Origami: Die Kunst und Geschichte des Papierfaltens

Diana Casanova
Diana Casanova

Origami, die Kunst des Papierfaltens, hat wahrscheinlich jeder schon einmal gemacht. Auch wenn dessen Ursprung bis heute unklar ist, so hat Japan es zu einer wahren Kunstform gemacht. Wir stellen Ihnen die interessante Geschichte des Origami genauer vor.

Verschiedene Origami-Figuren

Origami hat die Welt längst im Sturm erobert. Nicht wegzudenken sind sie als lustige Freizeitbeschäftigung in Kindergärten, Schulen oder Zuhause, wo sicherlich jeder schon einmal selbst kleine Schiffe, Kraniche, Wurfsterne, hüpfende Frösche oder Hüte aus buntem viereckigen Papier gefaltet hat. Origami ist die Kunst, aus Papier simple wie komplexe Figuren mit den Händen zu falten, ohne den Gebrauch von Schnitten oder Klebstoff.

Wo Origami (折り紙, zusammengesetzt aus den Wörtern oru = falten und kami = Papier) seinen Ursprung hat, lässt sich heute nicht mehr sagen. Es liegt durchaus nahe, dass das Papierfalten aus China kommt, jenem Land, in dem im Jahre 105 n. Chr. der Chinese Cai Lun die Papierherstellung erfunden haben soll. Allerdings lassen archäologische Funde darauf schließen, dass es Papier bereits lange vor Cai Luns Zeit gegeben hat. Darüber hinaus gibt es nur wenige Zeugnisse von Werken aus gefaltetem Papier aus China. Nicht wenige Stimmen behaupten, dass Papierfalten eine japanische Erfindung sei.

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Origami Kraniche
Die wohl berühmteste Origami-Figur: der Kranich.

Mit dem Papier kam das Papierfalten

Von China über Korea fand das Papier im 6./7. Jahrhundert schließlich seinen Weg nach Japan, wo es jedoch ein kostbares und kostspieliges Gut blieb, dessen Verwendung nur buddhistischen Mönchen und der japanischen Elite vorbehalten blieb. Gefaltetes Papier wurde besonders in formellen oder religiösen Zeremonien benutzt, z.B. in Form von shide, weiße Papierstreifen in Zickzack-Form, die bei shintōistischen Reinigungsritualen zum Einsatz kommen. Es scheint daher kein Zufall zu sein, dass der japanische Begriff für Papier (kami, 紙) lautgleich mit dem Wort für Gottheit ist (kami, 神). Andere bekannte Anwendungen in einem nicht-religiösen Kontext waren als Geschenkverpackungen und gefaltete Abzeichen, genannt noshi.

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Auch wenn die Papierherstellung schon seit über 1.300 Jahren in Japan existiert und seitdem weiterentwickelt wurde, ist das Origami, wie wir es heute kennen, eine moderne Erfindung. Auch der Begriff „Origami“ entstand erst in der jüngeren Vergangenheit – in der Edo-Zeit (1603-1868) war es eher unter dem Namen „Orikata“ („Art zu falten“) bekannt. Im Jahre 1680 wurden erstmals in einem Gedicht von Ihara Saikaku aus Papier gefaltete Schmetterlinge erwähnt, die eine Sake-Flasche bei einer shintōistischen Hochzeitszeremonie schmücken. Das erste Buch, in der das Papierfalten als Freizeitbeschäftigung beschrieben wird, erschien im Jahre 1797: Das Senbazuru orikata enthält einfache Erklärungen zum Falten eines Papier-Kranichs.

Seite aus dem Buch "Senbanzuru Orikata"
Eine Seite aus dem Buch "Senbanzuru orikata" (1797).

Origami als Freizeitbeschäftigung

Origami für das gemeine Volk, insbesondere als Form der Freizeitgestaltung, wurde vor allem während der Edo-Zeit möglich, denn erst dann wurde Papier als Material und Ressource für es erschwinglich. Die Menschen bastelten sich kleine Figuren als Geschenke, Glücksbringer oder Dekoration für ihr Heim. Auch wenn sich keine schriftlichen Beweise für Origami in Japan finden lassen, die vor dem 17. Jahrhundert datiert sind, so gilt Japan trotzdem als das Land, das es zu einer wahren Kunstform entwickelt hat.

