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Das Japanische Haus in Leipzig: Freiraum und Kulturzentrum für die Gemeinschaft

Makoto Okajima
Makoto Okajima

"Das Japanische Haus e.V." ist seit über 10 Jahren ein beliebter Treffpunkt für Bewohner:innen des Leipziger Ostens. Doch 2022 wurde als Folge der Gentrifizierung der Mietvertrag plötzlich gekündigt. Wir sprachen mit den Mitgliedern, die im März diesen Jahres erfolgreich an den neuen Standort umgezogen sind.

Abschlussfoto vor dem alten Japanischen Haus.
Abschlussfoto vor dem alten Japanischen Haus. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Die Eisenbahnstraße im Leipziger Osten galt einst als die “gefährlichste Straße Deutschlands”. In den letzten Jahren hat sie sich zu einem belebten Viertel entwickelt, in das junge Menschen und Migrant:innen vor allem aufgrund der günstigen Mieten zogen. Andererseits ließ genau diese Entwicklung die Mieten wieder steigen und verdrängte Bewohner:innen mit geringem Einkommen. Auch der seit über 10 Jahren in der Straße aktive offene Raum “Das Japanische Haus e.V.” wurde aufgrund von starken Mieterhöhungen zum Umzug gezwungen.

Das Japanische Haus e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der 2011 von Japaner:innen, die ein leerstehendes Haus in einem schrumpfenden Stadtteil Leipzigs renovierten, gegründet wurde. Ursprünglich als gefördertes Projekt zur Nutzung leerstehenden Eigentums gestartet, organisiert der Verein seither verschiedene Veranstaltungen zum gemeinschaftlichen Austausch, die auf Aktivitäten im Leipziger Osten basieren. Er wird von 10 bis 15 ehrenamtlichen Mitgliedern betrieben und gilt als beliebter Treffpunkt, an dem eine Vielfalt von Menschen zusammenkommen kann.

Wir haben mit Mitgliedern des deutsch-japanischen Vereins über ihre Arbeit, Probleme und neue Chancen gesprochen. 


Die Interviewparter:innen

Jens: Seit sieben Jahren Mitglied im Verein mit ausgezeichneten Fähigkeiten im Tischlern, in der Verwaltung und in der Kommunikation.

David: Durch seine Kochkünste, seinen starken Punk-Geist und seine Liebe zu Japan hat er das Japanische Haus vor der Schließung in der Corona-Pandemie bewahrt.

Ikuko: Zog von Japan nach Deutschland, nachdem sie eine Dokumentation über das Japanische Haus gesehen hatte. Gründerin und Inhabern des japanischen Restaurants “ponpoco” in Leipzig. (Instagram: @ponpoco.poco)

Haruka: Vorstandsmitglied des Japanischen Hauses. Sie kümmert sich stets liebevoll um die freigeistigen Mitglieder und engagiert sich mit viel Leidenschaft für den Verein.

Tobias: Von Beruf Psychotherapeut. Er spielt Koto (ein japanisches Saiteninstrument) und arbeitet als DJ bei Veranstaltungen. Durch seine ausgezeichneten Japanischkenntnisse fungiert er als Brücke zwischen den deutschen und japanischen Mitgliedern.


Was ist Das Japanische Haus e.V.?

Tobias: Viele der anfänglichen Mitglieder hatten mit Architektur und Kunst zu tun und waren daher hauptsächlich an Ausstellungen, Workshops zur Stadtentwicklung und Veranstaltungen zur japanischen Kultur beteiligt. Das hat sich seit 2014 mit der “Gohan no Kai” (Küche für Alle, kurz Küfa) grundlegend geändert. Dabei handelt es sich um eine Veranstaltung, bei der alle Teilnehmer:innen gemeinsam eine Mahlzeit kochen und essen, wobei die Kosten für das Essen gespendet werden. Es kommen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, egal ob sie sich für Japan interessieren oder nicht. Es findet jeden Donnerstag- und Samstagabend statt.

