1.300 Jahre Saigoku-Pilgerweg: Die Zeit des Mitgefühls

Sina Arauner
Sina Arauner

Der Saigoku-Pilgerweg ist die älteste Pilgerstrecke Japans. Auf einer Strecke von etwa 1.000 km durchzieht der Weg die Präfekturen Wakayama, Ōsaka, Hyōgo, Kyōto, Nara, Shiga und Gifu. 2018 wird der Pilgerweg 1.300 Jahre alt.

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Pilger in traditionell weißem Gewand. (c) 西国三十三所札所会

Eine Pilgerfahrt bezeichnet im Allgemeinen jedweden Schrein- oder Tempelbesuch. In Japan bezieht sich das Pilgern oft auf den Besuch eines Kannon-Tempels, von denen es viele in der Region Kinki im Westen Honshūs (eine der Hauptinseln Japans) gibt. Von dort breitete sich die Verehrung Kannons über das ganze Land aus.

Als Tokudo Shonin (der Heilige Tokudo), Gründer des Hasedera-Tempels in der Provinz Yamato, während einer Krankheit scheinbar dem Tod erlag, traf er in der Unterwelt Enma Daiō, den König der Hölle. Dieser sagte ihm: „So viele Menschen werden für ihre Sünden zu Lebzeiten nach dem Tod in die Hölle geschickt. Lehre die Leute den Geist von Kannon Bosatsu, dem Bodhisattva des Mitgefühls, sodass sie mit Pilgerfahrten zu seinen heiligen Stätten Verdienste erwerben können.“ Mit einem schriftlichen Versprechen und einem heiligen Siegel ausgestattet, kehrte Tokudo Shonin zurück in die Welt der Lebenden.

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Die Saigoku-Pilgerweg-Gesellschaft feiert das 1.300-Jährige Bestehen des Pilgerwegs. (c) 西国三十三所札所会

Im Jahr 2018 ist es genau 1.300 Jahre her, seitdem Tokudo Shonin 718 den Glauben an Kannon Bosatsu zu predigen begann. Tokudo Shonin verteilte sodann die heiligen Siegel – Stempel für die Reise ins Paradies – an wundersamen Orten und Tempeln, die Kannon Bosatsu ihm preisgab. Aus diesem Ursprung entwickelte sich der Saigoku- Pilgerweg, der im japanischen Original saigoku sanjūsansho 西国三十三所, also „Weg entlang der 33 Kannon-Tempel im Westen Japans“ heißt. Das tugendhafte Verhalten Tokudo Shonins ehrend, zelebriert die Saigoku-Pilgerweg- Gesellschaft den 1.300. Geburtstag des Pilgerwegs unter dem Motto „Jetzt ist die Zeit für den Geist des Mitgefühls“. Im Rahmen dieses Jubiläums werden noch bis 2020 diverse Veranstaltungen an den Tempeln entlang des Pilgerwegs abgehalten.

Die Zahl 33 wird im Lotos-Sutra, genauer im 25. Kapitel namens Kanzeon bosatsu fumon bon („Das universale Tor des Bodhisattva Kanzeon“) beschrieben. Es schildert von den 33 Verwandlungen des Kannon Bosatsu, der die Menschen von ihrem Leid erlöst. Dem Glauben nach wird Kannon Bosatsu über jene Menschen wachen, die Mitgefühl in ihren Herzen tragen, wann auch immer sie auf Hindernisse jeglicher Art stoßen. Die inbrünstige Rezitation seines Namens ruft die Kraft Kannon Bosatsus an – er wird den Hilfesuchenden beiseite stehen und sie erlösen.

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Was bedeutet Kannon?

Der Name Kannon beinhaltet zwei gegenteilige Bedeutungen: „Du“ und „Ich“. Kannon lehrt die Menschen, dass die ideale Lebensweise auf dem Verständnis des Glücks und Leids anderer Personen sowie einer unvoreingenommenen Sicht auf die Welt basiert. Menschen tendieren dazu, Dinge aus ihrer eigenen Perspektive wahrzunehmen. Sie sind leicht durch Oberflächlichkeiten beeinflusst und nehmen die Gefühle anderer oder Veränderungen in ihrer Umgebung nur eingeschränkt wahr. Als Gottheit wacht Kannon sowohl subjektiv als auch objektiv über die Welt, mit seinem Herzen und seinen Augen – anders als der Mensch, der zu schnellen Vorurteilen neigt.

Der Name Kannon setzt sich aus zwei Kanji zusammen: 観 und 音. Kan 観 steht für die Subjektivität, Dinge mit dem Herzen zu betrachten – Dinge, die für das Auge unsichtbar sind. Im Gegensatz dazu steht on 音, was wörtlich übersetzt „Ton“ oder „Laut“ bedeutet und die objektive Wahrnehmung der äußeren Welt symbolisiert.

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Die hölzerne Figur des tausendhändigen Senjū Kannon Bodhisattva mit elf Gesichtern ist die Haupt-Tempelstatue im Kimii-Tempel (Wakayama) und ein wichtiges Kulturgut Japans. (c) 西国三十三所札所会

Richtig pilgern: Kleidung und Mitbringsel

Früher trugen Pilger weiße Happi (traditionelle Jacke) und Wagesa (Mönchsrobe, die wie ein Ring um Hals und Brust gelegt wird), dazu eine Gebetschnur in der Hand. Heutzutage ist diese Aufmachung nicht mehr notwendig. Die Straßen zu den Tempeln sind oft steile Bergwege, Besucher sollten daher so komfortabel wie möglich bekleidet sein. Ansonsten wird Pilgern empfohlen, ein Notizbuch für die Stempel der Tempel mitzuführen. In dem Buch wird das Datum des Besuchs, der Name des Tempels und der dort verehrten Gottheit vermerkt. Der Kontrast zwischen zinoberrotem Stempel und schwarzer Tusche wirkt dabei fast malerisch. Der individuelle Charakter der einzelnen Pinselstriche, dazu der tiefrote Stempel – es gibt durchaus Leute, die diese Einträge als Kunstwerke sammeln.

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Tempelbesucher erhalten den roten Stempel. Für Kinder gibt es eine besonders niedliche Version des Stempelbuchs. (c) 西国三十三所札所会

Dieser Text wurde von Mai Schmidt für die Januar-Ausgabe des JAPANDIGEST verfasst und von Sina Arauner aus dem Japanischen übersetzt und für die Veröffentlichung im Printmagazin und auf der Webseite nachbearbeitet. Eine Übersicht über weitere Artikel finden Sie hier:

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