Auf perfekte Weise nicht perfekt: Die Philosophie des Wabi Sabi

Simone Hencke
Simone Hencke

Nichts ist vollkommen, nichts steht still, nichts ist für immer: Bei der japanischen Philosophie von "wabi sabi" geht es darum, auch im Alltäglichen, im Altern und im Zerbrochenen das Schöne und Besondere zu erkennen.

Ahornblätter
Verblasste und verwelkte Ahornblätter, die doch irgendwie schön sind.

Kirschbäume in voller Blüte reihen sich am Rande eines kleinen Parks in einer ruhigen Wohngegend in Kyōto. Die abendliche Frühlingssonne strahlt durch ihre prächtigen Kronen und taucht alles in ein warmes Orange. Hunderte der zarten, weiß-rosafarbenen Blütenblätter bedecken den Boden, ein starker Wind wirbelt sie hin und her. Es ist fast surreal, wie aus einem Film, wunderschön und irgendwie melancholisch zugleich.

In der japanischen Sprache und Kultur existieren einige Wörter und Konzepte, um eine solche Szene der Vergänglichkeit, der Alltäglichkeit und doch Schönheit besser zu verstehen – auch wenn sie meist sehr schwierig, teils fast unmöglich zu übersetzen und zu definieren sind. Eines ist mono no aware (物の哀れ), ein gemischtes Gefühl von Freude und Traurigkeit über die Unbeständigkeit und Sterblichkeit aller Dinge. Die Kirschblüte, die jedes Jahr nur für eine kurze Zeit erblüht und bewundert werden kann, ist das vielleicht bekannteste Beispiel dafür.

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Doch der oben beschriebene Moment kann auch durch die Linse des wabi sabi betrachtet werden. Wabi (侘び) und sabi (寂び) sind eigentlich zwei einzelne Wörter, die früher recht negativ besetzt waren: Ersteres bedeutete so viel wie ein einsames Leben in der Natur, weit weg von der Gesellschaft, letzteres „mager“, „verwelkt“ und drückte Verschlechterungen im Laufe der Zeit aus. Heute versteht man unter wabi Stille und Rustikalität und unter sabi eine Anmut im Altern. Kombiniert beschreiben wabi und sabi eine Art und Weise, auf die Welt zu schauen und Fehler und Mängel, Schlicht- und Einfachheit, Flüchtig- und Sterblichkeit zu akzeptieren, sogar als schön und elegant zu sehen.

Kirschblüten in Kyoto
Ein flüchtiger Frühlingsmoment in Kyōto. © Simone Hencke

Frühe Spuren und Einflüsse von wabi sabi

In den Ideen hinter wabi sabi finden sich starke Einflüsse des Taoismus und Zen-Buddhismus: Nichts im Universum ist perfekt, nichts ist für immer, nichts steht still, sondern verändert sich ständig. Wie Anhänger des Taoismus stets versucht haben, im Einklang mit der Natur zu leben, so ist es auch bei wabi sabi wichtig, die Kräfte der Natur zu akzeptieren. Der japanische Autor und Philosoph Suzuki Nobuo beginnt sein Buch „Wabi Sabi: Die Weisheit in der Imperfektion“ mit einer Geschichte über einen Mönch, der beim Kehren des Herbstlaubs im Garten eines Zen-Klosters immer ein Blatt auf dem Boden liegen ließ. Nicht nur, weil bald sowieso wieder mehr bunte Blätter von den Bäumen fallen würden, sondern auch, weil „das japanische Ideal von Schönheit nicht Perfektion, Einheitlichkeit und genaue Symmetrie sucht, sondern Natürlichkeit.“

Spuren von wabi sabi können in jahrhundertealten „wen-jen hua“-Malereien von chinesischen Literaten der Song-Dynastie (960-1279) festgestellt werden, die sehr einfache Landschaften und Szenen wie einen einzelnen Baum oder Felsen darstellten und so (auch wortwörtlich) viel Platz für die Fantasie und Gedanken der Betrachter ließen. Später nahmen chinesische Zen-Buddhisten einen neuen freieren und lockereren Malstil an, der auf eine andere Art wabi sabi verkörperte, nämlich durch schnelle, zusammenfließende, fast willkürliche Muster, die mit den Worten kritisiert wurden, sie sehen aus wie von „verrückten Säufern“ gemacht.

Auch die japanische Teezeremonie ist eng mit dem Zen-Buddhismus und dadurch auch mit wabi sabi verknüpft (zumindest in der Form, in der man sie heute kennt.) Sie wurde im 16. Jahrhundert von einem Mönch namens Sen no Rikyū erfunden und setzte auf Einfachheit statt Extravaganz. Werkzeuge und Ort der Zeremonie wurden so minimalistisch wie möglich gehalten und symbolisierten simple Schönheit. Etwa nutzte Sen no Rikyū raku-Teeschalen, die in ihrer Herstellung sehr schnell und stark erhitzt werden, wodurch Risse und andere Effekte entstehen.

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raku Teeschale
Schalen, die mit der raku-Methode hergestellt wurden. © "raku / 05" bekhap / Flickr (CC BY 2.0)

Wabi sabi in allen Dimensionen des Lebens

Ein verwandtes, bekanntes Beispiel für wabi sabi ist kintsugi, eine besondere Methode, zerbrochene Keramik zu reparieren. Dabei werden Risse in Gold oder Silber lackiert, was sie noch mehr hervorhebt statt kaschiert und so etwa Stärke und Authentizität symbolisiert.

Wabi sabi spiegelt sich in zahlreichen Facetten von Alltag, Kultur und Gesellschaft wider. Es steckt in den wild auf der Erde verstreuten Kirschblütenblättern im Frühling und in den goldenen und roten Laubblättern im Herbst. In der schlicht-schönen japanischen Blumensteckkunst Ikebana. Im verblassten, abgenutzten Holz des Ginkakuji-Tempels in Kyōto und seinem mit Moos überwachsenen Garten. In den faltigen Gesichtern und ergrauten Haaren älterer Menschen, die von Erfahrung und Weisheit sprechen.

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Ginkakuji
Der Ginkakuji-Tempel in Kyōto. © Simone Hencke

Auch in der (Innen-)Architektur findet wabi sabi Ausdruck. Nach wabi sabi wohnen bedeutet, sich bei der Einrichtung auf die wirklich wichtigen und nützlichen Elemente zu konzentrieren – ein Raum soll nicht vollgestellt und überladen, sondern schlicht und optisch leer sein. Möbelstücke mit Geschichte und „Persönlichkeit“ stehen im Vordergrund – eine alte Holzkommode vom Flohmarkt, deren Lack schon leicht abblättert, oder eine Wanduhr mit Kratzern und Kerben. Es werden möglichst natürliche, hochqualitative Materialien und neutrale, sanfte Töne wie Beige und Creme verwendet anstelle lauter Muster und greller Farben.

Wabi sabi ist ein Gegensatz zu eher westlichen Idealen von übertriebenem Materialismus, unnatürlicher Schönheit und unerreichbarer Perfektion. Und es ist ein Gegenmittel: Es lehrt uns, geduldiger und präsenter zu sein, uns mit dem, was wir haben (oder mit weniger) zufrieden zu geben. Es erinnert uns an unseren Platz in der Natur, öffnet und inspiriert uns, in allen Dingen das Gute und Schöne zu sehen.


Verwendete Creative Commons-Lizenzen: CC BY 2.0 (Attribution 2.0 Generic)

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