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(c) Matthias Reich

​Scrap & Build – Japanischer Städtebau und seine Folgen

Matthias Reich

Laut einer Marktanalyse wurden knapp 80% aller japanischen Wohnhäuser nach 1970 gebaut. Häuser, die vor 1951 gebaut wurden, machen weniger als 5% aus. Die Zahlen in Europa sehen völlig anders aus. Woran liegt das, und was hat das für Folgen?

Scrap & Build – “Abreißen und Neubauen”: Dieses Konzept wird seit Jahrzehnten konsequent im japanischen Städtebau angewandt, doch nicht nur da: Auch in der Politik und in der Wirtschaft ist das Prinzip nicht unbekannt – bevor etwas Neues geschaffen wird, wird das Alte vollends zerstört, seien es nun Strukturen oder Produktionsanlagen. Viele Wohnhäuser und auch Fabrikgebäude haben ein Verfallsdatum von rund 30 Jahren – danach wird abgerissen und umgehend neu gebaut. Das wirft bei westlichen Beobachtern gelegentlich Zweifel auf: Warum baut man nicht gleich etwas Solides, das dann auch 100 oder mehr Jahre hält? Schließlich schont man so doch mit Sicherheit seine und anderer Leute Ressourcen! Doch man tickt anders in Japan, und das hat durchaus seine Gründe – und interessante Implikationen.

Das Prinzip als solches ist eigentlich uralt, denn in Japan werden zum Beispiel zahllose Schreine, so auch der berühmte Ise-Schrein, in regelmäßigen Abständen auseinandergenommen und neu gebaut. Diese beim Ise-Schrein shikinen sengū 式年遷宮 genannte Prozedur wiederholt sich zum Beispiel alle 20 Jahre. Das Baumaterial ist dabei, und das gilt auch für die meisten kleineren Wohnhäuser heute, die geringste Sorge, denn man baute und baut am liebsten mit Holz, und das hat mehrere gute Gründe: Es gibt genügend Wälder in den meisten Landesteilen – darunter gibt es auch einige sehr schnell wachsende Baumarten, und Holz hat eine gewisse Elastizität, weshalb es Erdbebenschwingungen besser wegstecken kann als zum Beispiel Klinkerbauten. Aus diesen Gründen wird Holz deshalb auch in absehbarer Zukunft der beliebteste Baustoff sein.

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Das Bauen von Häusern mit Verfallsdatum bringt jedoch einige Besonderheiten mit sich. Während ein Haus nebst Grundstück in vielen Ländern, vor allem aber in Europa, eine solide Wertanlage darstellt, sieht die Sache in Japan ganz anders aus. Häuser verlieren hier innerhalb von wenigen Jahren drastisch an Wert, so dass nur der Wert des Grundstücks bleibt – so der Wert überhaupt vorhanden ist. Ein 30 Jahre altes Einfamilienhaus zu erben ist deshalb nicht unbedingt das große Los: Das Haus ist dann mehr als spürbar alt, bald kaum bewohnbar, und der Abriss kostet richtig viel Geld – von den Kosten eines Neubaus ganz zu schweigen. Diese Ausgangslage, gepaart mit dem seit vielen Jahren anhaltenden Geburtenrückgang, sorgt dafür, dass immer mehr Häuser leer stehen, da die Bewohner verstorben sind und kein Erbe zu finden ist. Oder es fehlte schlichtweg das Geld zum Abriss. Diese Häuser stellen gerade in den Städten eine ernsthafte Gefahr dar, denn das der Witterung ausgesetzte Holz wird irgendwann morsch, die Häuser können einstürzen oder durch diverse Gründe einfach so abbrennen. Letztendlich bleiben die Kommunen auf den Abrisskosten sitzen – und aufgrund der ungeklärten Besitzverhältnisse heißt es dann leider nur allzu oft “scrap only, no build”.

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Die Scrap & Build-Methode bedeutet auch, dass es in vielen japanischen Städten architektonisch gesehen sehr wild zugeht. Gesamtheitliche Bauensemble gibt es selten, da die Häuser zu unterschiedlichen Zeiten gebaut, abgerissen und wieder neu gebaut werden. Doch die Scrap & Build-Methode sorgt auch für eine florierende Bauindustrie sowie für die relativ schnelle Durchsetzung neuer Standards vor allem im Hinblick auf die Erdbebensicherheit: In keinem anderen Land der Erde sind selbst normale Ein- oder Mehrfamilienhäuser so wackelfest wie in Japan.

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