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Tagawa – Einblick in Japans Geschichte des Bergbaus

Annemarie Günzel-Taguchi
Annemarie Günzel-Taguchi

Im grünen Herzen der Präfektur Fukuoka liegt die Kleinstadt Tagawa. Als ehemalige Bergbaustadt, deren Steinkohle die industrielle Revolution Japans befeuerte, erlangte sie während der Meiji-Zeit große Bedeutung. Hier finden Sie alle Informationen für einen spannenden Tagesausflug in die Stadt der schwarzen Diamanten!

Tagawa Zeche
Die Wahrzeichen von Tagawa: Die zwei Schornsteine und der Förderturm der ehemaligen Zeche. © Rathaus Tagawa

Tagawa ist mit ca. 46.000 Einwohnern (Stand: November 2021) im ländlichen Japan zwar keine Stadt, die in gängigen Japan-Reiseführern auftaucht. Die von Weitem an den zwei großen Schornsteinen der ehemaligen Zeche leicht erkennbare Kleinstadt ermöglicht jedoch einen faszinierenden Einblick in die Geschichte des Bergbaus von Japan. Darüber hinaus steht die Stadt mit ihrem Engagement im paralympischen Sport sowie in der Internationalisierung beispielhaft für neue Wege in der Revitalisierung ländlicher Gemeinden. Ein Tagesausflug nach Tagawa ist deswegen besonders empfehlenswert für Geschichtsinteressierte und Anhänger des ländlichen Japans.

Der Abbau von Steinkohle begann in der Region Chikuhō, zu der Tagawa gehört, in der Meiji-Zeit (1868-1912). Die industrielle Revolution erhöhte damals den Kohlebedarf Japans schlagartig auf ein Vielfaches. Durch die mit dem Bergbau verbundene Zuwanderung von Arbeitskräften entwickelten sich in der bis dahin vom Reisanbau geprägten Region erstmals städtische Strukturen und es kam am 3. November 1943 zur offiziellen Stadtgründung von Tagawa in der Präfektur Fukuoka. Der Bergbau ist deswegen untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Auch wenn der Alltag von der harten und gefährlichen Arbeit in den Zechen geprägt war, ermöglichte der Bergbau vielen Familien eine stabile finanzielle Lebensgrundlage.

Dies änderte sich jedoch, als Erdöl ab Mitte der 1950-er Jahre begann, Steinkohle als primäre Energiequelle Japans zu ersetzen. Infolgedessen kam es nach und nach zur Schließung von Bergwerken. Das Licht der letzten Zeche von Tagawa erlosch im Jahr 1970 und die Folge waren hohe Arbeitslosigkeit und eine Abwanderung von Arbeitskräften. Heute ist Tagawa, wie viele Gemeinden im ländlichen Japan, von der Überalterung der Bevölkerung geprägt. Jedoch bewahrt die Stadt ihr historisches und kulturelles Erbe und beschreitet gleichzeitig bei der Revitalisierung neue, spannende Wege.

Tagawas Gegenwart: Das historische Erbe bewahren…

Bergbaumuseum Tagawa
Eingang des Historischen Bergbaumuseum Tagawa auf dem Gelände der ehemaligen Kohlemine. © Rathaus Tagawa

Das Historische Bergbaumuseum Tagawa informiert mithilfe von zahlreichen Originalen über die Technologien, die in den Bergwerken zum Einsatz kamen. Aber auch der Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit kommt durch Nachbauten der Wohnquartiere nicht zu kurz. Das Obergeschoss ist den Werken des lokalen Künstlers Yamamoto Sakubei gewidmet, der mithilfe von Tinte- und Aquarellzeichnungen den Alltag in den Bergwerken festhielt. Weitere Werke Yamamotos sind im Kunstmuseum Tagawas archiviert, das auch regelmäßig wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst präsentiert.

