Die Geschichte und Herkunft der Stäbchen

Diana Casanova
Diana Casanova

Nicht wegzudenken sind die Stäbchen aus der japanischen Küche und Alltag. Dass diese nicht ursprünglich aus Japan stammen, ist sicherlich noch vorstellbar. Doch wussten Sie, dass die Stäbchen nicht immer ihre heutige Funktion hatten?

Essstäbchen aus Japan

In jedem japanischen, koreanischen oder chinesischen Restaurant sind sie zu finden, bei so manchem Westler verursachen sie jedoch regelrecht Schweißausbrüche: Untrennbar mit der asiatischen Küche verbunden sind die Essstäbchen (auf Japanisch hashi 箸). In vielen Ländern Ost- und Südostasiens sind sie das gängige Besteck beim Essen und Kochen, darunter Japan, China, Korea, Vietnam und Taiwan. Eine Milliarde Menschen benutzen sie im Alltag, das sind noch mehr als jene, die mit Messer und Gabel essen. Stäbchen sind so synonym mit diesen Ländern geworden, dass es schwer vorstellbar ist, dass man dort mit etwas anderem isst, genauso wenig wie sich Europäer vorstellen können, nicht mit Besteck zu essen. Schließlich war es ja schon immer so, nicht wahr?

Am Anfang war der Löffel

Tatsächlich wurde in den besagten Ländern nicht von Beginn an mit Stäbchen gegessen: Das erste Esswerkzeug der Antike war der Löffel, das wurde durch archäologische Funde belegt. Der älteste ausgegrabene Löffel ist angeblich bis zu 8500 Jahre alt.
Wie viele Aspekte der japanischen Kultur und Geschichte haben Stäbchen ihren Ursprung in China, doch auch dort war der Löffel vorrangig präsent. Ein Grund dafür war, dass vor über 2000 Jahren das Hauptnahrungsmittel der Chinesen eine Art dicker Getreidebrei war, der nun mal besser mit dem Löffel zu essen war. In gewisser Weise gab es zwar Messer und Gabel, doch benutzte man diese ausschließlich zum Verarbeiten, Zubereiten und Kochen der Speisen. Funde von Stäbchen-ähnlichen Werkzeugen, die es schon vor über 5000 Jahren gab, zeigen, dass man diese ebenfalls beim Kochen verwendete. Das waren meist lange Stöcke oder Zweige, die sich wunderbar zum Umrühren oder zum Aufheben einzelner Zutaten aus den relativ tiefen Kochtöpfen eigneten.

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Zwei verschiedene Essstäbchen

Vom Werkzeug zum wichtigen Alltagsgegenstand

Wie entwickelten sich diese frühen Stäbchen also zum alltäglichen Besteck und lösten den Löffel ab? Im Laufe der Zeit wuchs in der Bevölkerung die Beliebtheit von mehlbasierten Speisen wie Nudeln und Knödel, da es irgendwann auch Mühlen gab, die das Getreide verarbeiten konnten. Zum Verspeisen solcher Gerichte waren Stäbchen praktischer als Löffel und so begann sich die chinesische Küche nach den Vorlieben der Menschen auszurichten. Doch mit der immer weiter ansteigenden Bevölkerungszahl wuchs auch der Bedarf an wichtigen Rohstoffen wie Feuerholz, Lebensmittel wurden knapper. Ca. 500 v. Chr. ging man schließlich dazu über, die einzelnen Speisen in kleine, mundgerechte Stücke zu schneiden. Auf diese Weise wurde das Essen beim Kochen schneller gar und es wurde weniger vom wertvollen Brennstoff verbraucht. Und womit kann man kleine, mundgerechte Stückchen wohl am besten aufnehmen? So wurden Messer und Löffel am Esstisch überflüssig.

Ein weiterer großer Einfluss war der berühmte chinesische Gelehrte und Philosoph Konfuzius (ca. 551 – 479 v. Chr.), der ein bekennender Vegetarier war. Für ihn galten Messer am Esstisch als barbarisch, zu sehr erinnerten sie an Schlachthäuser, Krieg und Tod.

Verschiedene Stäbchen Ostasiens
Verschiedene Stäbchen aus Japan, Korea und China.

Meist waren die Stäbchen aus Bambus oder anderem hitzebeständigen und geschmacksneutralen Holz hergestellt. Die Oberschicht konnte sich sogar Stäbchen aus Jade, Elfenbein oder Messing leisten, auch wenn sie eher als Statussymbol galten. Die Reichsten der Reichen verwendeten solche aus Silber, da sie glaubten, die Stäbchen würden sich schwarz verfärben, wenn sie mit Gift in Berührung kamen. Das war allerdings ein Irrglaube, denn sie würden sich auch nach Kontakt mit z.B. Knoblauch oder Zwiebeln verfärben.

