Japans Premier Abe und US-Präsident Obama
Japans Premier Abe und US-Präsident Obama - Abes Ehefrau Akie in der Mitte. Tōkyō, 24. April 2014. ©Official White House Photo by Pete Souza

Abe Akie: Japans First Lady

Hannah Janz

Auf Facebook kriegt Premier Abe Shinzō die meisten Likes für Fotos mit seiner Frau. Abe Akie ist aber alles andere als dekoratives Nebenwerk - sie hat eine eigene Agenda.

Abe Shinzō 安部晋三 war bereits von 2006 bis 2007 Premierminister, seit 2012 ist er es wieder. Besonders in der Berichterstattung aus dem Ausland über Japan gilt er als konservativ, vor allem, weil die Änderung von Japans Verfassung seit langem auf seiner Agenda steht, seine Finanzpolitik als neoliberal, die Außenpolitik als konfliktgeladen. Seine Frau Abe Akie 安倍昭恵, 54, definiert dafür derzeit die Rolle der japanischen First Lady neu. War sie während der ersten Amtszeit ihres Mannes vor zehn Jahren unsichtbar, haben ihre Auftritte jetzt eine enorme Strahlkraft gewonnen – und zwar mit einer eigenen starken Meinung, die sich von der ihres Mannes abhebt.

Abe Akies öffentlicher Auftritt, ähnlich wie der Michelle Obamas, bis 2016 US-amerikanische First Lady, ist charakterisiert durch Bescheidenheit, Herzlichkeit und Bestimmtheit. Sie gibt Interviews und ist mit Fotostrecken in Magazinen zu sehen. Oft wird in diesen Artikeln ihr Spitzname Akkī アッキー verwendet.

Abe Akie nimmt sich progressiver Themen an und tritt für jene ein, die in der japanischen Gesellschaft noch benachteiligt sind. Eines ihrer Anliegen ist die Stärkung der Rolle der Frau. Sie nimmt an großen Kongressen wie dem IBM Women in Leadership Forum teil, besucht aber auch lokale Frauengruppen. In der Region Tōhoku 東北, die immer noch unter den Folgen von Erdbeben, Tsunami und der Atomkraftwerk-Katastrophe von Fukushima 福島 2011 leidet, spricht Abe mit der Bevölkerung. Auch für die japanische LGBT-Community setzt sie sich ein.

Abe Akie Abe Shinzo Facebook19.000 Likes für ein Foto mit der Gattin (Screenshot www.facebook.com/abeshinzo).

„Ich habe keine besonderen Talente, aber ich kann in meiner Rolle mit vielen Menschen sprechen“

Insgesamt gibt sich Abe Akie sehr nahbar und emotional zugänglich. Dazu gehört ihr Facebook-Auftritt mit persönlichen Kommentaren und seit Juni 2016 auch Sticker für Line. Die Messenger-App ist in Japan weit verbreitet, Benutzer können in Gesprächen ihren Gefühlen nun mit dem Konterfei von Abe Akie Ausdruck verleihen. Die virtuellen Sticker werden unter dem Titel „Akie-chan“ angeboten – ihr Vorname in Kombination mit jener Anredeform, die Niedlichkeit impliziert. Nicht nur positive Gefühle, sondern auch Erschöpfung, Müdigkeit und Aufregung werden von Abe Akies Sticker-Version verkörpert.

Abe Akie Line-Sticker“Akie-chan” packt an, freut sich, ist erschöpft - Sticker für die japanische Nachrichten-App LINE (Screenshot www.store.line.me/stickershop/product/1284805). ©LINE

Neues Selbstbewusstsein und Neudefinition der Rolle der First Lady

Bisher waren die Frauen der japanischen Premierminister in der Öffentlichkeit kaum aktiv. Während die First Lady in den USA die protokollarische Rolle der Gastgeberin im Weißen Haus übernimmt, sind in Japan keine ähnlichen Aufgaben vorgesehen. Dass Abe Akie nicht auf bestehende Strukturen zurückgreifen kann, macht ihr Engagement noch besonderer.

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Gleichzeitig profitiert die Öffentlichkeitsarbeit des Kantei, des Amtssitzes des Premierministers (sōri daijin kantei 総理大臣官邸), von ihrer Affinität zum öffentlichen Auftritt. Die Facebook-Statistik gibt der PR-Strategie recht: Postet Premier Abe Fotos mit seiner Frau, erreichen diese enorme Like-Zahlen. Aber auch Abe Akie weiß, was sie an den sozialen Medien hat. Im Interview mit der Online-Ausgabe der Japan Times berichtet sie im Juli 2016: „2006 hatte ich keine Möglichkeit, mich direkt an mein Publikum zu wenden, also wusste niemand so recht, was ich tue. Jetzt, wo ich jeden Tag auf Facebook schreibe, verstehen die Menschen, die mir dort folgen, wofür ich mich einsetze.“

In der japanischen Presse wird Abe Akies Engagement oft als Symbol praktizierter Emanzipation bewertet. Andererseits wird es gelegentlich als weiteres Puzzlestück im Portfolio des Machterhalts von Premierminister Abe eingeordnet. Abe Akie selbst berichtet, dass sie nach dem Ende der ersten Amtszeit ihres Mannes 2007 bewusst entschied, von nun an nicht mehr nur ein Leben als „Frau von Abe Shinzō“ zu führen. Über ihre Entwicklung in Folge dieser Entscheidung schreibt sie in ihrem im November 2015 erschienenen Buch „Mein eigenes Leben leben“ (Watashi wo ikiru, 「私」を生きる, wörtlich: „mich leben“).

Damit einher ging für Abe Akie auch, nicht mehr die Meinung ihres Mannes zu übernehmen. 2012 äußerte sie mehrfach in den japanischen Medien, dass sie nicht mehr an den Mythos der Sicherheit der Atomkraftwerke glaube, und Japan auf diese Form der Energiegewinnung verzichten solle.

"Keine Mauern an der japanischen Ostküste" -Screenshot von Abe Akies Facebook-Seite (https://www.facebook.com/akieabe/posts/ 10154328414431779?pnref=story)

2014 sprach sie sich außerdem gegen den Bau von Schutzanlagen vor der Küste Tōhokus gegen künftige Tsunami aus. Die Betonbauten würden die Küsten zerstören und dem Tourismus schaden, so Abe Akie. Damit stellte sie sich gegen die Linie ihres Mannes und seiner Partei und auf die Seite vieler Anwohner, die ebenfalls gegen den Bau sind.

Es ist gut denkbar, dass Abe Akies sichtbares Engagement und ihre Prämisse der Selbstständigkeit auch den Weg ebnen für mehr Politikerinnen in Japan. Ihre persönliche Wandlung sowie ihre Neudefinition der Rolle der First Lady ab 2012 haben heute bereits zu einer größeren Diversität der politischen Landschaft Japans beigetragen.

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