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Wagara: Traditionelle japanische Stoffmuster

Constanze Thede
Constanze Thede

Wer in Japan unterwegs ist oder hierzulande mit der japanischen Kultur in Berührung kommt, kann nicht umhin, die häufig sehr dekorativen Stoffmuster zu bemerken. Wir stellen Ihnen einige dieser traditionellen Wagara (japanische Muster) vor und erklären, woher sie kommen.

Japanischer Tragebeutel mit Blumenmuster auf Tatami-Matten

Vielleicht ist Ihnen im Zusammenhang mit japanischen Textilien schon einmal aufgefallen, dass es bestimmte Muster gibt, die immer wieder vorkommen. Dann handelt es sich vermutlich um eins der traditionellen Wagara (japanischen Muster), von denen wir Ihnen im Folgenden eine Auswahl präsentieren. Der Begriff Wagara entstand etwa in der Mitte der Heian-Zeit (794–1185), als der Einfluss Chinas auf die japanische Kultur stark ausgeprägt war. So sind auch die traditionellen japanischen Stoffe von chinesischen Webwaren aus der Sui- (581–618) und Tang-Zeit (617–907) inspiriert.

Blumen und Alltagsgegenstände

Blumen sind ein beliebtes Motiv auf japanischen Stoffen, doch auch ganz gewöhnliche Alltagsgegenstände können zum Hingucker werden. Wir stellen Ihnen hier einige Beispiele vor, die sowohl das Herz als auch das Auge erfreuen.

Kniende Frau im Kimono
Blumenmotive finden sich häufig auf Kimonostoffen

Sakura und Ume (Kirsch- und Pflaumenblüte)

Die Kirschblüte (Sakura) ist natürlich der Klassiker unter den Blumenmotiven und häufig auf den unterschiedlichsten japanischen Stoffen zu finden, allen voran dem Kimono. Da sie im Frühling blüht, steht sie für Neuanfang und aufgrund ihrer Blütenpracht auch für Reichtum und Wohlstand.

Kirschblütenmuster (verschiedene Formen)
Verschiedene Darstellungsarten der Sakura (Kirschblüte) © Ikiya

Nicht zu verwechseln ist die Kirschblüte mit der Pflaumenblüte (Ume), die manchmal ganz ähnlich wie die Kirschblüte als stilisierte Blume mit strahlenförmig auseinanderlaufenden Blütensamen dargestellt wird. Manchmal wird sie aber auch mit runderen Blättern dargestellt. Da sie im Winter blüht, symbolisiert sie innere Stärke und Durchhaltevermögen. Ihre roten und weißen Blüten gelten außerdem als glücksbringend.

Pflaumenblütenmuster (Variationen)
Die Ume (Pflaumenblüte) in verschiedenen Variationen © Ikiya

Kiku (Chrysantheme)

Die 16-blättrige Chrysantheme (Kiku) ist nicht nur das Wappen des japanischen Kaiserhauses und somit ein wichtiges Landessymbol, sondern steht auch für Langlebigkeit, Revitalisierung und eine adlige Gesinnung. Auch sie kommt ursprünglich aus China und wurde in der Nara-Zeit (710–794) zunächst als Arzneipflanze nach Japan importiert. Da sie in Japan so eine hohe Bedeutung hat, dass es sogar einen „Tag der Chrysantheme“ (9. September) und ein jährliches „Chrysanthemenfest“ (Kiku Matsuri) gibt, verwundert es nicht, dass sie auch als Stoffmuster sehr beliebt ist. Gern wird sie mit anderen Blüten kombiniert, wie hier mit der Kirschblüte.

Chrysanthemen- und Kirschblütenmuster
Sakura und Kiku (Kirschblüten und Chrysanthemen) © Ikiya

Ōgi (Fächer)

Neben Blumen sind auch Alltagsgegenstände wie z.B. Fächer ein beliebtes Motiv, häufig auch wie hier in Kombination mit weiteren Mustern. Mit ihrer aufgefächerten Form stehen sie für zukünftige Entwicklungschancen und sollen in dieser Hinsicht Glück bringen.

Muster mit Fächern
Ōgi (Fächermuster) © Ikiya

Umwelt- und Tiermotive

Die Natur bietet als Vorlage für Stoffmuster eine üppige Inspirationsquelle. Dabei dienen nicht nur Pflanzen als Motivgrundlage, sondern auch die vier Elemente sowie unsere tierischen Mitgeschöpfe.

Uroko (dreieckige Schuppen)

Dieses Muster sieht zwar wie eine Ansammlung von Dreiecken aus, soll aber an die Schuppen eines Fisches oder einer Schlange erinnern. Da diese Tiere sich häuten können, steht es symbolisch für die Bewahrung vor Unheil und für Wiedergeburt. Deshalb sollte so gemusterte Kleidung eine schützende Wirkung entfalten und war früher bei den Samurai sehr beliebt.

Dreiecksmuster (Uroko)
Uroko (Fischschuppenmuster)

Nami / Seigaiha (Meereswellen)

Dieses Muster soll fächerformige Meereswellen darstellen, die unbegrenzt und ruhig dahinfließen. Sie symbolisieren daher Ewigkeit und Frieden. Der Name Seigaiha leitet sich vom gleichnamigen höfischen Tanz ab, der schon in der „Geschichte vom Prinzen Genji“ (Genji monogatari) der Hofdame Murasaki Shikibu vorkommt.

