Cosplay in Japan: Die Fiktion zum Leben erwecken

JAPANDIGEST
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Wie wird beim Cosplay die Illusion zur Realität gemacht? Darauf wird in Japan besonders viel Wert gelegt. Die Herstellung der Kostüme ist genauso wichtig wie die authentische Darstellung des Cosplay-Charakters auf Fotos.

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LED-Perücke
© GOCCO

Heutzutage gibt es in Japan viele Möglichkeiten, als Cosplayer aktiv zu sein, einige Benimmregeln beachtend: So gehört es sich etwa nicht, außerhalb von Cosplay-Veranstaltungen im Kostüm durch die Straßen zu laufen. Cosplay hat sich in Japan seit den 1970er-Jahren entwickelt – immer mit Rücksichtnahme auf Nicht-Cosplayer.

Mit extravaganten Kostümen und Auftritten das Stadtbild zu stören gilt als Belästigung der Anwohner. Deshalb haben sich in Städten wie Tōkyō und Ōsaka auf Cosplay Fotoshooting spezialisierte Studios etabliert. Dort setzen Cosplayer ihren jeweiligen Charakter vor Hintergründen wie Schulen, Ruinen, japanischen Zimmern oder Gebäuden im europäischen Stil in Szene. Der Kostenfaktor: ab 500 Yen (ca. 4 Euro) pro Stunde. Geöffnet sind die Studios werk- wie feiertags, dort kann Cosplay jederzeit gelebt werden.

cosplay studio
Der passende Hintergrund setzt Charaktere auf Fotos noch mehr in Szene. ©Studio CROWN

Um ihr Hobby auszuüben setzen Cosplayer aus ländlicheren Gegenden sich Freitagabend oder Samstagmorgen in den Bus oder Zug, um übers Wochenende an Cosplay-Events in den Städten teilzunehmen. Wer neben der Schule oder Arbeit ein Leben als Cosplayer führt, lernt nicht nur, Kostüme zu nähen, sondern stärkt auch wertvolle Fähigkeiten wie richtig mit Zeit und Geld hauszuhalten.

 

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„Fiktive Realität“ mit Cosplay kreieren

Die Darstellung eines Charakters hängt stark von der persönlichen Interpretation der Cosplayer ab. Dabei hat sich in Japan eine besondere Form des Ausdrucks entwickelt: die Fotoshoots. Auf die Funktionalität der Kleider wird beim Spielen eines Charakters weniger Wert gelegt als auf das Ergebnis der Fotoinszenierung.

Die Kostüme werden durch burikorāju ブリコラージュ (vom französischen bricolage) hergestellt, wobei in der Nähe verfügbare Materialien verwendet werden. Durch die unerwartete Kombination von günstigen aber qualitativ hochwertigen Materialien Kostüme herzustellen, auch dies ist ein Spaßfaktor bei Cosplay.

sailor moon cosplay
Nicht nur das Kostüm, auch Make-up, die richtige Frisur und natürlich die Pose führen zum perfekten Cosplay-Foto. ©Studio CROWN

Nicht nur das Kostüm, auch die Inszenierung auf Fotos ist wichtig. In dem Manga Seven Deadly Sins etwa gibt es den Charakter King, der elfenhaft auf einem großen Polster schwebt. Wie nun diese schwebende Figur bei einem Fotoshoot darstellen? Das ist dem Einfallsreichtum der jeweiligen Cosplayer überlassen. Wichtig ist nur, dass die Tricks und Hilfsmittel auf dem Foto nicht erkennbar sind. Dabei sind die richtige Pose und der Aufnahmewinkel des Fotos zu beachten. Ein Cosplayer hat zum Beispiel ein Kissen in die Hand genommen, sein Gesicht darin vergraben und mit einem Bein in der Luft für das Foto posiert, um das leichte, schwebende Gefühl des Charakters darzustellen. Das Ergebnis: ein scheinbar schwebender King!

seven deadly sins cosplay
Mit Tricks und Hilfmitteln erwecken Cosplayer die gewünschte Illusion. © Rie Matsuura
seven deadly sins cosplay
Aufnahmewinkel helfen dabei, etwaige Tricks beim Shooting zu verbergen. © Rie Matsuura

Die Art und Weise, wie die Cosplay-Fotos aufgenommen werden, wird während des Fotoshoots dokumentiert. Für solche Bilder gibt es auf Twitter sogar schon ein eigenes Hashtag: reiyā no risō to genjitsu レイヤーの理想と現実 („Ideal und Realität von Schichten“). Der Begriff Schichten meint hier den Cosplayer und den Fotografen, der Tricks wie etwa das Nachahmen physischer Merkmale, festhält. In den sozialen Netzwerken teilen Cosplayer Aufnahmen von „hinter den Kulissen“, die in der Community für Freude sorgen. So tauschen sich Cosplayer untereinander über Darstellungsmethoden und -techniken bestimmter Charaktere aus und setzen zeitgleich den Fokus auf interessante Aspekte des Fotoshootings als solches.

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Durch den Aufnahmewinkel können beim Cosplay die gewünschten Ergebnisse erzielt werden. © Studio CROWN

Der Einfallsreichtum bei der Kostümproduktion und den Fotoaufnahmen ermöglicht es, wenigstens für einen Moment die Realität zu vergessen und die Fiktion durch Cosplay zum Leben zu erwecken – ein starker Anziehungspunkt von Cosplay in Japan. Dafür sind jedoch jede Menge Fähigkeiten wie Nähen, Haarstyling und Make-up, Fotografieren und Posieren notwendig. Es ist sehr schwierig für einen einzelnen Cosplayer, alle diese Aspekte wie ein Profi zu meistern. An dieser Stelle bieten die sozialen Netzwerke eine interessante Möglichkeit der „kollektiven Schöpfung“, wenn Cosplayer sich unter der Prämisse „Gemeinsam schaffen wir das!“ zusammentun.

LED-Perücke
Mit Details im Kostüm, wie etwa hier die LED-Lichter in der Perücke, kann man das eigene Cosplay auf die nächste Ebene bringen. © GOCCO

Dieser Text wurde von Rie Matsuura für die April-Ausgabe des JAPANDIGEST verfasst und von Sina Arauner aus dem Japanischen übersetzt und für die Veröffentlichung im Printmagazin und auf der Webseite nachbearbeitet. Eine Übersicht über weitere Artikel finden Sie hier:

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