Die Küfa bot dem Japanischen Haus die Gelegenheit, sich von einem “von Japaner:innen geführten Kunstraum” zu einem “für die Gemeinschaft offenen Ort des Austauschs” zu entwickeln. Eines der einzigartigen Merkmale dieses Ortes ist, dass er von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund betrieben wird. Dazu gehören Austauschstudierende, Handwerker:innen, Freiberufler:innen, Angestellte, Arbeitssuchende, Geflüchtete usw. Sie kommen aus verschiedenen Nationen und Generationen und haben unterschiedliche soziale Hintergründe.

Japanische Haus in Leipzig
©︎ Das Japanische Haus e.V.
Gemeinsames Kochen in der “Küche für Alle”
Gemeinsames Kochen in der “Küche für Alle”. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Deutschland Japan FlaggenFreizeit, Bildung, Austausch: Japanische Kultur in Deutschland erlebenDeutschland und Japan verbinden seit über 160 Jahren enge Verbindungen auf wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und kultureller...03.11.2020

Ein Mitgliedswechsel bringt immer frischen Wind

Jens: Ich habe angefangen, mich für Japan zu interessieren, weil meine Tochter japanische Anime und Manga mochte. Als ich später nach Leipzig zog, habe ich gegoogelt, was es “Japanisches” in Leipzig gibt und so bin ich auf das Japanische Haus gestoßen. Als ich die Küfa besuchte, haben die Leute mich geschnappt und ich war sofort mittendrin. Das war so herzlich und toll – und so bin ich dazu gekommen und seitdem dabei.

Haruka: Ich kam mitten im Corona-Lockdown nach Deutschland. Ich bin eigentlich hierher gekommen, um mit meinem deutschen Partner zusammenzuleben, also kannte ich niemanden außer ihm, und am Anfang war es sehr schwierig. Dann habe ich den Mut genommen, das Japanische Haus zu besuchen, und ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt. Jedes Mal, wenn ich eine schwierige Zeit in Deutschland habe, glaube ich, dass ich mein Bestes geben kann, denn ich habe das Japanische Haus.

Ikuko: Was ich am Japanischen Haus interessant finde, ist, dass ich mit Menschen reden kann, die ich im Alltag nicht treffen würde. Es gibt viele offene Menschen, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Alter, und ich bekomme viel Energie von ihnen.

Workshop im Japanischen Haus
Auch Workshops werden organisiert, wie etwa Porträtzeichnen. ©︎ Das Japanische Haus e.V.
Filmvorführung im Japanischen Haus
Filmvorführungen und andere Veranstaltungen fanden im Hinterhof des alten Japanischen Hauses statt. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Viele Mitglieder sind Studierende oder Leute, die Working Holiday machen, also nur für eine begrenzte Zeit in Deutschland bleiben. Das heißt, die Mitglieder wechseln häufig. Ist es schwierig, eine so flexible und vielfältige Gruppe von Menschen zu organisieren?

Jens: Wir sind wirklich ein chaotischer Haufen (lacht). Wir haben einmal im Monat ein Plenum, wo wir die wichtigsten Sachen besprechen. Ansonsten fragen wir uns immer spontan: “Wer kocht heute?”, “Wer kann kommen?” “Ich möchte eine Veranstaltung machen” und so weiter. Wir sind chaotisch, aber es funktioniert.

Ikuko: Einige Leute, wie David, können gut kochen, andere können gut Möbel bauen oder putzen, und Jens und Tobias kümmern sich um die restlichen administrativen Aufgaben. Es gibt keine klare Rollenverteilung zwischen uns, sondern eher eine lockere Struktur, die auf Vertrauen basiert. Da so viele verschiedene Leute dabei sind, kann die Kommunikation manchmal schwierig sein, aber ich denke, diese Uneinheitlichkeit ist auch ein besonderes Merkmal eines Japanischen Hauses.

Die Kündigung kam plötzlich…

Als das Japanische Haus in der Eisenbahnstraße seine Arbeit aufnahm, wirkte das Viertel vernachlässigt und hatte viele leerstehende Häuser. Später zogen Freiräume wie das Japanische Haus Menschen an und es wurde wiederbelebt. Doch im Gegenzug setzte die so genannte Gentrifizierung ein, im Zuge dessen die Mieten in die Höhe schossen und die ursprüngliche Bevölkerung verdrängt wurde. Im März 2022 erhielt das Japanische Haus dann den Brief der Hausverwaltung, der sie zum Umzug aufforderte. 

