Japanisches Design: Zeitlos schöne Vergänglichkeit

Laura Blecken
Laura Blecken

Japanisches Design ist facettenreich: Zarte Stoffe mit Kirschblüten-Mustern, lautlos gleitende Papier-Schiebetüren, süße Roboter-Hunde und schriller J-Pop sind nur einige „japanische“ Produkte. Auch wenn „japanische Ästhetik“ erst mit Beginn der Meiji-Zeit konzipiert wurde, entstanden viele aktuelle Schönheitsideale lange zuvor.

Die Schönheit der Zeit: Farne und Moose in einem japanischen Garten in Nara

Die japanische Design-Devise der Gegenwart lautet kawaii (かわいい). Das Prinzip des Süßen, Niedlichen und Kindlichen beeinflusst in Japan die Mode und die Musikwelt. Auch große Firmen der Schwerindustrie, die Selbstverteidigungsstreitkräfte und japanische Präfekturen werden von putzigen Maskottchen (kyara vom englischen Character) vertreten, da diese einen freundlichen, weichen Eindruck vermitteln. Auch Roboter  und Baustellen-Absperrungen sind auf niedlich designt.

Kawaii ist längst über die Grenzen Japans berühmt und Teil von Cool Japan, einer Image-Kampagne der japanischen Regierung. Cool Japan-Kritiker sind skeptisch, ob die „süße“ Konsum-Kultur der Jetztzeit in einer historischen Linie mit der traditionellen japanischen Ästhetik steht.

“Kawaii sells”: Visuelle Kultur in JapanIn Japan treffen dezente Designs auf eine teils sehr grelle visuelle Kultur, die bei so manchem europäischen Betrachter manchmal aneckt. JAP...23.01.2018

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Selbst Baustellen-Absperrungen in Japan sind kawaii (©Laura Blecken)
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Kawaii hat Ostasien im Griff – hier eine koreanische Polizeistation (©Laura Blecken)

Kein Prunk: Japanischer Minimalismus

Im (vermeintlichen) Gegensatz zur bunten, niedlichen Pop-Kultur Japans steht die Maxime der  Einfachheit. Sie gilt vor allem im Produkt- und Innendesign als besonders japanisch. An die Stelle von Extravaganz treten schlichte Formen und natürliche Materialien. So folgt z.B. der japanische Einzelhändler MUJI, der heute weltweit Filialen betreibt, im Design seiner Produkte der Philosophie von Schlichtheit (simplicity) und Leere (emptiness).

Der japanische Minimalismus wird häufig auf den Einfluss des Zen-Buddhismus zurückgeführt. Besonders die Samurai der Edo-Zeit  pflegten dieses Prinzip, beispielsweise in der Teezeremonie. Sie verzichteten auf den Prunk europäischer Eliten im Barock. Bei der Bemalung von japanischen Wandschirmen byōbu sowie bei Farbholzdrucken ukiyo-e wurden zudem bewusst Stellen freigelassen yohaku, um dem Betrachter Raum zur Entfaltung seiner Gedanken zu geben.

Sakura
Die Kirschblüte steht für das Gefühl von mono no aware und lockt jedes Jahr zahlreiche Japaner und Touristen

Vergänglichkeit und unperfekte Perfektion

Die Schönheit der Vergänglichkeit mono no aware ist eines der berühmten Ideale der japanischen Ästhetik. Ihr prominentestes Symbol ist bis heute die Kirschblüte, deren Pracht nur während der kurzen Blütezeit währt. Ihr Verblühen soll hakanasa, das wehmütige Gefühl der Flüchtigkeit des Augenblicks, hervorrufen.

Das ästhetische Ideal wabi-sabi, das die Schönheit des Alterns und der Verborgenheit bezeichnet, wird ebenfalls aus den Lehren des Buddhismus hergeleitet und hat noch heute Bestand: So entfalten japanische Gärten ihren wahren Reiz erst mit der Zeit, wenn sich Moos auf den Steinen bildet und Farne natürlich zu wachsen beginnen.

Nahaufnahme von Kirschblütenblättern auf einer BankMono no aware: Die sanfte Empfindsamkeit des UnbeständigenDie japanische Mentalität und Philosophie ist eine ganz besondere. In Japan gibt es eine regelrechte Kunst, mit der Flüchtigkeit des Lebens...28.07.2018

Auf dem Farbholzschnitt von Tōshūsai Sharaku trägt ein Kabuki-Schauspieler einen Kimono mit dem Karo-Muster ichimatsu mōyō

Verschmelzung östlich-westlicher Ästhetik

Mit der Öffnung Japans im 19. Jahrhundert wurde auch japanische Kunst vermehrt nach Europa exportiert. Vor allem die Farbholzdrucke der Edo-Zeit  inspirierten eine ganze Generation von westlichen Künstlern zum Japonismus. Die Theoretisierung der japanischen Ästhetik beginnt erst in dieser Zeit. Der Schriftsteller Tanizaki Jun’ichirō grenzt in seinem Essay „Lob des Schattens“ (In’ei Raisan) die in seinen Augen „japanische“ Ästhetik von der westlichen ab.

Indigoblau verbindet Zukunft und Vergangenheit

Das Logo der Olympischen Spiele 2020 in Tōkyō steht fest: Der Künstler Asao Tokolo greift mit einer Kombination blauer Rechtecke das traditionelle ichimatsu-mōyō auf. Das Karo-Muster galt ebenso wie die Farbe Indigo bereits während der Edo-Zeit auf dem Kimono als modisch. Es wird auch heute noch verwendet und als klassisches japanisches Muster identifiziert. Trotzdem greift das Motiv alle Aspekte westlicher Logo-Gestaltung auf.

Ein gesprungener Teller wird mit Goldlack repariert.Kintsugi: Wenn Zerbrochenem neues Leben eingehaucht wirdJapanische Keramik ist weltweit hoch angesehen. Kintsugi, die traditionelle Art, gesprungene Keramik zu reparieren, zeugt nicht nur von viel...02.07.2017

Das neue Logo für Tōkyō 2020 (©The Tokyo Organising Committee of the Olympic and Paralympic Games.)

Heute lässt sich auch westliches Design ohne japanische Einflüsse kaum denken: So hat der Japonismus den Impressionismus und Jugendstil inspiriert, der Minimalismus ist zur Maxime bei moderner Technik geworden und die Niedlichkeitsästhetik ist in der Form von Emoji, Pokémon und Manga längst in Deutschland angekommen.

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