„Plastic Love“ – Japans Liebe zum Kunststoff | Teil 2

Nils Gärtner
Nils Gärtner

Plastik wird in Japan äußerst gerne und ziemlich verschwenderisch konsumiert. Kein Wunder, dass die Müllsituation sich daher zunehmend verschärft und das Land zum Umdenken gezwungen wird. Doch wie fortschrittlich ist Japan eigentlich beim Thema Mülltrennung, Recycling und Wiederverwertung?

plastikmüll japan

Im ersten Teil von “Plastic Love” gingen wir der Frage nach, warum Plastik in Japan ein derartig beliebtes Material darstellt und welche Auswirkungen der erhöhte Konsum auf die Umwelt hat. In diesem Teil beschäftigen wir uns daher mit der Thematik, wie gut Japan seinen Plastikmüll recycelt und welchen Herausforderungen sich das Land in Zukunft stellen muss.

Wie China Japan zum Umdenken zwingt

Spätestens seit dem Einfuhrstopp von Plastikmüll in die Volksrepublik China Ende 2017 muss sich die japanische Regierung nun intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, wie mit dem Überschuss an Kunststoffmüll umzugehen ist. Vor dem Importverbot exportierte Japan noch mehr als die Hälfte der rund 1,5 Mio. anfallenden Tonnen Kunststoffmüll nach China. Damit ist jetzt Schluss.

Auf eine Umfrage des japanischen Umweltministeriums gaben ein Viertel aller 102 befragten Lokalregierungen im Juli 2018 an, dass die örtlichen Deponien ohne den Export der japanischen Plastikabfälle oft zu 100 % ausgelastet seien. Einige Anlagen seien weiterhin nicht in der Lage, sich an die Mengenvorgaben des Ministeriums zu halten und sähen sich gezwungen mehr Plastikmüll anzunehmen als es das Gesetz vorschreibt. Aufgrund der hohen Auslastung würden die Kosten der Plastikabfallverwertung steigen. Bis Juli 2018 vermerkten Verbrennungsanlagen einen Anstieg des Auftragsvolumens von mehr als 56 %. Zudem berichteten Plastikmülldeponien, sie hätten nun 25 % mehr Abfälle als im Vorjahr vergraben. Mehr als ein Drittel der befragten Firmen gaben ebenfalls an, Annahmebegrenzungen eingeführt zu haben oder einführen zu wollen.

Gelagerter Plastikmüll

Um das Problem des nicht wiederverwertbaren Plastikmülls zu bewältigen, arbeitet das Umweltministerium derzeit an einer Strategie zur Reduzierung von Kunststoffabfällen. So wird u.a. über eine Obergrenze für Einmalplastik debattiert, die die Menge an Plastikverpackungen, -tüten, -strohhalmen oder -flaschen bis 2030 um 25 % reduzieren und umweltfreundlicheres, sich selbst zersetzendes Bioplastik attraktiver machen soll. Vor allem die letztere Lösung scheint von der Regierung als zukunftssicher angesehen zu werden: Ein Mitarbeiter des Umweltministeriums kommentierte gegenüber der Nachrichtenagentur Kyōdō Tsūshinsha, dass das Ministerium plane, den Anteil an biologisch abbaubarem Plastik bis 2030 zu verdreißigfachen. Weiterhin wurde vom Kabinett eine obligatorische Gebühr für Plastiktüten beschlossen. Supermärkte dürfen diese in Zukunft nicht mehr kostenlos an Kunden herausgeben, wodurch die Hemmschwelle des unbedachten Einsatzes von Einmalplastiktüten erhöht wird. Derzeit liegt die Entscheidung noch bei den Geschäften selbst, ob sie einen Preis für Plastiktüten erheben oder nicht.

Kunststoffrecycling in Japan

Die augenscheinliche Unvorbereitetheit der japanischen Regierung hinsichtlich des Plastikmüll-Einfuhrverbots wirft die Frage auf, wie viel in Japan überhaupt recycelt wird. Laut Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung von 2013 kommt das Land auf eine Recycling- und Kompostierrate von rund 19 %. Im Vergleich hierzu ist Deutschland Japan mit 65 % weit voraus. Auch bei der werkstofflichen Wiederverwertung von Kunststoff liegt Deutschland mit 42 % vor Japan (25 %). Was die Verwertung zur Energiegewinnung durch Verbrennung betrifft, liegen beide Länder nicht weit auseinander: Während Japan 2015 etwa 83 % aller nicht exportierten Plastikabfälle recycelte und verwertete, kam man 2017 in Deutschland auf rund 99 %. Nach offiziellen Angaben der Umweltministerien beider Länder wurden noch im Jahr 2013 ca. 57 % aller nicht exportierten Plastikabfälle zur Energieerzeugung verwertet. Betrachtet man die werkstoffliche Wiederverwertung des Materials, tun sich jedoch wieder Unterschiede auf: Wird in Japan 25 % des Kunststoffmülls wiederverwertet, kommt man in Deutschland auf einen Wert von 42 %. Aus dieser Auflistung ergibt sich für Japan eine Quote von 18 % ungenutzten Plastikabfalls, Deutschland kommt auf gerade mal 1 %.

Wie man anhand dieses Vergleiches sehen kann, liegt Japans größtes Potenzial in der Wiederaufbereitung weggeworfenen Kunststoffes. Die Notwendigkeit, Fortschritte in diesem Feld zu erzielen, wird durch den Importstopp Chinas erheblich verschärft. Immerhin ging mehr als die Hälfte des japanischen Plastikmülls vor dem Stopp an das Land. Zwar gibt es auch andere asiatische Länder, wie etwa Thailand, die bereit sind ein gewisses Pensum des japanischen Plastikmülls zu übernehmen, jedoch nicht in dem gleichen Umfang wie China dies bisher tat. Ferner ließ ein thailändischer Bürokrat in einem Beitrag des NHK durchschimmern, dass auch sein Land allmählich an die Grenze des Machbaren gerate und in Zukunft möglicherweise ebenfalls ein Einfuhrverbot aussprechen müsse. Auf diese Weise erscheint es sowohl für Japan als auch für die Umwelt am besten, die eigenen Recyclingkapazitäten auszuweiten.