Ab etwa 500 n. Chr. gelangten die Essstäbchen aus dem Reich der Mitte dann auch nach Japan, Vietnam und Korea. Der älteste Nachweis zur Verwendung der Stäbchen in Japan lässt sich im Kojiki finden („Aufzeichnung alter Begebenheiten“, ein literarisches Werk aus dem Jahr 712, das die Mythologie und Frühgeschichte des Landes bis ca. zum 6. – 7. Jahrhundert beschreibt). Meist wurden Stäbchen allerdings für religiöse Zeremonien genutzt und waren ebenfalls aus Bambus gefertigt. Die ersten Zeugnisse von Stäbchen, die zum Essen genutzt wurden, lassen sich auf das 10. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen.

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Andere Länder, andere Stäbchen

Essstäbchen sehen nicht immer identisch aus, je nach Land haben sie andere Längen und Formen.

  • Chinesische Stäbchen sind lang und vergleichsweise dick, in der Regel quadratisch mit einer runden, flachen Spitze bei gleichbleibendem Durchmesser. Meist sind sie entweder aus Plastik oder Bambus hergestellt.
  • Stäbchen aus Japan sind im Vergleich dazu kürzer und rund, während sie zum Ende hin spitz zulaufen. In der Regel sind sie lackiert und aus Bambus. Darüber hinaus gibt es auch kürzere Größen für Frauen und Kinder, oder welche speziell für die beliebten Bentō-Boxen.
  • Koreanische Stäbchen sind etwas länger als japanische, viereckig und platt. Sie bestehen meist aus Messing oder Silber, beim Essen wird auch eine Kombination aus Stäbchen und Löffel verwendet.

Eine Theorie, warum chinesische Stäbchen länger als in anderen Ländern sind, besagt, dass man ab ca. dem 10. Jahrhundert begann am Esstisch die Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Dabei hatte nicht jeder seinen eigenen Teller vor der Nase, sondern es standen viele kleinere Gerichte auf dem Tisch, von denen sich alle bedienen konnten. Damit man gut an die Teller herankam, wurden die Stäbchen entsprechend länger.

Viele verschiedene Arten von Stäbchen Asiens
V. o. n. u.: Taiwanesiche Stäbchen aus Melamin, Porzellanstäbchen aus China, tibetanische Bambusstäbchen, vietnamesische Stäbchen aus Palmenholz, flache Edelstahl-Stäbchen und Löffel aus Korea, zwei Paar Stäbchen aus Japan (für Männer und Frauen), japanische Kinderstäbchen, Wegwerfstäbchen aus Bambus in Papier gehüllt © FiveRings/Wikipedia

Vielseitiges Kulturgut

Sicherlich haben Sie auch die einfachen Wegwerfstäbchen vor Augen, die es in zahlreichen japanischen und chinesischen Restaurants gibt. Auf Japanisch heißen diese waribashi, einfache Stäbchen aus Holz mit einem Spalt bis zur Mitte hin für das (mehr oder wenige) leichte Auseinanderbrechen. Die ersten waribashi wurden 1878 in Japan hergestellt, doch heutzutage werden ganze 24 Milliarden jährlich davon verbraucht – in China sogar doppelt so viel.  Doch der Trend geht zur Nachhaltigkeit: Meist hat jedes Familienmitglied sein persönliches Paar Stäbchen, die wiederverwendet werden. Es gibt sogar solche, die man in der Mitte auseinander schrauben kann, für den leichteren Transport unterwegs.

Box mit Wegwerfstäbchen aus Holz
Die Wegwerfstäbchen aus Holz zum Auseinanderbrechen kennt sicherlich jeder.

Moderne Stäbchen gibt es in unzähligen Designs, Farben, Materialien und Preisklassen. Spezielle Stäbchen zum Neujahrsfest heißen iwaibashi, und sogenannte saibashi, sehr lange und dicke Stäbchen, werden auch heute noch gerne beim Kochen verwendet. Es gibt sogar spezielle Stäbchen mit Haltehilfen, um Kindern den richtigen Umgang beizubringen.

Spezielle Stäbchen für Kinder
Spezielle Stäbchen für Kinder, um die richtige Haltung zu lernen.
Wokpfanne und lange Stäbchen speziell zum Kochen
Spezielle, lange Stäbchen zum Kochen

So hält man Stäbchen nicht.Richtig mit Stäbchen essen: 8 Tabus in JapanWas gilt es eigentlich zu beachten, wenn Sie in Japan mit Stäbchen essen möchten? Neben dem richtigen Gebrauch sollten Sie sich unbedingt an...07.02.2020

Auch für religiöse Zwecke werden besondere Stäbchen verwendet: So werden Verstorbene in buddhistischen Bestattungsritualen nicht vollständig eingeäschert, damit die Knochen nicht komplett verbrennen. Die Knochenreste werden mit besonders langen Stäbchen von den Familienangehörigen gemeinsam in eine Urne gelegt (genannt kotsuage, „Aufheben der Knochen“). Aufgrund dieser Riten gilt es auch als Tabu, seine Essstäbchen im Reis stecken zu lassen oder sein Essen von Stäbchen zu Stäbchen weiterzureichen.

Und ein Fun Fact zum Schluss: ca. 80% aller (lackierten) Stäbchen in Japan werden in der kleinen Stadt Obama in der Präfektur Fukui hergestellt.


Verwendete Creative Commons-Lizensen:

CC0 1.0 Universal (CC0 1.0)
CC BY-SA 3.0

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