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Meereswellenmuster (Seigaiha)
Seigaiha (Meereswellen)

Kikkō (Schildkrötenpanzer / Schildpatt)

Diese Hexagone (Sechsecke) sollen an Schildkrötenpanzer aus Schildplatt denken lassen, die für ein langes Leben stehen. Hier gibt es verschiedene Variationen, z.B. wie hier mit einer Blüte in der Mitte jedes Hexagons als Kikkō hanabishi oder als Bishamon kikkō, wo drei Hexagone miteinander kombiniert werden.

Kikkō-Muster
Kikkō (Schildkrötenpanzer)

Asa no ha (Hanfblätter)

Dieses Muster erinnert Sie vielleicht zunächst an unseren Weihnachtsstern, tatsächlich soll es aber Hanfblätter darstellen. Da diese in Japan Vitalität und Stärke symbolisieren, findet sich dieses Muster häufig auf Baby- und Kinderkleidung, damit der Nachwuchs gesund groß wird.

Asanoha-Muster in Blau-Weiß
Asa no ha (Hanfblätter)

Shippō (Sieben Schätze)

Dieses Muster aus sich überlappenden Kreisen wird Shippō (Sieben Schätze) genannt. Die hier vierfarbigen Ovale, die durch das Überlappen entstehen, sollen an Blütenblätter erinnern und die Form in der Mitte jedes Kreises (hier in Weiß) an einen Stern. Symbolisch steht Shippō für gute Beziehungen und Harmonie und soll außerdem den nachkommenden Generationen Wohlstand bringen.

Shippō-Muster in Mintgrün, Gelb und Rosa
Shippō (Sieben Schätze)

Andere Muster

Quellen für Muster finden sich nicht nur in der Natur. Auch Motive aus der Geistes- und Schaffenswelt der Menschen sind in abstrakter Form auf japanischen Stoffen zu finden, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Kōjitsunagi (Wiederholung des Schriftzeichens Kō 工)

Auch wenn man auf den ersten Blick vielleicht nicht darauf kommt, ergibt sich dieses Muster aus einer ständigen Wiederholung des Schriftzeichens 工, daher auch der Name Kōjitsunagi (Verbundene -Schriftzeichen). Dieses glücksbringende Muster ist häufig auf Kimono-Stoffen zu finden.

Kōjitsunagi (Muster)
Kōjitsunagi (Wiederholung des Schriftzeichens Kō 工)

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Ichimatsu (Karomuster)

Dieses auch unter dem Namen Ichimatsu moyō bekannte Muster kommt Ihnen sicherlich bekannt vor, da es unserem Karomuster (bzw. Vichy- oder Gingham-Muster) sehr ähnelt. In Japan gibt es solch farbig karierte Stoffe schon seit der Kofun-Zeit (ca. 300 bis 538 n. Chr.), doch erst als der Kabuki-Schauspieler Sanogawa Ichimatsu dieses Muster im 18. Jhd. bevorzugt für seine Hakama (Hosenröcke) verwendete, erhielt es seinen heutigen Namen. Da dieses Muster ohne Unterbrechungen gleichmäßig verläuft, steht es sowohl für Wachstum und Entwicklung als auch für das Gedeihen der Nachkommen. Auch die Logos für die ursprünglich für 2020 geplanten Olympischen und Paralympischen Spiele basieren auf diesem Muster in Blau-Weiß-Tönen.

Ichimatsu (japanisches Karomuster) in Rottönen
Ichimatsu (Karomuster)

Uchide no kozuchi (Magischer Wunschhammer)

Der Uchide no kozuchi, eine Art magischer Wunschhammer, ist vor allem zu Neujahr als Motiv beliebt, da Daikokuten, der Gott des Reichtums (einer der sieben japanischen Glückgötter), ihn bei sich trägt. Stoffe mit diesem Motiv sollen daher Geldsegen bringen. Der Wunschhammer steht aber (wie der Name schon sagt) auch allgemein für die Erfüllung von Wünschen jeglicher Art. Dafür muss man ihn dem Volksglauben nach einfach hin- und erschwingen. Schlägt man ihn wiederum auf den Boden, soll er für ein fruchtbares Erdreich sorgen, daher symbolisiert dieses Motiv auch Fruchtbarkeit und reiche Ernte.

Japanisches Stoffmuster mit Wunschhammer
Uchide no kozuchi (Magischer Wunschhammer) als Stoffmotiv
Uchide no kozuchi (Magischer Wunschhammer)
Bildliche Darstellung des Uchide no kozuchi

Schlusswort

Natürlich decken die hier vorgestellten Muster noch längst nicht alle ab, die es gibt, außerdem existieren zahlreiche Kombinationen. Achten Sie doch bei der nächsten japanischen Veranstaltung, auf die Sie gehen, einmal darauf, ob Sie einige Muster wiedererkennen oder vielleicht sogar neue entdecken. Wie Sie schon bemerkt haben, verbirgt sich hinter manchem auf den ersten Blick unscheinbaren Muster eine tiefe, symbolische Bedeutung und Tradition, die Ihnen einiges über die japanische Kultur und Geschichte verrät.

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