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Rezension: „Männer und Frauen“ von Yosano Akiko

Constanze Thede
Constanze Thede

Yosano Akiko war nicht nur eine der bedeutendsten Dichterinnen ihrer Zeit, sondern auch politische Vordenkerin und Feministin. Dennoch waren ihre Essays in Deutschland bisher weitgehend unbekannt. Mit "Männer und Frauen" liegt jetzt erstmals eine Auswahl dieser in deutscher Übersetzung vor.

Rückenansicht lesende Frau in weißer Bluse vor weißem Hintergrund mit grünen Pflanzen
© akimaru130 / photo-ac

Yosano Akiko (1878-1942, gebürtig Hō Shō) war eine der bedeutendsten Literatinnen und politischen Vordenkerinnen ihrer Zeit. Ihr beeindruckendes Lebenswerk umfasst mehr als 20 Sammlungen von tanka (jap. Gedichtform) und zahlreiche gesellschaftskritische Schriften.

Mit „Männer und Frauen“ präsentiert der Manesse-Verlag erstmals einige ihrer Zeitungsartikel und Essays auf Deutsch. Das Buch ist Teil des Programms „Mehr Klassikerinnen“ und erschien im Frühjahr 2022 neben Werken weiterer wichtiger Autorinnen des 20. Jahrhunderts wie Virginia Woolf, Clarice Lispector und Tania Blixen.

Ein breites Themenspektrum

Die vier Kapitel des Buches decken wesentliche Themen ab, denen sich Yosano zeit ihres Lebens widmete: Begonnen wird mit sehr persönlichen Gedanken zu ihrem Werdegang als Berufsliteratin und ihren Eindrücken aus dem Wochenbett, während die folgenden zwei Kapitel mit scharfsinnigen Überlegungen zur Gleichstellung der Frau und zur damaligen politischen Lage gefüllt sind. Das letzte Kapitel enthält schließlich zwei Texte, die während der Spanischen Grippe (die von 1918-1920 auch in Japan grassierte) verfasst wurden und angesichts der COVID-19-Pandemie kaum an Aktualität eingebüßt haben.

Die Texte wurden ausgesprochen sorgfältig ausgewählt und lesen sich dank der hervorragenden Übersetzung von Eduard Klopfenstein sehr angenehm. Der renommierte Japanologe, der früher an der Universität Zürich lehrte und sich bereits als Übersetzer anderer klassischer japanischer Texte einen Namen machte, versäumt es nicht, historische und landespezifische Zusammenhänge in gezielt platzierten Fußnoten zu erläutern, um die vorliegenden Texte in einen verständlichen Kontext einzubetten. Sehr positiv hervorzuheben ist auch, dass japanische Namen und Begriffe in der Hepburn-Umschrift wiedergegeben wurden, da dies der Originalschreibweise näherkommt als im Deutschen übliche Varianten wie z.B. „Tokio“ statt „Tōkyō“.

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Ausgesprochener Scharfsinn

Yosano Akiko war in vielerlei Hinsicht eine herausragende Persönlichkeit und ihre Überlegungen zu Mutterschaft und zur Gleichstellung der Frau haben noch heute ihre Berechtigung. Wie auch im Nachwort des Buches zu lesen ist, war sie hochbegabt und kam, obwohl sie aus einer Händlerfamilie[1] stammte, schon früh mit den japanischen Klassikern in Berührung, da ihr Vater eine umfassende Kollektion dieser besaß. Daher konnte sie sich, obwohl eine höhere Bildung für Frauen damals nicht vorgesehen war, im Selbststudium ein erstaunliches Maß an Wissen aneignen und zur weithin anerkannten Dichterin und Publizistin entwickeln.

Dichterin Yosano Akiko im Kimono vor einem Fenster
Yosano Akiko. © Public domain / Wikimedia Commons

Dieser Scharfsinn tritt auch in den für „Männer und Frauen“ ausgewählten Schriften deutlich zutage. Bereits im Artikel „Persönliches“ im ersten Kapitel geht es zwar vordergründig um Yosanos persönliche Einschätzungen in Bezug auf ihr Berufsleben als Literatin, doch bringt sie hier sehr tiefgründige Gedanken zum Ausdruck. Man muss bedenken, dass die im Buch gesammelten Schriften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind, einer Zeit, in der sich Japan und die Welt stark im Umbruch befanden. Yosano bedauert hier beispielsweise die Abkehr von der Literatur und Lyrik als reiner Kunstform und der „Ökonomisierung“, die stattdessen Einzug gehalten hat, was sie besonders zu spüren bekommt, seit sie sich dazu entschieden hat, vom Schreiben zu leben. Bei der Frage, ob nun die heutige Zeit der reinen Literatur keinen Platz mehr ließe, nimmt sie mit Verve auf Nietzsches Werk Also sprach Zarathustra Bezug, welches damals gerade in japanischer Übersetzung erschienen war und plädiert dafür, sich der Gegenwart tapfer zu stellen.

