Führt Japan die Sommerzeit ein?

Matthias Reich
Matthias Reich

Nicht nur in Europa wird heiß über den Sinn und Zweck der Sommerzeit debattiert – auch in Japan hat die Politik genau dieses Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Einziger Unterschied: In Japan gibt es (noch) keine Sommerzeit.

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© jarmoluk on Pixabay

Wer während der Sommermonate Japan, genauer gesagt Ostjapan – Tōkyō eingeschlossen – besucht hat, wird schnell enttäuscht festgestellt haben, dass selbst im Hochsommer die Sonne bereits um 19 Uhr untergeht. Die Abende sind kurz, und im Winter geht schon vor 17 Uhr das Licht aus. Dafür geht allerdings die Sonne auch früh auf – kurz nach vier im Sommer und gegen 7 Uhr am kürzesten Tag des Jahres. Das Problem: In Japan beginnen die meisten später mit der Arbeit als in Europa und sie hören später auf. Selbst ohne Überstunden bedeutet das bei einer Arbeitszeit von 10 bis 19 Uhr, dass man sogar im Sommer nie im Hellen nach Hause gehen, geschweige denn ausgehen kann. Dafür ist es jedoch schon um 5 Uhr, während fast alle noch schlafen, hell und heiß draußen.

Das hat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch die amerikanischen Befehlshaber genervt, weshalb sie Japan 1948 die Einführung der Sommerzeit auferlegten. Das gefiel den Japanern jedoch nicht, weshalb man bereits drei Jahre später wieder die Sommerzeit abschaffte. Die Hauptargumente für die Abschaffung der Sommerzeit ähneln denen der heutigen Gegner der (Wieder-) Einführung: Die Sommerzeit führe zu Schlafmangel und Überarbeitung. Ende der 1940er will man zum Beispiel festgestellt haben, dass die Leute aufgrund der länger anhaltenden Helligkeit schlichtweg eine Stunde länger arbeiteten. Das mag in der Baubranche durchaus der Fall sein, in anderen Branchen ist das Argument weniger leicht nachvollziehbar. Die Landwirtschaft arbeitet sowieso nach eigenen Zeitplänen (und die beginnen oft vor Sonnenaufgang); im Büro hingegen ist es egal, wann die Sonne auf- oder untergeht. Heute gibt es noch ein neues, wenn auch von der Sache her uraltes Totschlagargument: Andere Länder in Asien hätten schließlich auch keine Sommerzeit.

Doch wieso holt die Politik die Sommerzeit aus der Mottenkiste? Als einer der Hauptgründe werden die anstehenden Sportveranstaltungen angeführt: die Rugby-WM 2019 und die Olympischen Sommerspiele im darauf folgenden Jahr. Mit der Einführung der Sommerzeit hätte man schlichtweg eine Stunde mehr Zeit für Sportveranstaltungen unter freiem Himmel. Sicherlich hofft man aber auch, dass die Sommerzeit die Binnennachfrage ankurbeln würde. Morgens um 5 geht niemand einkaufen, viele aber auch nach 19 Uhr nicht mehr, da es dann schon dunkel ist. Dass die Leute jedoch unterm Strich mehr Geld ausgeben werden, darf ganz stark bezweifelt werden. Das verfügbare Einkommen ist leider nicht daran gekoppelt, wann die Sonne auf- oder untergeht.

Schaut man sich jedoch das alljährliche Gezeter in Ländern mit Sommerzeit an, muss man wirklich am Sinn der verschobenen Stunde zweifeln. Doch es gibt auch eine Alternative: Japan könnte schlichtweg die Zeitzone ändern. Während Japan der Greenwich-Zeit um 9 Stunden voraus ist, sind die Teile Russlands nördlich von Japan bei 10  oder sogar 11 Stunden. Dort haben die Menschen seit eh und je eine Stunde mehr Licht am Abend.

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