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Yamato kotoba und kango: Ursprünge der japanischen Sprache

Aya Puster
Aya Puster

Der Berg Fuji, in Deutschland oft Fujiyama genannt, heißt eigentlich Fujisan. Yama und san sind beides Lesungen von „Berg“, einmal in yamato kotoba (Urjapanisch) und einmal in kango (Sino-Japanisch). Wie unterscheiden sich die beiden Vokabel-Ursprünge und wann werden sie eingesetzt?

Fujisan Landschaft
© Redsugar / pakutaso

Wussten Sie, dass der langsamste Shinkansen Kodama (Echo) heißt, der schnellere Hikari (Licht) und der schnellste Nozomi (Hoffnung)? Klar, das Licht bewegt sich schneller als das Echo, und die Hoffnung lässt sich gar nicht in Geschwindigkeit messen. Expresszüge in Japan erhielten bisher stets Namen in yamato kotoba (Urjapanisch), erzählt Agawa Sawako, die Namensgeberin des Nozomi. Ihr Vorschlag setzte sich auf der Konferenz für die Namensvergabe des schnellsten Shinkansens gegen kibō (ein kango-Wort, das ebenfalls Hoffnung bedeutet) durch. Viele japanische Expresszüge tragen die Bezeichnungen von Naturerscheinungen oder schnellen Lebewesen als Namen. Denn diese hatten bereits urjapanische Bezeichnungen, bevor die aus China stammenden kango-Wörter Japan erreichten.

Yama oder san: die Nutzung formeller und informeller Sprache

Kaufleute und Immigranten brachten kango mit dem Buddhismus, der Technik und der Literatur vom chinesischen Festland nach Japan. Erst im 5. Jahrhundert etablierte sich hier die chinesische Schrift. Da es zu dieser Zeit keine japanische Schrift gab, musste der junge Staat Japan seine Staatsdokumente in kanbun, einer Art japanisiertem Chinesisch, schreiben lassen.

Zuerst übernahmen die Einwanderer die Schriftführung. Gleichzeitig mussten japanische Hofbeamte, buddhistische Priester und Gelehrte Fachbegriffe, die vorher in Japan unbekannt waren, auf Chinesisch lernen. Ausgeschlossen vom Erlernen dieser offiziellen Lese- und Schreibfähigkeit mit Kanji waren Frauen, denen nur das Erlernen des inzwischen entstandenen japanischen Silbenalphabets Hiragana erlaubt war. So beschränkten sich yamato kotoba auf die Frauen- bzw. Alltagssprache. In einer ironischen Wendung der Geschichte, entwickelte sich dadurch im 10. Jahrhundert hochklassige Literatur von Frauen wie die Geschichte vom Prinzen Genji (Murasaki Shikibu) und das Kopfkissenbuch (Sei Shōnagon), die die von ´ männlichen Autoren in kanbun verfassten Werke überragte.

So wurde schon früh der Grundsatz festgelegt, dass kango zum offiziellen Leben und damit zur äußeren Welt (soto), und yamato kotoba zum Alltagsleben, also der inneren Welt (uchi), gehörten. Als ein Beispiel betrachten wir das Wort „Berg“, das san (sinojapanisch) oder yama (urjapanisch) gelesen wird. Es scheint, dass unnahbare, hohe Berge mit heiligen Glaubensstätten im soto- Bereich den Nachsatz -san tragen, wie der Fuji-san (3.776 m) und der Ontake-san (3.067 m). Nicht allzu hohe Berge nahe Siedlungen, die sich somit im uchi-Bereich befinden, erhalten das Suffix -yama, wie der Tengu-yama (532,5 m) und der Takatori-yama (139 m).

In Japan erinnert man sich sicher auch an das Volksmärchen Kachikachi-yama (Knister-Knister-Berg), in dem ein böswilliger Marderhund von einem gutherzigen Hasen für seine Freveltaten bestraft wird. Sobald Gefühle eine große Rolle spielen, werden gern yamato kotoba benuzt. Alte Märchen, Kinderreime und Kurzgedichte wie Haiku und Waka werden mit urjapanischen Wörtern verfasst. Von der Meiji- bis zur Shōwa-Zeit griffen die sogenannten monbushō shōka, eine Auswahl vom Kultusministerium designierter Lieder und Militärlieder, oft kango auf. Ein Zeichen dafür, dass die Meiji-Restauration eine Kopfsache war, die wenig mit dem japanischen Herz verbunden war. Seit der Meiji-Ära werden nicht nur Lehnwörter aus dem Chinesischen, sondern auch neu erschaffene Übersetzungswörter aus westlichen Sprachen zu den kango gezählt.

