Abenteuer: Pendeln in Tōkyō

Yasemin Besir
Yasemin Besir

Pendeln in Deutschland ist vor allem schädlich für die Nerven. Verspätungen, Ausfälle und Überfüllung sind die Norm. Und in Japan? Dass die Züge dort extrem pünktlich sind, weiß man inzwischen. Aber wie ist das tägliche Pendel-Erlebnis? Ein Erfahrungsbericht.

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Wer in Tōkyō pendelt, lernt das Bahnfahren zu verschiedenen Tageszeiten kennen und wird eins mit dem täglichen Menschenstrom.
Wer in Tōkyō pendelt, lernt das Bahnfahren zu verschiedenen Tageszeiten kennen und wird eins mit dem täglichen Menschenstrom. © Eutah Mizushima on Unsplash

Hierzulande konnte ich in der Gestaltung meines Stundenplans stets sehr flexibel sein und die meisten meiner Seminare und Vorlesungen fanden nicht vor Mittag statt – eine Zeit, die für meinen studentischen Schlafrhythmus verantwortbar war. Während meines Studienaufenthalts in Japan machte ich jedoch ganz andersartige Entdeckungen, die mir seit der Schulzeit nicht mehr begegnet waren: Unterricht am Morgen. Verrückt und seltsam dünkte mir das Konzept, doch eine Wahl blieb mir nicht. Um 7 Uhr klingelte der Wecker, sodass ich reichlich Zeit hatte, den knapp zehnminütigen (15 an besonders trägen Tagen) Fußweg von meinem Wohnheim zum Bahnhof Hiyoshi zurückzulegen.

Der Weg selbst war eine kleine kulturelle Herausforderung, da es hier keinen Bürgersteig per se gab. Zu späterer Abendstunde wurde ich hier sogar schon von einem Auto „angestupst“, weil wir uns im Prinzip die Straße teilen mussten. Keine besonders faire Regelung, wie ich finde, aber nachdem ich meine Einkäufe, die der Wagen mir aus der Hand gehauen hatte, wieder aufgesammelt hatte und mein lautes Fluchen abgeebbt war, schob ich auch diese Erfahrung in die Schublade der kulturellen Unannehmlichkeiten, die sich beizeiten in meinem Oberstübchen zu füllen drohte.

Hiyoshi
Manche Straßen in Japan haben keinen richtigen Bürgersteig, wie wir ihn aus Deutschland kennen. Da ist Vorsicht angesagt!

Während meines morgendlichen Spaziergangs passierte ich viele Geschäfte, darunter vier Kombinis, die die sonderbarsten, exotischsten Gerüche ausströmten, aber so früh am Morgen war an Essen nicht zu denken. Ich wartete schließlich immer noch darauf, dass meine Seele zum Leben erwachte, damit ich den Leib füttern konnte. Also wurde das Frühstück verlegt.

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Zugfahren für Fortgeschrittene

Am Bahnhof angekommen, musste ich lediglich mein Portmonnaie an den Scanner halten und konnte die Schranken durchqueren, ohne die PASMO (meine wieder aufladbare Guthaben-Karte) überhaupt rauszuholen. Dank meines Commuter Passes musste ich nicht einmal prüfen, ob genug Geld darauf war. Meine tägliche Pendlerstrecke von Hiyoshi bis zur Uni war auch bei einer Aufladung von 0 ¥ abgedeckt.

Auf der gekennzeichneten Strecke kann man die Schranken an den Bahnhöfen auch ohne Aufladung passieren. Erst bei einer Abweichung von dieser muss man zahlen.

Meiner in Japan neu entdeckten Faulheit getreu nahm ich überall dort die Rolltreppe, wo es Rolltreppen gab. Unten angekommen, durchlebte ich an meinem ersten Tag noch eine mittelschwere Krise und erhebliche logistische Schwierigkeiten. Wo stelle ich mich an? Was bedeuten die bunten Linien auf dem Boden? Darf ich hier stehen und darf ich mich bewegen? Eigentlich simpel: Für den nächsten Zug ganz links anstellen, für den danach in der Mitte, und für den danach ganz rechts. Die Anzeigetafel ist da schon sehr hilfreich. Sobald der vorangehende Zug abgefahren war, wurde aufgerückt und beim Einfahren des Zuges hielten die Türen immer an derselben Stelle, sodass Gedrängel vermieden wurde.

Dank der intelligenten Markierungen auf dem Boden weiß der japanische Pendler immer genau, wo die Türen zum Stehen kommen.

Erst mit der Zeit erlernte ich die geheime Kunst der japanischen Orientierung am Gleis und konnte mich direkt bei meiner Ankunft korrekt einreihen. Lange Wartezeiten gab es hier keine, alle paar Minuten fuhr eine Bahn, die mich an mein Ziel bringen konnte. Da meine Seminare auf dem Mita-Campus der Keiō-Universität stattfanden, gab es dank der Tōkyū Meguro Line eine direkte Verbindung, perfekt für schlafende Pendler, die noch für einen kurzen Traum die Augen schließen möchten.