Jens: In dem Brief stand, dass wir ausziehen müssen. Die Fahrradwerkstatt “Radsfatz” und die Session-Bar “Trautmann”, die sich hinter unserem Haus befanden, wurden scheinbar ebenfalls gekündigt und uns wurde angeboten, an deren Standort umzuziehen. Radsfatz und Trautmann sind auch Orte der Community-Interaktion und unsere Nachbarn und Freunde. Wir müssten unsere Freunde rausjagen, um da reinzukommen, und das kam für uns überhaupt nicht in Frage. Also sind wir zum Anwalt gegangen und haben angefangen, nach neuen Räumlichkeiten zu suchen.

David: Der Grund für den Auszug war, dass “es Mieter gibt, die mehr Miete zahlen können als das Japanische Haus”. Das war für uns alle natürlich sehr enttäuschend, denn wir waren seit zehn Jahren Mieter, haben immer pünktlich bezahlt und es gab nie Probleme mit uns. Auch war das ein Schock, weil wir stolz darauf waren, einen Beitrag zur Community als Gemeinschaftsraum zu leisten. Aber wir haben auch gesagt, wir bleiben jetzt erstmal hier, so lange wie es geht, und wir haben unser Bestes versucht.

Damit begann das Japanische Haus, ihre Botschaft mit Plakaten zu verbreiten: “Wir müssen raus!”. Im Leipziger Osten gibt es viele Galerien, Cafés und Räume, die von Ehrenamtlichen betrieben werden. Diese Menschen fühlten sich ebenfalls vom Rauswurf des Japanischen Hauses betroffen. 

Ikuko: Als wir in sozialen Medien über unsere Situation berichteten, wurde der Beitrag schnell von über 100 Menschen geteilt, und verschiedene lokale Gruppen und Organisationen zeigten ihre Solidarität. Zum Beispiel druckte eine Druckerei in der Nachbarschaft Flyer über unsere Aktivitäten, und als wir Spendenaktionen veranstalteten, um Geld für den Umzug und die Anwaltskosten zu sammeln, informierten uns viele Menschen über leerstehende Gebäude, die wir potenziell nutzen konnten. Wir waren überrascht und sehr erfreut, wie stark die Verbindung zu den Gemeinschaften in Leipzig war.

Mit diesem Aufruf machte das Japanische Haus in sozialen Medien auf seine Notlage aufmerksam.

Der 200 Meter entfernte Nachbar wird zum Retter

Die Wende kam im August 2022, als das Japanische Haus von einem Kollektiv namens “Gleiserei” kontaktiert wurde, das sich 200 Meter weiter in derselben Straße befindet. Sie hatten 2014 ein ganzes Wohnhaus gekauft, um gegen die Gentrifizierung zu protestieren. Sie hatten das Erdgeschoss in einen Freiraum umgewandelt, in dem sie nicht-kommerzielle Veranstaltungen organisieren, und die Etagen darüber in Wohnraum. Doch wegen Personalmangels wurde der Freiraum nur selten genutzt. 

Tobias: Die Leute von der Gleiserei wollten das Erdgeschoss zu einem Ort machen, an dem Jugendliche und Migrant:innen Projekte durchführen können, und nicht etwa zu einem kommerziellen Laden. Das ist genau das, was das Japanhaus sein will. Wir haben dann mit den Mitgliedern darüber gesprochen, wie wir den Raum gemeinsam nutzen können und versucht, unsere Vision zu vermitteln. Und dann, Ende März, hat der Umzug endlich geklappt! Die Leute von der Gleiserei freuen sich, dass wir eingezogen sind, es ist also eine Win-Win-Situation.

Das neue Japanische Haus in der Gleiserei.
Das neue Japanische Haus in der Gleiserei. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Neuanfang für das Japanische Haus

Das Japanische Haus hat an seinem neuen Standort einen Neuanfang gestartet. Nach einer Woche Vorbereitungszeit nach dem Umzug öffnete die Küfa wieder ihre Türen und zahlreiche Leute kamen zusammen, um gemeinsam zu essen und sich zu unterhalten.

