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Ja, ich will…? Warum die Zahl internationaler Ehen in Japan abnimmt

Annemarie Günzel-Taguchi
Annemarie Günzel-Taguchi

Die Sichtbarkeit internationaler Ehen in Japan hat in manchen Lebensbereichen zugenommen. Tatsächlich aber sinkt ihre Zahl seit Jahren. Woran das liegen könnte, ergründen wir hier.

Ehepaar
Ein Traum in weiß. Den schönsten Tag im Leben möchten auch in Japan viele Paare in westlicher Hochzeitskleidung zelebrieren. © Fumi Mitsukawa auf Photo AC

Seit dem Jahr 1971 wird jeden Sonntag im japanischen Fernsehen die beliebte Sendung Shinkon-san Irrashai (“Willkommen, Frischvermählte!”) ausgestrahlt. In der 30-minütigen Talkshow erzählen in jeder Folge zwei frisch verheiratete Paare, wie sie sich kennengelernt haben, und geben dabei auch gern ein paar amüsante oder skurrile Anekdoten über sich preis. In letzter Zeit sind viele internationale Paare in der Sendung aufgetreten. Beim Zuschauen entsteht dadurch der Eindruck, dass internationale Ehen, also Eheschließungen zwischen einer Person japanischer Staatsangehörigkeit und einer Person nicht-japanischer Staatsangehörigkeit, in Japan zunehmen. Aber stimmt dieser Eindruck mit der Realität überein? Und durch was werden die aktuellen Entwicklungen beeinflusst?

Geschichte und Entwicklung internationaler Ehen in Japan

Das erste Gesetz, welches internationale Eheschließungen in Japan offiziell ermöglichte, wurde im Jahr 1873 während der Meiji-Zeit im Zuge der Landesöffnung geschaffen. Davor wurden solche Verbindungen nur nach individueller Prüfung von der japanischen Regierung anerkannt. Die jährliche Anzahl internationaler Eheschließungen in Japan wird allerdings erst seit dem Jahr 1965 vom Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales erfasst. Da Japan bis heute die gleichgeschlechtliche Ehe nicht ermöglicht, beziehen sich die folgenden Zahlen auf Ehen zwischen einem Mann und einer Frau.

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Seit dem Jahr 1965 mit 4.165 registrierten internationalen Eheschließungen stieg deren Zahl lange Zeit jedes Jahr an. Im Jahr 2006 erreichte sie mit rund 45.000 ihren höchsten Wert, was in diesem Jahr 6,1 % aller Eheschließungen in Japan entsprach. Seitdem ist allerdings ein stetiger Abwärtstrend zu beobachten: Innerhalb von fünf Jahren fiel ihre Zahl auf ca. 30.000, und ab 2015 waren es jährlich im Schnitt nur noch 20.000 internationale Eheschließungen. Im Jahr 2020 kam es erneut zu einem starken Einbruch, mit gerade einmal ca. 15.000 Ja-Worten zwischen internationalen Paaren, was einem Anteil von 2,9 % aller Eheschließungen in Japan in diesem Jahr entsprach.

Zum Vergleich: In Deutschland machten im selben Jahr internationale Paare rund 11 % aller Eheschließungen aus (inklusive gleichgeschlechtlicher Paare). Was könnte hinter diesem Rückgang stecken? Bei der Suche nach Gründen für den Abwärtstrend in Japan lassen sich drei mögliche Hauptursachen benennen.

Antrag und Pass
Muss bei jeder Eheschließung in Japan ausgefüllt werden: Antrag auf Eheregistrierung (kon'in todoke) © Craftbeermania auf Photo AC

Gründe für den Rückgang internationaler Ehen

Zuerst lässt sich feststellen, dass nicht nur die Zahl internationaler, sondern von Eheschließungen insgesamt seit Jahren kontinuierlich sinkt. Gab es im Jahr 2000 noch rund 800.000 frisch gebackene Ehepaare, so waren es im Jahr 2020 nur noch rund 500.000. Von daher liegt die Vermutung nahe, dass die sinkende Zahl internationaler Ehen nur den Trend der sinkenden Heiratszahlen reflektiert. Wie lässt sich allerdings der Anstieg internationaler Ehen bis 2005, sowie ihr anschließender starker Abfall erklären?

Die Ursache dafür kann in einer Gesetzesänderung des japanischen Einwanderungsgesetzes im Jahr 2005 gesehen werden. Mithilfe dieses Gesetzes ging die japanische Regierung gegen Ehen vor, die ausschließlich zur Erlangung einer Aufenthaltserlaubnis in Japan geschlossen werden. Infolgedessen nahm besonders die Zahl der Eheschließungen zwischen japanischen Männern und philippinischen sowie chinesischen Frauen stark ab, welche bis dahin einen signifikanten Anteil an internationalen Ehen in Japan ausmachten. Während im Jahr 2000 der Anteil an chinesischen Ehefrauen bei internationalen Eheschließungen von japanischen Männern noch bei 35 % lag, ist er im Jahr 2020 auf 26 % gesunken. Der Anteil philippinischer Ehefrauen sank ebenfalls von rund 27 % auf 21 %. Bei japanischen Frauen, die am häufigsten mit Koreanern, US-Amerikanern sowie Chinesen einen internationalen Bund fürs Leben eingehen, kam es zu nicht so großen Schwankungen.

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Zuletzt dürfte die Corona-Pandemie für den starken Abfall im Jahr 2020 verantwortlich sein. Als Teil der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus hat Japan strenge Einreisebeschränkungen eingeführt, wodurch die Einreise für Menschen ohne japanische Staatsbürgerschaft bzw. bestehende Aufenthaltsgenehmigung zeitweise unmöglich wurde. Dies dürfte so manchem Paar, das nicht bereits zusammen in Japan lebte, einen Strich durch die Hochzeitsplanung gemacht haben.

Allgemein sinkende Heiratszahlen, eine Verschärfung des Einwanderungsgesetzes zur Verhinderung sogenannter Scheinehen, sowie die Grenzschließung im Zuge der Corona-Pandemie können als Hauptursachen dafür genannt werden, warum die Zahl an internationalen Eheschließungen in Japan seit Jahren zurückgehen, obwohl die Medien manchmal einen gegenteiligen Eindruck vermitteln. Vor kurzem hat Premierminister Kishida Fumio jedoch eine schrittweise Lockerung der Einreisebestimmungen angekündigt. Eventuell wird dies zu einer Erholung der Zahlen auf das Niveau vor der Pandemie führen. Und Liebe, die Landes- und Kulturgrenzen überwindet, wird es ganz bestimmt auch in Zukunft geben – mit Trauschein oder ohne.

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