Tenno
Neujahrsansprache des Tennō am 2. Januar 2013. ©kanegen, CC2.0

Kaiser Akihito: Aufrichtigkeit, Vergebung und Volksnähe

Heute, am 23. Dezember 2016, feiert der japanische Kaiser Akihito seinen 83. Geburtstag. 2016 begann der Diskurs um seine mögliche Abdankung, die Akihito selbst angeregt hatte. JAPANDIGEST widmet dem Tennō ein Porträt.

Geboren wurde der heutige Kaiser Akihito 明仁 am 23. Dezember 1933 als fünftes Kind und erster Sohn der Kaiserfamilie. Sein Vater war Japans 124. Kaiser Hirohito 裕仁, der sich zu diesem Zeitpunkt im achten Jahr seiner Regentschaft, der Shōwa-Zeit 昭和時代, befand.

Da es im ersten Artikel der Gesetze zum Kaiserlichen Haushalt (Nihon kōshitsu tenban dai-ichijō 日本皇室典範第1条) heißt, dass die Nachfolge des Kaiserhauses nur aus männlicher Linie erfolgen könne, kam es nach der Geburt Akihitos im ganzen Land zu ausschweifenden Feierlichkeiten, um die gesicherte Nachfolge zu feiern.

Akihito PostkarteGedenkpostkarte zu Akihitos Geburt aus dem Jahr 1934.

Kindheit ohne Eltern

Wie es damals üblich war, wuchs Prinz Akihito nicht bei seinen Eltern auf, sondern wurde in einem vom Palast getrennten Gebäude in Stadtteil Akasaka von höfischen Beamten großgezogen. Die Erziehung war sehr streng und verfolgte das Ziel, dass sich der Junge durch Abstinenz von Elternliebe zu einer starken, eigenständigen Persönlichkeit entwickeln sollte. Wie Kaiser Akihito selbst später äußerte, hätte er sich als Kind gewünscht, in einer „menschlicheren“ Umgebung aufzuwachsen. Aus diesem Grund übernahmen er und seine Frau, Kaiserin Michiko, die Erziehung ihrer Kinder selbst.

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Akihito 1934 mit seiner Mutter, Kaiserin Kōjun.

Bewegtes Japan, bewegtes Kaiserhaus

Kaiser Akihitos Biografie ist gekennzeichnet durch einen großen Bruch im Selbstverständnis des japanischen Kaiserhauses und in dessen gesellschaftlicher Stellung. Als Kind erlebte Akihito den Zweiten Weltkrieg mit. War Japan im Namen des Tennō in den Krieg gezogen, hatte dieser infolge der Niederlage Japans und der durch die Besatzungsmacht USA entworfenen neuen Verfassung plötzlich nur noch repräsentative Funktion als Staatssymbol.

Prinz Akihito war elf, als der Krieg endete. Er war zuvor in der Auffassung erzogen worden, von den Göttern abzustammen, die Japan erschaffen hatten, und selbst göttlich zu sein. Nun stellte sich die Frage, was der Tennō in Zukunft darstellen, sein sollte. 2009 erklärte Akihito in einem Interview, dass er sich nachwievor häufig mit der Frage beschäftige, welche symbolische Rolle der japanische Kaiser einnehmen müsse, und darauf bis heute noch keine vollständige Antwort gefunden zu haben.

Nach dem Krieg: Kosmopolitische Erziehung

Unter der US-Besatzung wurde der heranwachsende Prinz Akihito von der amerikanischen Privatlehrerin Elizabeth Gray Vining unterrichtet. Ihr Einfluss war für den jungen Prinzen nicht nur wichtig, weil Vining ihn in die englische Sprache und westliche Kultur einführte. Vielmehr kam es ihm entgegen, dass ihr Unterrichtsmotto lautete: „Menschen sind keine Roboter!“ Hier sah er sich zum ersten Mal in der Lage, eigene Ideen und Handlungsideale zu entwickeln und diese umzusetzen. Eine weitere Maxime wurde für Akihito das konfuzianistische Prinzip chūjo 忠恕 seines anderen Lehrers Koizumi Shinzō: Áufrichtigkeit und Vergebung.