Zu Tagawas immateriallem Kulturerbe gehört das Fuji Hachimangu Kawatari Jinko-sai-Festival (kurz Jinko-sai), das jedes Jahr am dritten Mai-Wochenende eine große Zahl von Besuchern anzieht. Bei dem Festival werden zwölf dekorierte Schreine durch den Hiko-san Fluss getragen, was ein farbenprächtiges Spektakel darstellt. Aber auch neue Festivalkultur wird am ersten Novemberwochenende in Form des “Coal Mine Festivals”, dessen Reiz in lokalen Spezialitäten und einem Bühnenprogramm besteht, etabliert.

Jinko-sai-Festival
Jeder Schrein auf dem Jinko-sai-Festival ist in anderen Farben dekoriert. © Rathaus Tagawa

…und neue Wege gehen

Darüber hinaus beschreitet die Stadt seit einigen Jahren auch neue Wege. Seit der Gründung der Präfekturellen Universität Fukuoka 1992 bietet Tagawa die Möglichkeit einer Ausbildung im Bereich der Pflege- und Sozialwissenschaften, ohne dass junge Menschen dafür ihre Heimat verlassen müssen. Ein großes Projekt der Stadtverwaltung war die Ausrichtung eines gemeinsamen Trainingslagers der Nationalmannschaften im Rollstuhlfechten aus Deutschland und Belarus vor den Tokyo 2020 Paralympischen Sommerspielen.

Das deutsche und belarussische Rollstuhlfecht-Team mit den Kindern von Tagawa.
Interkultureller Austausch durch Sport: Das deutsche und belarussische Rollstuhlfecht-Team mit den Kindern von Tagawa. © Rathaus Tagawa

Im Laufe der Vorbereitungen wurde die städtische Sporthalle sowie ein Teil der städtischen Infrastruktur barrierefrei gemacht mit dem langfristigen Ziel, Tagawa zu einem Ort mit einer hohen Lebensqualität für Menschen unabhängig ihres Alter, ihrer Herkunft oder ihrer körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen umzugestalten. Das Trainingslager hat auch zu einem vermehrten kulturellen Austausch geführt und deutsche Kulturveranstaltungen wie ein jährliches Sankt Martinsfest gehören mittlerweile zu den neuen Traditionen der Stadt.

Laternen in Tagawa
Ausstellung der Sankt-Martinslaternen, die von den Kinder einer Grundschule in Tagawa gebastelt worden sind. © Annemarie Günzel-Taguchi

Ein Ausflug nach Tagawa

Tagawa ist von den Städten Fukuoka und Kitakyūshū sowohl mit dem Bus als auch mit dem Zug erreichbar. Bitte beachten Sie bei der Anreise mit dem Zug, dass die Bahnhöfe in Tagawa nur Papiertickets, aber keine IC-Karten, wie die Suica oder Pasmo-Karte, akzeptieren. Für einen perfekten Ausflug empfehlen wir Ihnen, entweder am Wochenende des Jinko-sai-Festivals oder des Coal Mine Festivals nach Tagawa zu fahren.

Starten Sie Ihren Besuch am Ita-Bahnhof und bewundern Sie das 2019 neu eröffnete Bahnhofsgebäude. Danach können Sie sich ins Festivalgetümmel stürzen und entweder dem Schreinzug des Jinko-sai folgen oder auf dem Gelände der ehemaligen Kohlemine gleich hinter dem Bahnhof das Coal Mine Festival genießen. Anschließend können Sie das Bergbaumuseum und das Kunstmuseum besichtigen. Das Bergbaumuseum hält für Besucher auch deutschsprachiges Informationsmaterial bereit.

Kulinarische Verpflegung finden Sie auf den Festivals oder in einem der kleinen familiengeführten Restaurants in der Innenstadt. Auch wenn Tagawa kein klassisches Ausflugsziel ist, ist es für Kyūshū-Reisende, die sich abseits der gängigen Tourismus-Pfade bewegen möchten, eine unbedingte Empfehlung.

Förderturm Tagawa bei Nacht
Der Förderturm und die Schornsteine werden nachts beleuchtet. © Rathaus Tagawa

Tourismusinformationen zu Tagawa (Englisch):

https://visit-tagawa.fukuoka.jp/index.html

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