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Mein Leben in Deutschland (Teil 3) – Als Touristenführerin deutsche Geschichte lehren

Kei Okishima
Kei Okishima

Seit 2012 lebt die japanische Touristenführerin Eriko Hass im schönen Norddeutschland. Im Interview mit JAPANDIGEST erzählt sie von ihrer Arbeit sowie Kulturschocks und -unterschieden.

Sei es für die Arbeit, die Familie oder zum Studium, temporär oder für den Rest des Lebens – Anlässe gibt es viele, aus denen sich ein Mensch dazu entscheidet, die eigene Heimat für ein fremdes Land zu verlassen. In Deutschland leben über 45.000 japanische Staatsbürger, auch ihre Beweggründe sind facettenreich. Warum haben sie sich auf diese aufregende Reise begeben? Was gefällt ihnen an Deutschland? Welche Schockmomente gab es? Wir haben mit drei Japanerinnen gesprochen, die auf unterschiedliche Weisen ihren Weg hierher gefunden haben und uns von ihren Erfahrungen berichten.


 

Eriko Hass

Touristenführerin
Seit 2012 in Deutschland

 ___________ Profil ___________

Heimatstadt: Yokohama

Lebt in: Rostock

Wo sie schon mal gewohnt hat:
Berlin, Hamburg, Düsseldorf

 


Weshalb haben Sie Deutsch als zweite Fremdsprache gewählt?

Mein Hauptfach an der Uni war Jura und ich habe Deutsch ausgewählt, weil ich in der Schulzeit mit dem Amateurorchester Beethovens „Ode an die Freude“, die ich liebe, gesungen habe. Im zweiten Studienjahr lud mich mein Dozent zu einem Sommerkurs an der Freien Universität Berlin ein. Als ich die Stadt dann zum ersten Mal sah, wurde ich direkt von ihr angezogen und so beschloss ich im darauffolgenden Jahr in Berlin weiter zu studieren.

Warum sind Sie nach Deutschland gezogen?

Weil mein deutscher Mann und ich fanden, dass das Leben mit Kindern in Deutschland besser als in Tōkyō ist.

Welche „Kulturschock“-Momente haben Sie in Deutschland erlebt?

In Japan herrscht häufig ein „bayerisches“ Deutschlandbild vor, also Lederhosen tragende Menschen mit Bier in der Hand. Doch in Berlin oder in Rostock, der Heimatstadt meines Mannes, läuft niemand so herum. Es gibt vieles in Deutschland, was man einfach nicht mit einem Wort beschreiben kann. Des Weiteren, und das scheint wohl eine Eigenart der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zu sein, gibt es die Tendenz, die eigene Meinung oder Kritik durch Ironie auszudrücken. Am Anfang habe ich überhaupt nicht verstanden, was sie eigentlich sagen wollten.

Ostsee Prerow
Das Leben an der Ostsee genießt Eriko Hass sehr.

Sie leben seit 8 Jahren in Deutschland, doch haben Sie als Japanerin auch heute noch Schwierigkeiten?

An was ich mich nicht gewöhnen werde, ist mit Schuhen durchs Haus zu laufen und bis heute tue ich das auch nicht. Außerdem hat mich „Kaltes Essen“ extrem überrascht, denn in Japan ist das Abendessen die Mahlzeit, die am meisten Kraft geben soll. Es ist in Ordnung für mich kalte Gerichte zu essen, aber manchmal möchte ich zumindest abends schon gerne richtig kochen.

Sie sind Touristenführerin in Rostock sowie im Schloss Schwerin für japanische Gäste. Wie sind Sie dazu gekommen?

Es ist in Rostock schwierig, einen Job mit Japanbezug zu finden, besonders im Vergleich zu Düsseldorf. Ich fragte mich, was ich als Rostockerin tun konnte und so begann ich als Touristenführerin zu arbeiten. Vor allem ist es ein Job, den zuvor noch kein Japaner übernommen hatte. Als Touristenführerin muss man viel über Geschichte und Architektur lernen und selbst nach all den Jahren bin ich noch voller Ehrfurcht, wenn ich erfahreneren Kollegen zuhöre. Deshalb muss man immer weiter dazulernen.

schweriner schloss
Im Schloss Schwerin: Mit Eriko Hass deutsche Geschichte entdecken.

Bemerken Sie Unterschiede in der Kindererziehung oder Ehe?

In Deutschland scheint es eine Art „Paarkultur“ zu geben, z.B. wenn mein Mann zu einem Geburtstag eingeladen wird. Ich bin automatisch mit eingeladen, auch wenn ich das Geburtstagskind nicht wirklich kenne. Beim deutschen Bildungssystem kann man Unterschiede besonders gut beobachten. Als meine Tochter in der zweiten Klasse war, führte ich ein Gespräch mit ihr und ihrer Lehrerin, doch ich habe den beiden die meiste Zeit nur zugehört. Die Schüler erzählen von ihren persönlichen Eindrücken und die Lehrer fragen nach ihrer Meinung. Es geht um Selbstreflexion und Überlegungen für die Zukunft. In Japan reden hauptsächlich Eltern und Lehrer miteinander und fragen nicht nach der Meinung der Kinder. Ich finde es sehr gut, wenn diese Form des individuellen Denkens schon früh gefördert wird.

Planen Sie, eines Tages nach Japan zurückzukehren?

Im Moment nicht. Hier kann man wunderbar Kinder großziehen. Die Stadt ist kompakt und es gibt viele schöne Orte für die Kinder zu entdecken, weil es hier viel Natur gibt.


Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe des JAPANDIGEST 2020 und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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