Kronprinz Akihito und seine Lehrerin Elizabeth Gray Vining.

Der Kaiser zieht in die Welt

1952 wurde Akihito 18 und damit als volljährig erklärt. Er durfte nun in den Kaiserpalast übersiedeln und wurde offiziell zum Thronfolger ernannt. Im folgenden Jahr nahm er in dieser Funktion als Vertreter Japans an der Krönung Elizabeth II. in London teil. In den sechs Monaten danach unternahm er offizielle Besuche überall auf der Welt, darunter in den USA und Kanada. Hier zeigte sich eine weitere Facette des neuen Zeitalters der japanischen Kaiser: Der Fernsehsender NHK, der in Japan gerade mit der Ausstrahlung begonnen hatte, berichtete über die Rückkehr des Kronprinzen im Hafen von Yokohama. Durch diese Berichterstattung wurde das Kaiserhaus, das zuvor größtenteils abgeschirmt von der Öffentlichkeit existiert hatte, zum ersten Mal greifbar.

In einem Interview von 2001 merkte Akihito hierzu an: „Mehr noch als bei meiner Volljährigkeitszeremonie oder bei meiner Reise nach Europa und in die USA wurde mir durch die Berichterstattung bei meiner Rückkehr nach Japan bewusst, dass ich nun eine öffentliche Persönlichkeit war.“

Die Begegnung mit Shōda Michiko

Im August 1957 lernte Akihito bei einem Tennisturnier im damals beliebten Kurort Karuizawa seine spätere Frau Michiko kennen. Obwohl sowohl innerhalb als auch außerhalb des Kaiserhauses mehrere Parteien erbittert gegen die Verbindung vorgingen – damals galt es noch als ungehörig, dass der Kaiser eine Bürgerliche zur Frau nahm – ließ Akihito sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, Michiko zu heiraten.

Zum 50. Hochzeitstag 2009 berichtete Akihito wie folgt über seinen Heiratsantrag an Michiko: „Ich erinnere mich, dass wir mehrmals am Telefon darüber sprachen, bis sie endlich Ja sagte. Natürlich konnte ich nicht einfach mit einem schönen Einzeiler um ihre Hand anhalten. Während unserer Telefonate erklärte ich ihr immer wieder, dass ich eine Partnerin bräuchte, die die Bedeutung meiner Verantwortung und Pflichten als Kronprinz versteht und mich unterstützen würde. Aus diesem Grund war ich sehr dankbar, dass sie meinen Antrag schließlich angenommen hat.“

Michiko KiaserinShōda Michiko, Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmannes, 1958. Bis heute gilt die Kaisern als gute Pianistin. ©Mainichi ShimbunHochzeit Kaiser JapanOffizielles Hochzeitsfoto des Kronprinzenpaares in traditionellen Gewändern. ©Kunaicho / Imperial Household Agency

„Michi-Boom“ und Eigenverantwortung

Die Verbindung des Kronprinzen Akihito mit der Bürgerlichen Shōda Michiko entfachte in der japanischen Öffentlichkeit erneut Begeisterung für das Kaiserhaus. Auch Zeitungen und Wochenmagazine berichteten nun ständig über das junge Paar, und Michiko wurde mit ihrem frischen, aber eleganten Stil schnell zur Fashion-Ikone vieler Frauen in Japan. Die offizielle Zeremonie zum Austausch der Verlobungsgeschenke fand am 14. Januar 1959 statt, die Hochzeit am 10. April. Die Zeremonie wurde im japanischen Fernsehen übertragen.

Am 23. Februar 1960 wurde der erste Sohn des Kaiserpaares geboren, der heutige Kronprinz Naruhito. Anstatt den Jungen in die Hände anderer zu geben, wuchs Naruhito unter Aufsicht seiner Mutter Michiko auf – ebenso der zweite Sohn Prinz Akishino (*1965) und die Tochter Sayako (*1969).

