Wer sich die Doku anschaut, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit überrascht sein. Hier werden gleich mehrere Themen angesprochen, die man gewöhnlich für unvereinbar mit Japan hält: Kriminalität, Drogen- und Medikamentenmissbrauch sowie eine spürbare Unsicherheit im öffentlichen Raum.
Wie entstand das Phänomen der Tōyoko-Kids?
Tōyoko ist ein Kofferwort: Es setzt sich zusammen aus Tōho (dem bekannten Tōho-Kinogebäude) und yoko (japanisch für „neben“). Es bezeichnet die Gegend unmittelbar neben dem 2015 eröffneten Tōho-Cinema-Komplex im Herzen des seit Jahrzehnten berüchtigten Rotlicht- und Amüsierviertels Kabukichō.
Etwa ab Ende der 2010er-Jahre entwickelte sich die Gegend zu einem Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene. Über soziale Medien wie TikTok wurde der Ort zunehmend bekannt. Besonders während der Corona-Pandemie versammelten sich dort immer mehr Jugendliche, die zu Hause oder in der Schule keinen sicheren Rückzugsort fanden. Darunter waren auch Ausreißer und Schutzsuchende aus verschiedenen Teilen Japans. Zugleich gerieten manche von ihnen ins Visier von Erwachsenen, die ihre schwierige Situation ausnutzten. Seit 2022 wurde das Areal wiederholt mit Zäunen abgesperrt. Das Problem verschwand dadurch jedoch nicht – Jugendliche verlagerten ihre Treffpunkte teilweise in die umliegenden Straßen und an weniger einsehbare Orte.
Medikamentenmissbrauch und Kriminalität
Mit dem Zulauf verschärften sich die Probleme: Müll, sexuelle Ausbeutung, darunter auch Fälle mit minderjährigen Betroffenen, und vor allem ein zunehmender Medikamentenmissbrauch. Besonders problematisch ist die sogenannte „Overdose“ (OD), also die Überdosierung rezeptfreier Medikamente. Manche Jugendliche nehmen Husten- und Erkältungsmittel in gefährlich hohen Mengen ein. Um dem entgegenzuwirken, wurden die Verkaufsregeln für bestimmte rezeptfreie Medikamente im Mai 2026 verschärft. Apotheken und Drogerien müssen beim Verkauf solcher Präparate unter anderem prüfen, ob bereits ähnliche Medikamente gekauft wurden.
Besonders tragisch: Die Dokumentation berichtet auch von Suiziden im Umfeld der Jugendlichen. Im Oktober 2025 starb zudem ein erst 14-jähriges Mädchen nach einem Sturz von einem Gebäude in Kabukichō. Die Polizei untersuchte die genauen Umstände des Todesfalls. Die Situation ist in Kabukichō besonders kompliziert, denn hier befinden sich die Jugendlichen mitten im ohnehin schon halbseidenen Milieu: umgeben von sogenannten „Soaplands“, Einrichtungen der Sexindustrie, Host Clubs, von denen einige wegen ausbeuterischer oder illegaler Geschäftspraktiken in die Kritik geraten sind, und anderen Auswüchsen des berüchtigten Nachtlebens.
Kein auf Tokio beschränktes Problem
Ist dieses Phänomen neu? Nicht wirklich. Ähnliche Orte gab und gibt es nicht nur in Tokio. Was in der Hauptstadt die Tōyoko-Kids sind, sind in Osaka die Gurishita-Kids (unterhalb der berühmten Glico-Leuchtreklame), in Nagoya die Don’yoko-Kids (neben einer Don-Quijote-Filiale) oder die Jugendtreffpunkte im Kego-Park (Kego-Kaiwai) in Fukuoka. Der ursprüngliche Treffpunkt der Don’yoko-Kids in Nagoya wurde bereits 2022 wegen eines Bauprojekts geschlossen. Dass solche Orte Kriminelle anziehen können, die die Hilflosigkeit der Betroffenen ausnutzen, ist die Schattenseite dieses Phänomens.
Mehr Sozialarbeit statt bloßer Verdrängung?
Oft versuchen Kommunen und Polizei, diese Plätze durch Absperrungen und Kontrollen unattraktiv zu machen. Das Grundproblem löst dies jedoch nicht: Viele Jugendliche fliehen vor häuslicher Gewalt, familiären Konflikten oder Überforderung. Sie brauchen geschützte Räume. Inzwischen gibt es öffentliche Beratungsangebote und Hilfsinitiativen, darunter die 2024 von der Präfekturverwaltung Tokio eingerichtete Anlaufstelle „Kimimamo“ in Kabukichō. Sie bietet jungen Menschen einen sicheren Aufenthaltsort, Beratung und Unterstützung. Auch gemeinnützige Organisationen bemühen sich um den Kontakt zu den Betroffenen.
Die Kommunen sind gut beraten, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Internationale Beispiele – vom Berliner Kottbusser Tor bis zum Frankfurter Bahnhofsviertel – zeigen, wie komplex soziale Probleme im öffentlichen Raum sein können. Die Erfahrungen aus Zürich wiederum verdeutlichen, dass ein Zusammenspiel von Prävention, Sozialarbeit, medizinischer Unterstützung und staatlicher Regulierung mehr bewirken kann als reine Repression. Auch in Japan dürfte es langfristig weniger darum gehen, die Jugendlichen aus dem Stadtbild zu verdrängen, als ihnen eine echte Perspektive zu bieten.
Die ARTE-Dokumentation „Japan: Toyoko Kids“ ist nach Angaben des Senders bis zum 24. Juni 2029 in der Mediathek verfügbar.





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