Was bedeutet dieses etwas angespannte Verhältnis zwischen yamato kotoba und kango für die Alltagssprache? Wagen wir einen Vergleich und nehmen wir uns einen Satz vor, einmal mit yamato kotoba, einmal mit kango geschrieben:

Kinō min‘na de gohan o tabemashita.” (yamato kotoba)

Sakujitsu zen’in de shokuji o shimashita.” (kango)

Beide Sätze können mit „Wir haben gestern alle zusammen gegessen“ übersetzt werden. Der zweite Satz klingt jedoch viel formeller als der erste, weil alle Substantive kango-Wörter sind.

 Yamato kotobaKango
gesternkinōsakujitsu
allemin’nazen’in
gegessentabemashitashokuji shimashita

Japaner wählen je nach Situation eine der beiden Varianten. Für Japanischlernende bedeutet dies allerdings, dass sie nicht nur die Wörter doppelt in Rein- und in Sino-Japanisch lernen müssen, sondern auch zwei oder mehr Lesungen der Kanji (on-yomi ist die sino-japanische Lesung, kun-yomi ist die rein-japanische). Das klingt reichlich anstrengend, nicht wahr?

Verständlichkeit und Abstraktion

Für den Literaturkritiker Fukuda Tsuneari war ein Vorteil von kango deren allgemeine Verständlichkeit. Als Beispiel nennt er dafür die Kommunikation unter Samurai aus verschiedenen Regionen Japans. Während deren Pflichtreisen zum Shōgun konnten sie sich untereinander, trotz verschiedenster Dialekte, mit Hilfe von kango verständigen. Laut Fukuda sollen kango in Japan bis zur Meiji-Zeit die Rolle des Lateinischen im europäischen Mittelalter übernommen haben. Außerdem bieten kango, so Fukuda, die Möglichkeit, abstrakte Wörter zu kreieren. Ganz im Gegensatz zu den yamato kotoba, welche auf dem natürlichen und realistischen Niveau bleiben.

Derselben Meinung war auch der deutsche Missionar Carl Munzinger, der um 1880 in Japan verweilte. Erschrieb: „[Der Japaner] denkt mit seinen fünf Sinnen, und der Ausdruck dieses Denkens, das ist die Sprache, steht unmittelbar auf dem Grunde der Wahrnehmung.“ Der dritte Vorteil, den Fukuda nennt, ist die Ausdrucksstärke von kompakten sino-japanischen Wörtern. Auf einen Blick vermitteln die verwendeten Kanji die grobe Bedeutung des Wortes. Die Mischung von kango mit den Silbenalphabeten mache die Texte viel leserlicher, fügt er hinzu. Recht hat er, denn frühere Wörter des Altjapanischen waren tatsächlich sehr lang und umständlich.

 altjapanische yamato kotobaheutige kango
Politikmatsurigotoseiji
Ministerōkimaetsukimidaijin
Generalikusanokimishōgun
Bauerōmitakaranōmin

 

Der folgende Satz bedeutet „Bedürftigen Bauern wurden Reispflanzen gegeben.“ Vergleichen Sie doch einmal die Länge des Satzes, in yamato kotoba und in kango verfasst.

Amenoshita no ōmitakara no madoshikushite semareru mono ni ine tamarawashimu.” (yamato kotoba)

Kunijū no konkyūshita nōmin ni ine o shikyūshita.“ (kango)

Kango als Modeerscheinung?

Vor einigen Jahren wurden Kanji-ähnliche Zeichen an fast 2.000 Jahre alten Ruinen gefunden. Es gibt jedoch keine Anzeichen dafür, dass die damaligen Anwohner dort Kanji und Chinesisch verstanden hätten. Daher vermutet der Sinologe Kato Toru, dass Kanji damals eher für die modische Ausdrucksweise benutzt wurden. Vom Mittelalter bis zur Meiji-Ära versuchten manche japanische Beamte, Samurai und Gebildete aus Sehnsucht nach chinesischer Literatur, selbst in kango/kanbun Tagebücher oder
Gedichte zu schreiben. Genauso wie Anglizismen verstaubte Begriffe flotter und „cooler“ machen, haben die von der Weltsprache Chinesisch abgeleiteten kango als Spracherscheinung die Japaner vor vielen hundert Jahren wohl tief beeindruckt.


Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe des JAPANDIGEST 2019 und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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