In einem Interview von 2001 merkte Kaiser Akihito zu dieser Neuerung an: „Damals kam es in Mode, Kinder natürlich aufwachsen zu lassen, und so übernahmen auch wir die Verantwortung für unsere eigenen Kinder. Da ich allerdings oft Verpflichtungen nachkommen musste, fiel es meiner Frau zu, sich um die Erziehung unserer Kinder zu kümmern.“

Kaiser Japan SohnAkihito und Michiko mit dem Neugeborenen Naruhito 1960. ©Kunaicho / Imperial Household Agency

Thronbesteigung

Am 7. Januar 1989 starb der Shōwa-Kaiser Hirohito, am 8. wurde die Heisei-Zeit ausgerufen. Akihito bestieg mit 55 Jahren den japanischen Chrysanthemen-Thron und machte „Frieden überall“ zu seinem Regentschaftsmotto. In seiner Inthronierungsrede versprach Akihito, in seiner Rolle als neuer Kaiser die japanische Verfassung zu schützen, für das Wohlergehen des japanischen Volkes sorgen und zum Weltfrieden beitragen zu wollen.

In die folgenden Jahre fielen viele freudige Ereignisse, aber auch zahlreiche Schreckensmeldungen. Dazu gehörten das Erdbeben von Kōbe und die Giftgasanschläge auf die Tōkyōter U-Bahn 1995 sowie das Tōhoku-Beben mit anschließendem Tsunami und Havarie des Atomkraftwerkes Fukushima-Daiichi im März 2011.

Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko erregten 2011 viel Aufsehen, da sie die Katastrophenregion besuchten. Außerdem hielt Akihito eine Fernseh-Ansprache an das japanische Volk, indem er es zum Durchhalten aufrief und seinen Beistand versicherte. Es war die erste direkte Ansprache eines Tennō, seitdem Akihitos Vater 1945 die Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg über das Radio erklärte.

Screenshot des Videos von Tennō Akihito zur Ansprache nach dem großen Erdbeben, das Japans Nordosten im März 2011 traf. ©Kunaicho / Imperial Household Agency

Reminiszenz zum 80. Geburtstag

2013 feierte Akihito seinen 80. Geburtstag. Auf der Presse-Konferenz berichtete der Kaiser: „Am nachhaltigsten beeinflusst hat mich in den vergangenen 80 Jahren der Zweite Weltkrieg. Als ich eingeschult wurde, bekriegten sich bereits Japan und China. Im Jahr darauf, am 8. Dezember 1945, erklärten auch die USA, Großbritannien und die Niederlande Japan den Krieg. Als der Krieg endete, ging ich in die letzte Klasse der Grundschule.

Etwa 3,1 Millionen Japaner sollen in diesem Krieg ihr Leben verloren haben. Es schmerzt mich immer noch sehr, dass soviele Menschen, die ja alle Träume und Hoffnungen für die Zukunft gehabt haben müssen, so jung gestorben sind.

Nach dem Krieg wurde Japan durch die Alliierten besetzt, und diese führten die neue Japanische Verfassung ein, die sich die Werte Frieden und Demokratie auf die Fahnen schrieb. Durch die Besatzung wurden verschiedene Reformen durchgeführt, sodass das Japan entstehen konnte, das wir heute kennen.

Ich hege größte Dankbarkeit für die Leistungen und Mühen jener Japaner, die damals geholfen haben, das durch den Krieg zerstörte Land wiederaufzubauen und gar zu verbessern. Auch dürfen wir nicht vergessen, dass die US-Amerikaner uns eine helfende Hand ausgestreckt haben, in dem Bemühen, Japan und seine Kultur zu verstehen.“

Darf ein japanischer Kaiser abdanken (wollen)?

Im Oktober 2016 deutete Akihito dann in einer erneuten Fernseh-Ansprache an, dass er den Wunsch hege, abzudanken. Er implizierte dies, indem er seine Meinung darlegte, dass ein Kaiser, der sich aus verschiedenen Gründen nicht ordnungsgemäß seinen Aufgaben widmen könne, in negativer Weise zum Stillstand der Gesellschaft beitrüge.

Seit November 2016 beriet eine Expertenkommission, ob der japanische Kaiser abdanken dürfe. Japan Digest berichtete – und hält Sie weiter auf dem Laufenden über aktuelle Entwicklungen zum Kaiserhaus in Japan.

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