David: Das neue Japanische Haus ist super. Dass wir die Möglichkeit haben, jetzt hier zu sein, ist so wie im Lotto zu gewinnen! Die Stimmung ist genau die gleiche wie vorher. Es ist immer noch an der Eisenbahnstraße, also jetzt nicht mehr diese “Haupteisenbahnstraße”, aber es kommen immer noch viele Leute.

Haruka: Es gibt mehr Sitzplätze als früher, und die Küche und Toiletten sind größer und bequemer. Die größere Kapazität hat die Möglichkeiten für Veranstaltungen erweitert, die wir hier veranstalten können, und ich freue mich wirklich auf die Zukunft.

Das neue Japanische Haus hat eine große Bar.
Das neue Japanische Haus hat eine große Bar. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Was kann man tun, um euch zu unterstützen?

David: Indem man am besten vorbeikommt, Bier trinkt und isst. Einfach mitmachen, Präsenz zeigen, da sein, Spaß haben. Ich denke, das ist das Wichtigste für das Japanische Haus.

Haruka: Leute, die weit weg wohnen, können uns besuchen, wenn sie mal hierher reisen, Leute, die Musik machen, können Konzerte geben, oder wir können zusammen kochen. Jede Art von Beteiligung ist willkommen. Leute, denen das Konzept des Japanischen Hauses gefällt oder denen die Abendessen und Konzerte gefallen haben, dürfen natürlich auch etwas Geld spenden.

Tobias: Es ist natürlich in Ordnung, wenn man dem Japanischen Haus hilft, indem man etwas macht, indem man gut ist. Aber hier kann man auch neue Dinge ausprobieren. Ein Junge hat zum Beispiel zum ersten Mal in seinem Leben versucht, Veranstaltungen zu organisieren, oder ein Mann überraschte alle mit einer Ausstellung über sein Hobby, die Malerei. Ich denke, diese frische Inspiration macht das Japanische Haus zu einem so interessanten Ort. Deshalb freuen wir uns auch sehr, wenn Besucher:innen etwas Neues ausprobieren wollen

Küche für alle im neuen Japanischen Haus
Auch in der Küche des neuen Japanischen Hauses wird gekocht - im Übrigen komplett vegan. ©︎ Das Japanische Haus e.V.
Eine Ausstellung im neuen Japanischen Haus
Eine Ausstellung im neuen Japanischen Haus. Lokale Künstler:innen führten gemeinsam mit geflüchteten Kindern einen Comic-Workshop durch. ©︎ Das Japanische Haus e.V.

Wie in vielen Großstädten verschwinden auch in Leipzig viele Freiräume aufgrund der Stadtentwicklung. Die Menschen, die die Stadt durch kulturelle und soziale Aktivitäten lebendig gemacht haben, könnten bald komplett verdrängt werden. Es ist nicht leicht, gegen solche gesellschaftlichen Trends anzukämpfen. Die Mitglieder des Japanischen Hauses glauben jedoch, dass der Umzug ihnen die Gelegenheit gegeben hat, als Gemeinschaft über dieses Thema nachzudenken.

Jens: Ich denke, der Umzug ist eine Gelegenheit für uns, mehr von der Kraft des Japanischen Hauses zu zeigen. Wir wollen nicht nur unsere bisherigen Aktivitäten fortsetzen, sondern auch ein bisschen mehr Gas geben und uns mit anderen Gemeinschaften vernetzen. Solange wir weiterhin gute Beziehungen zu den Leuten in der Gleiserei haben, werden wir hier wahrscheinlich bis zum Ende bleiben – irgendwann kommt immer das Ende. Das ist hoffentlich noch lange weg. Ich glaube, hier ist ein Ort, an dem wir mehr und mehr ausprobieren können!


Das Japanische Haus e.V.

Eisenbahnstr. 150, 04315 Leipzig

Website: http://djh-leipzig.de
Instagram: @dasjapanischehaus

Als gemeinnütziger Verein lebt das Japanische Haus e.V. von Spenden. Auf der Website finden Sie Informationen dazu, wie Sie helfen können. 

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