Als im Frühjahr 2020 die Welt stillstand, veränderte sich auch Japans berühmte Kirschblütenzeit. Orte, die sonst von Menschenmengen geprägt sind, lagen plötzlich im Dunkeln. Der Fotograf Ito Hiroshi hielt diese ungewöhnliche Atmosphäre im Koganei-Park in Tōkyō fest. Dort blühten frühe Sorten wie kanhizakura und yamazakura. Doch statt ausgelassener Hanami-Picknicks herrschte Stille. Keine Besucher, keine Festbeleuchtung. In völliger Dunkelheit setzte Itō seine eigene Lichtquelle ein, um die Blüten sichtbar zu machen. Das Ergebnis: eine fast surreale Szenerie, in der die Sakura isoliert im Raum zu schweben scheinen. Auch die große Wiese des Parks zeigt ein ungewohntes Bild. Wo sonst Festivals stattfinden, blieb es leer. Selbst zur Hochsaison war nur das schwache Licht von Sicherheitslampen zu sehen. Die Pandemie nahm den Blüten ihre soziale Dimension und lenkte den Blick stärker auf ihre stille, fragile Schönheit.







Die Rückkehr des Hanami – aber anders
Mit dem Ende der Einschränkungen kehrte auch das Leben zurück. Etwa am Meguro-Fluss in Tōkyō. Die berühmten Laternen entlang des Wassers, das dichte Blütendach und die Menschenmengen erinnern wieder an die Zeit vor Corona. Doch auch hier zeigt sich ein differenzierter Blick: Abseits der Hauptwege gibt es ruhigere Routen. Wer vom Ōhashi-Busstopp entlang der Tamagawa-dōri nach Süden Richtung Nakameguro läuft, erlebt die Kirschblüte entspannter. Ein Hinweis, der zeigt, dass sich auch im Massentourismus individuelle Perspektiven finden lassen. Die Sakura ist damit nicht nur zurück, sie wird neu entdeckt.

Die Faszination der Ipponzakura
Während städtische Kirschblüten oft im Kollektiv erlebt werden, steht bei Suzuki Michio ein anderes Motiv im Mittelpunkt: die ipponzakura – einzelne, freistehende Kirschbäume. Diese „Einzelbäume“ entfalten eine besondere Wirkung. Sie stehen oft in ländlichen Gegenden, eingebettet in Felder, Hügel oder vor Bergkulissen. Ihre Präsenz wirkt fast skulptural. Ein Beispiel ist die weinende Kirsche von Kamihotchi (Gunma), die vor dem noch schneebedeckten Berg Hotaka steht. Oder die berühmte Kirschbaum-Silhouette der Koiwai-Farm in Iwate, ursprünglich als Schattenspender für Kühe gepflanzt. Diese Bäume sind mehr als Fotomotive. Sie sind Teil der Kulturlandschaft; verbunden mit Religion, Landwirtschaft und lokaler Identität.














Sakura als Spiegel der Landschaft
Auch Urano Naoyuki richtet seinen Blick auf die Vielfalt der Kirschblüten. Diesmal im Zusammenspiel mit ihrer Umgebung. Seine Motive reichen von den früh blühenden Kawazu-Sakura entlang des Aono-Flusses in Shizuoka bis zu den berühmten Hitome Senbonzakura am Shiroishi-Fluss in Miyagi, wo tausende Bäume vor der Kulisse des Zao-Gebirges stehen. Besonders eindrucksvoll sind folgende Kontraste:
- Kirschblüten vor schneebedeckten Bergen in Hakuba
- Spiegelungen im Wasser in Gunma oder Yamanashi
- Kombinationen mit Rapsfeldern, Tulpen oder dem Meer in Kagawa
Diese Vielfalt zeigt: Sakura ist nicht gleich Sakura. Jede Region, jede Sorte und jede Landschaft erzeugt ein eigenes Bild des Frühlings.







Mehr als nur eine Blüte
Die kulturelle Bedeutung der Kirschblüte reicht weit zurück. Schon in der Yayoi-Zeit galt sie als Wohnort von Gottheiten, die mit der Ernte verbunden waren. Bauern nutzten die Blüte als Zeichen für den Beginn der Aussaat. Bis heute steht Sakura für den Übergang: vom Winter zum Frühling, vom Alten zum Neuen. Gleichzeitig erinnert ihre kurze Blütezeit an die Vergänglichkeit. Ein zentrales Motiv in der japanischen Ästhetik. Die Arbeiten der drei Fotografen machen deutlich, wie vielschichtig dieses Symbol ist. Mal still und isoliert, mal lebendig und festlich. Mal als einzelner Baum, mal als überwältigende Masse. Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt: Die Bedeutung der Sakura liegt nicht nur in ihrer Schönheit allein, sondern auch darin, wie wir sie wahrnehmen.
Die Fotografen im Porträt
Ito Hiroshi (伊東浩)
Geboren 1954 in der Präfektur Kanagawa. Nach seinem Studium der angewandten Physik an der Tōkyō University of Agriculture and Technology arbeitete er bei Nikon und wurde anschließend Fotograf. Er ist in der Reisebranche tätig, gibt Fotokurse und begleitet unter anderem Aurorareisen. Neben Einzelausstellungen und Fernsehauftritten arbeitet er auch in der Bühnen- und Porträtfotografie. Mitglied der Japan Travel Photographers Association.
Suzuki Michio (鈴木通夫)
Mitglied der Japan Travel Photographers Association. Nach seiner Tätigkeit im Uemura Photo Office organisiert und leitet er Fotoworkshops, insbesondere für regionale Fotografiebegeisterte.
Webseite: https://csnphoto.exblog.jp/
Urano Naoyuki (浦野尚行)
Urano Naoyuki arbeitet als Fotograf für eine Reiseagentur und fotografiert weltweit. Auch privat ist er viel unterwegs und widmet sich auf seinen Reisen vor allem Motiven rund um den Himmel.












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