Die Bedeutung der Mülltrennung

Einer der wichtigsten Gesichtspunkte in der Wiederaufbereitung von Kunststoffmüll, so sind sich zahlreiche Experten einig, ist die sachgemäße Trennung des Abfalls. In diesem Punkt sind vor allem die japanischen Haushalte und die Regierung in der Verantwortung, passende Rahmenbedingungen für umfassende Mülltrennung zu schaffen.

Müllcontainer vor KombiniSauberes Japan: Mysterium japanische MülltrennungJapanische Städte sind extrem sauber: Es sind kaum Graffitis zu finden, kein Müll liegt herum und die Gehwege sind frei von Kaugummi. An Son...14.05.2018

Dieser Meinung ist auch Naitō Akihiro, Leiter der Minato Incineration Plants in Tōkyō – einer der modernsten Müllverarbeitungsanlagen Japans: „Wir hoffen, dass mehr Leute ihren Müll und recycelbares Plastik wie Essensverpackungen gründlich trennen, damit wir unsere Recyclingrate verbessern können“, äußerte sich Naitō in einem Interview mit der Japan Times.

Mülleimer in Japan
Mülltrennung spielt beim Recycling eine wichtige Rolle.

Recycling hat sich in der Hauptstadt Japans zu einer allumfassenden Industrie entwickelt. So propagiert auch die Lokalregierung Tōkyōs das „3R“-Programm, welches die Reduzierung und Wiederverwertung sowie das Recycling von genutzten Ressourcen vorsieht. Viele dieser als Verpackung gebrauchten und weggeworfenen Ressourcen landen tagtäglich in der Minato Incineration Plant, wo sie weiter sortiert und, sofern möglich, verwertet und recycelt werden. Neben Papier, Pappe, Glas, Aluminium und Blech werden dort auch Tonnen an Plastikabfällen weiterverarbeitet. PET-Flaschen werden hier beispielsweise geschreddert und in Blöcke gepresst, welche anschließend als Rohstoff für neue PET-Flaschen, Kunststoffasern oder Haushaltsgeräte genutzt werden können. Auch Verpackungen mit dem プラ-Symbol werden in der Anlage gereinigt und ebenfalls in leicht transportierbare Blöcke gepresst. Diese werden dann an spezialisierte Firmen verkauft, welche die vorverarbeiteten Abfälle in neuen Kunststoff oder andere chemische Substanzen umwandeln.

Da bisherige automatisierte Trennmechanismen jedoch klare technische Grenzen haben, sind all diese Recyclingprozesse zum Großteil nur anhand der korrekten Vortrennung des Mülls durch den Endverbraucher möglich. Werden Plastikabfälle nicht eindeutig genug und nach Material getrennt entsorgt, ist oft nur dessen Verbrennung oder Deponierung möglich.

Einen Schritt in die richtige Richtung unternahm die japanische Regierung 1997 mit dem Abfallgesetz für Behältnisse und Verpackungen. In diesem legte das Kabinett fest, mit japanischen Unternehmen zusammenarbeiten zu wollen, um die Verwertung und das Recycling von Plastik effektiver zu gestalten. Auf diese Weise einigte man sich u.a. auf einen Standard in der Entsorgung und Weiterverarbeitung von benutzten PET-Flaschen. Da es jedoch immer noch keine allgemeingültige Regelung gibt, wie mit den anderen mannigfaltigen Kunststoffarten umzugehen ist, welche weiterhin einen erheblichen Teil des Hausmülls ausmachen, sollte diese Maßnahme nicht das Ende der Bemühungen darstellen.

Mülltrennung in Japan

Kamikatsu – Eine Kleinstadt macht’s vor

Seit 2003 das selbst ins Leben gerufene „Zero Waste“-Programm der Kleinstadt Kamikatsu in der Präfektur Tokushima auf Shikoku begann, hat sich die überwiegende Mehrheit der 1.580 Einwohner zu einer nachhaltigen Lebensweise entschieden. Zurzeit werden dort über 80 % aller Abfälle aufs akribischste gesäubert, getrennt und wiederaufbereitet oder kompostiert. Der bisher unverwertbare Restmüll geht an eine Deponie. Dennoch hat sich die Stadt das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2020 eine 100 %-Recyclingrate zu erreichen. Diese hohe Quote lässt sich jedoch nur durch eine strikte Mülltrennung verwirklichen. So entschied sich die Stadt dazu, ihren unkompostierbaren Hausmüll in ganze 34 Kategorien einzuteilen und diesen bei der örtlichen spezialisierten Recycling- und Annahmestelle abzuliefern, wo die weggeworfenen Ressourcen weiterverarbeitet und nach Qualität sortiert werden. Viele Materialien wie etwa alte Kimonos, Flaggen, Fenster oder Flaschen werden so „upcycelt“ und von Bastlern und Handwerkern in neue Gebrauchs- oder Einrichtungsgegenstände verwandelt.

Durch diese Mentalität einer universalen Wertschätzung tagtäglicher Dinge will die Stadt in Zeiten des allgegenwärtigen Konsums wieder zu der verantwortungsvolleren und nachhaltigeren Lebensart früherer Generationen zurückfinden und diese weiterhin perfektionieren.

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