Der deutsche Pädagoge Friedrich Wilhelm August Fröbel (1782-1852), allgemein wohl am besten bekannt als Erfinder des Kindergartens, war ein großer Fan des Papierfaltens und propagierte es als geeignete Beschäftigung für Kinder, um abstrakte Wahrheiten und geometrische Formen zu begreifen. Nach ihm wurde der sogenannte „Fröbel-Stern“ benannt, ein Papier-Stern, der eine beliebte Weihnachtsdekoration geworden ist. Fröbels Lehren fanden wiederum im 19. Jahrhundert, vor allem im Zuge der Meiji-Restauration ab 1868, ihren Weg zurück nach Japan, wo auch in dortigen Schulen und Kindergärten Origami als Freizeitspaß getätigt wurde.

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Origami heute

Als „Vater des modernen Origami“ gilt jedoch der Japaner Yoshizawa Akira (1911-2005), der in den 1950er-Jahren eine Art Renaissance der Faltkunst einläutete, sowohl in Japan als auch auf der ganzen Welt. In seinem Leben hat er angeblich über 50.000 neue Origami-Figuren erfunden, genauso wie eine neue Technik des Papierfaltens, das sogenannte „Nassfalten“. Dabei wird das Papier leicht angefeuchtet, um runde und plastische Formen zu kreieren, ganz im Gegensatz zu den klassischen Origami-Techniken, bei denen das Papier harte und abgeschnittene Kanten aufweist. Zusammen mit dem Amerikaner Sam Randlett entwickelte Yoshizawa außerdem das „Yoshizawa-Randlett-System“ – ein System für gedruckte Origami-Anleitungen, bei der die einzelnen Faltschritte als Diagramm mithilfe von Pfeilen und gestrichelten Linien dargestellt werden und das bis heute in fast jedem Origami-Buch angewendet wird.

Mit den Jahrhunderten hat sich Origami weiterentwickelt – längst muss man nicht mehr spezielles Origami-Papier nutzen oder gar nur ein Blatt. Mit sogenannten „Action Origami“ kann man z.B. aktiv spielen und interagieren. „Unit Origami“ vereint mehrere gefaltete Papierstücke, die zu einem größeren komplexen Kunstwerk zusammengesetzt werden.

Ochse aus Papier in der Technik des Nassfaltens
Beispiel für eine Origami-Figur in der Technik des Nassfaltens. © Emre Ayaroglu / Wikipedia

Origami für den Frieden

Unbestreitbar ist der Kranich die wohl bekannteste Origami-Figur. In Japan haben diese majestätischen Vögel einen besonderen Stellenwert. So gelten sie als glücksbringend und als Symbol für Wohlstand und die Erfüllung von Wünschen. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden sie zudem zu einem Sinnbild des Friedens, was insbesondere an der rührenden Geschichte des japanischen Mädchens Sasaki Sadako liegt.

Sadako und ihre Familie waren Überlebende des Atombombenabwurfes auf Hiroshima, der sich ereignete, als sie noch ein Kleinkind war. Im Alter von 12 Jahren erkrankte und starb sie schließlich an Leukämie, wohl eine Spätfolge der Strahlung, der sie ausgesetzt wurde. Als Sadako von der Symbolik der Kraniche als Wesen, die Wünsche erfüllen, hörte, beschloss sie, 1.000 Kraniche aus Papier zu falten, damit sich ihr Wunsch nach Heilung erfüllen möge. Doch als sie im Krankenhaus lag und andere im Sterben liegende Kinder sah, wünschte sie sich stattdessen Frieden. An ihre Geschichte erinnert heute eine ihr gewidmete Statue im Friedenspark Hiroshima, der stets abertausende Origami-Kraniche aus ganz Japan beigelegt werden.

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1000 Kraniche
Tausend Papierkraniche als große Bouquets zusammengestellt, solche findet man im Friedenspark Hiroshima viele.

Verwendete Creative Commons-Lizenzen:

http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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