Kontroverse Ansichten

Yosanos Schilderungen ihres Befindens im Wochenbett, die sie mit eindrucksvollen tanka untermalt, gehen wiederum direkt unter die Haut und dürften besonders Leserinnen sowie Freund:innen der Dichtkunst ansprechen. Letztere kommen ohnehin auf ihre Kosten, da Yosanos dichterische und literarische Ader in vielen ihrer Texte durchschimmert. Das Buch enthält sogar ein von Yosano 1930 verfasstes „Lied für das Frauenwahlrecht“ (jap. Fusen no uta), welches im Original sowie in der deutschen Übersetzung abgedruckt wurde. Ihr literarisches Können äußert sich auch in eindrucksvollen Sätzen wie „[…] die japanischen Frauen […] schwanken wie Treibgut auf den Wellen der materiellen Zivilisation“ (S. 55).

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Während das letzte Kapitel, in dem es um die Erfahrungen während der Grippepandemie geht, in der jetzigen Zeit besonders interessant zu lesen ist, wirken andere Ansichten Yosanos deutlich veraltet. Einerseits möchte sie japanischen Frauen mehr Rechte zugestehen, warnt diese aber andererseits davor „nach dem Beispiel europäischer Frauen auf die Ehe [zu] verzichten“ (S. 31). Obwohl sie an mancher Stelle durchaus dazu bereit ist, ihr eigenes Land zu kritisieren, kommt sie hier zu einer tendenziell nationalistisch anmutenden Schlussfolgerung: „Alle Japanerinnen wünschen sich eine glückliche Heirat und bereiten sich darauf vor, starke Nachkommen zu gebären“ (S. 31).

Revolutionär für ihre Zeit

Abgesehen vom historischen Hintergrund liegt es vielleicht teils auch an Yosanos Hochbegabung, dass manche ihrer Ideen darüber, wie sich das Leben der Frauen in der Zukunft gestalten könnte, zu optimistisch wirken, wie beispielsweise der Gedanke, dass eine zunehmende Zahl an gebildeten Frauen wissen wird, „wie man rasch und flink mit den bisher träge verrichteten Küchen- und anderen Arbeiten fertig wird, sodass ihnen deshalb auch mehr Zeit bleibt.“ (S. 46). Obwohl es natürlich zutrifft, dass der technische Fortschritt die Hausarbeit deutlich erleichtert hat, so gestaltet sich die Vereinbarkeit von Beruf und Haushalt (bzw. Familie) bis heute nicht so reibungslos, wie Yosano es hier prognostiziert. Dennoch ist der Gedanke, dass Frauen nicht natürlicherweise nur für die häusliche Sphäre zuständig sind, geradezu revolutionär, wenn man bedenkt, dass Yosano dies zwischen 1911 und 1915 schrieb, als in Japan ein ganz anderes Frauenbild hochgehalten wurde.

Zutiefst menschliche Fragen

Yosanos Texte laden zum Reflektieren und Diskutieren ein. Wie Eduard Klopfenstein im Nachwort schreibt, ist im „[…] deutschen Sprachraum […] diese Seite ihres Schaffens völlig unbekannt. Ich hoffe daher, mit den vorliegenden Essays nicht nur die Autorin ins rechte Licht zu rücken, sondern auch unserem überkommenen Japanbild eine neue, überraschende Facette hinzuzufügen.“ Dies ist ihm ohne Zweifel gelungen und das Buch ist nicht nur Japanolog:innen wärmstens ans Herz zu legen, sondern im Grunde für jede:n lesenswert, da Yosano sich in den ausgewählten Texten mit zutiefst dem menschlichen Leben entspringenden Fragen wie Geburt und Tod, Gleichberechtigung, Menschsein und Demokratie beschäftigt. 

Cover "Männer und Frauen" von Yosano Akiko
© Manesse Verlag

„Männern und Frauen“ von Yosano Akiko

Aus dem Japanischen übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein.

Manesse Verlag, Mai 2022.

Gebunden, 160 Seiten.

 


[1] Die Händler gehörten noch in der Edo-Zeit der untersten Schicht der japanischen Gesellschaft an und hatten wenig Bildungschancen. Obwohl sich dies während der Meiji-Zeit (1868-1912) langsam änderte, war das alte Ständesystem noch in vielen Köpfen fest verankert.

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