten sollten zum Beispiel über offener Flamme statt in Mikrowellen oder auf elektrischen Kochplatten zubereitet werden, und etwa in natürlichen Materialien aus Holz, Glas oder Porzellan aufbewahrt werden.

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Salat
© cheetah / Photo AC

Sakurazawas Makrobiotik ist stark geprägt und beeinflusst von japanischen Volksweisheiten und chinesischer Philosophie, insbesondere dem Konzept von Yin und Yang. Diese zwei gegensätzlichen Energien sollen allen Dingen in unterschiedlichen Maßen innewohnen, seien es Wetter und Temperaturen, unsere Körper und Persönlichkeiten, oder unser Essen. Lebensmittel, die aus der Erde nach oben oder auf höheren Pflanzen und Bäumen wachsen wie Blattgemüse oder viele Obstsorten, und die weich oder wässrig sind wie Pilze oder Gurken sind beispielsweise eher Yin. Dagegen sind etwa Wurzelgemüse wie Karotten oder Daikon, die in die Erde reinwachsen, oder harte Zutaten, die lange gekocht werden müssen, eher Yang.

Wassermelone
Die erfrischende Wassermelone gilt als Yin, heißes Wetter als Yang — das passt perfekt. © Green Planetさん / Photo AC

Nahrungsmittel, bei denen das Verhältnis zwischen Yin und Yang extrem ist, die also entweder zu sehr Yin oder zu sehr Yang sind, werden in der makrobiotischen Ernährung nicht — oder nur in sehr kleinen Mengen — verwendet. Dazu zählen beispielsweise Zucker, Alkohol, Koffein, sogenannte Nachtschattengewächse wie Tomaten und Auberginen sowie sämtliche tierische Produkte wie Fleisch, Fisch und Milch. Makrobiotik wird deswegen oft mit veganen oder vegetarischen Lifestyles verglichen.

Im Gegensatz dazu sind Vollkörner, besonders brauner Reis, energetisch am ausgeglichensten; sie machen daher den Großteil — um die Hälfte — einer makrobiotischen Mahlzeit aus. Ungefähr 20 bis 30 Prozent sind Gemüse und Obst, mindestens 10 Prozent (und bis zu einem Viertel) Bohnen und anderes pflanzliches Eiweiß wie Tōfu, Tempeh, Azuki oder Nattō. Auch Suppen, Getränke und Desserts können Teil der täglichen Nahrung sein. Gewürzt wird nur minimal, oft mit beispielsweise Miso, Sojasauce und braunem Reisessig.

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Makrobiotische Mahlzeit
Eine makrobiotische Mahlzeit. Foto: "Macrobiotic Food"© TIGER500 / Flickr (CC BY 2.0)

„Unsere Apotheke ist die Küche.“

Dies hat Sakurazawa einmal gesagt. In seinen Augen sind Krankheiten das Ergebnis von Ungleichgewichten des Yin und Yang in der Ernährung. Eine Umstellung auf Makrobiotik könne einen Menschen in nur zehn Tagen heilen, sogar von Krebs, Epilepsie, Diabetes oder Lepra. Bis heute konnte diese Behauptung nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Mit dem Wachstum der Makrobiotik-Bewegung sind auch immer mehr kritische Stimmen aufgetaucht, bei denen die versprochene Genesung nicht stattgefunden hat. Studien bezeichnen Makrobiotik als mangelhaft, die US-amerikanische Food and Drug Administration einmal sogar als “gefährlich”, nachdem 1965 eine junge Frau, die eine besonders strenge Variante praktiziert hatte, an Unterernährung und Dehydrierung starb. 

Gleichzeitig gibt es Zeichen, dass Makrobiotik zumindest eine therapeutische Wirkung auf Menschen, die unter chronischen Krankheiten leiden, haben könnte. Die allgemein fettarme, ballaststoffreiche und pflanzliche Ernährungsweise kann außerdem wohltuend sein bei beispielsweise hohen Blutfett- und Cholesterinwerten und Blutdruck- und Blutzuckerproblemen. Gesund sein bedeutet für Sakurazawa auch, das Leben zu schätzen, dankbar zu sein und einen Sinn für Gerechtigkeit zu haben. Obwohl die makrobiotische Lebensphilosophie also nicht immer wissenschaftlich fundiert und auch kein Wundermittel ist, können wir trotzdem etwas von ihr mitnehmen, gerade in der aktuellen tumultartigen Weltsituation.

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