Hals- und Beinbruch, liebe Pendler

Die überfüllte Bahn machte mir in den Anfangsphasen regelrechte Angst. Einen Sitzplatz bekam ich damals nie, sodass ich meinen Kampf um einen bald schon schicksalsergeben aufgab. Festhalten könnte aber nicht schaden, dachte ich mir voller naiver Weltfremdheit, und hätte mir somit beinahe meinen ersten Knochenbruch geholt, als die Menschen samt Aktenkoffer in den Zug strömten und mir keine Zeit blieb, loszulassen. Panisch versuchte ich sämtliche Gliedmaße wieder einzuholen, der Arm war fast dahin, auf meinem Fuß stand auch schon ein Mitpendler. Und das 35 Minuten lang. Danach versäumte ich es nie mehr, frühzeitig am Bahnhof zu sein, um mir auf jeden Fall einen Sitzplatz zu sichern. Dieser (man sagte mir sehr deutsche) Wahn, überpünktlich zu sein, resultierte in einer eher gesprächslosen Fahrt, was ich sehr zu schätzen wusste.

Bei einem richtig vollen Zug ist Festhalten gar nicht mehr erforderlich. Wo kein Raum zum Fallen ist…
Bei einem richtig vollen Zug ist Festhalten gar nicht mehr erforderlich. Wo kein Raum zum Fallen ist…© Digital Sennin on Unsplash

Sobald ich saß, lernte ich früh, meine japanischen Mitmenschen zu imitieren – und schloss die Augen. Sämtlichen Schlaf, der mir vom Wecker gestohlen wurde, konnte ich hier nachholen. Zu Beginn hatte ich noch Skrupel, während meines Nickerchens Musik zu hören, aus Angst, ich könnte meinen Halt verpassen. Es war unwahrscheinlich ruhig im Zug. Kein Mensch sprach. Die meisten schliefen, auch im Stehen. Alle anderen starrten auf ihre Telefone oder in ihre häufig von dezenten Buchumschlägen umhüllten Lektüren. An einem besonders bevölkerten Morgen habe ich sogar schon erlebt, wie eine junge Frau sich in dem dichten Gedränge die Augen geschminkt hat. Ich war hin und hergerissen zwischen einem verurteilenden Kopfschütten und einem respektvollen Staunen.

Absolute Ruhe: Die Menschen sind vertieft in ihre Telefone oder schlafen noch ein wenig.
Absolute Ruhe: Die Menschen sind vertieft in ihre Telefone oder schlafen noch ein wenig. ©Hugh Han on Unsplash

An Prüfungstagen sah ich gerne während der Fahrt noch einmal in meine Unterlagen und wiederholte Vokabeln oder Grammatik. Manchmal ließ ich mich in meine Musik und mein Sitznachbar seinen Kopf auf meine Schulter sinken. Die Befremdlichkeit ließ nur allzu schnell nach. Die Türen öffneten sich immer wieder, wie ich durch meine halb geöffneten Augen registrierte, und obwohl niemand ausstieg, stiegen immer mehr Menschen ein.

Spartanische Zustände

In Shirokane-Takanawa – eine Station vor Mita und meinem täglichen Ziel – öffnete ich so langsam die Augen. Mit der Zeit habe ich einfach gelernt, unterbewusst doch den Ansagen zu lauschen und aufzuwachen, wenn es soweit war. Schlaftrunken bereitete ich mich auf die Schlacht vor, die mich beim Verlassen des Zuges erwartete. In der Tōkyōter U-Bahn gibt es nämlich zwei Typen von Menschen: Die entspannten Denker, die andere für sich arbeiten und sich einfach vom Strom der aussteigenden Fahrer hinaustreiben lassen, und die furchtlosen Krieger, die mit purer Gewalt und Ellbogenkraft ihren Weg in die Freiheit erkämpfen. Brutal, aber leider notwendig.

Nach einem kleinen Irrgarten an Kurven, Windungen und drei weiteren Rolltreppen erreichte ich schließlich das Tageslicht. Spätestens jetzt war die Seele wach und der Leib hungrig. Ich schlurfte müde zum Family Mart auf meinem Weg zum Campus und deckte mich mit Wasser und Onigiri ein. Auch wenn ich gerade einmal seit zwei Stunden auf den Beinen war (oder zumindest nicht mehr im Bett), hatte ich um halb neun bereits Schlachten gekämpft, unvollendete Träume zu Ende geträumt und akademische Errungenschaften verzeichnet. Und das in knapp 35 Minuten.

Stärkung nach der Schlacht: Onigiri aus dem Kombini – lecker!

PS: Bei der Rückfahrt nach Hause saß ich häufig allein in einem ganzen Abteil.

PPS: Trotz meiner Kenntnis über die japanische Einstellung zum Nasenschnäuzen ( = verpönt!) konnte ich mich bei einer besonders akuten Grippe nicht zurückhalten und musste mir die Nase putzen. Zwar hatte ich mich zu Beginn noch tapfer hinter einer Maske versteckt und pausenlos geschnieft – was übrigens vollkommen akzeptabel ist – doch allmählich stieg mir die Hitze in den Kopf und meine Nebenhöhlen gaben auch schon Alarm. Da war es mir dann auch egal. Wenn Sie mal in solche Bedrängnis geraten, nehmen Sie’s nicht so streng. Auch Japaner treten – manchmal bewusst, manchmal versehentlich – in Fettnäpfchen, wenn Sie in Deutschland sind.

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