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Yamaga: Die Stadt der goldenen Papierlaternen

Marie-Louise Helling
Marie-Louise Helling

Filigrane Papierkunst, einladende Badehäuser im traditionell japanischen Stil und hunderte leuchtende Laternen als Kopfschmuck für tanzende Frauen: Die zwischen Reis- und Melonenfeldern gelegene Stadt Yamaga regt im Sommer zum Mittanzen an und überrascht das ganze Jahr über mit ihrer reichen kulturellen Vielfalt.

Tänzerinnen im Yachizoya-Theater
Das Yachiyoza-Theater: Neben Kabuki wird hier auch Yamagas festlicher Tanz, der Yamaga Toro Odori, aufgeführt. © Takumi Tsunoda

Die Stadt Yamaga befindet sich mitten in der Präfektur Kumamoto, direkt am Buzen Highway, der Nord- und Süd-Kyūshū verbindet. Dank der guten Lage am Hauptverkehrspunkt erblühte Yamaga während der Edo-Zeit (1603-1868) zur lebhaften Poststadt. Zudem machten sich große Berühmtheiten, wie die Feudalherren von Kumamoto oder der geschichtsträchtige Schwertkämpfer Miyamoto Musashi auf die Reise, um das basische, samtige Badewasser der Onsen (Thermalbäder) zu genießen. Gelegen in der Kikuchi-Flussebene, wo der reichhaltige Boden die perfekten Voraussetzungen für Landwirtschaft bietet, erfreuen sich die Einheimischen nach wie vor an den hohen Einnahmen durch den Verkauf qualitativen Reises. Heute ziehen das kulturelle Erbe und das heilsame Quellwasser der Stadt vor allem viele japanische Reisende in den kleinen, nur mit dem Auto oder mit einem der wenigen Busse erreichbaren Ort.

Das altehrwürdige Sakura-yu Badehaus

Besonders auffallend im historischen Stadtzentrum von Yamaga ist ein hölzernes Gebäude von beeindruckenden Ausmaßen. Das Sakura-yu Badehaus gehört zu den größten Holzbadehäusern Japans. Seine Gründung reicht fast 400 Jahre zurück, als der Feudalherr Hosokawa Tadatoshi aus Freude an dem wunderbaren heißen Quellwasser ein ochaya („Ferienhaus“) bauen ließ. 1870 wurde es mit viel Mühe renoviert. Den Bau des steinernen Badebereichs leitete 1898 der berühmte Architekt Sakamoto Matahachiro, der auch das bekannte Dōgo Onsen in Matsuyama (Präfektur Ehime) auf Shikoku entwarf. Nach der Fertigstellung nutzte die Öffentlichkeit das Badehaus ausgiebig und es entwickelte sich zu einem Statussymbol von Yamaga.

Bis in die Meiji-Zeit (1868-1912) gab es drei Badeklassen: „Matsu-no-yu“, „Momiji-yu“ und schließlich „Sakura-yu“, welche für normale Bürger zugänglich war, daher rührt der Name des Onsens. Nachdem es 1973 zerstört worden war, wurde es erst 2012 in Anlehnung an das Design einer Papierlaterne aus dem Jahr 1974 mit vereinten Kräften der Einheimischen renoviert und besticht nun mit seinem liebevoll neu gedeckten karahafu („Chinesischer Spitzgiebel“). Es kann durch zwei Eingänge betreten werden, doch interessanterweise hat der Nordeingang nur am Wochenende geöffnet. Pro Minute fließen 500 bis 600 Liter neues Wasser in das Becken und original erhaltene Retroposter schmücken die Wand im Badebereich. Für nur 350 Yen (ca. 2 Euro) kann jeder das weiche Wasser genießen. Das Sakura-yu galt früher wie heute als wichtiger Treffpunkt der Einwohner:innen.

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Sakura-yu Onsen mit Skulpturen im Vordergrund
Das Sakura-yu Onsen: Das heilsame Wasser im traditionellen Badehaus macht die Haut weich und samtig. © Marie-Louise Helling

Das prachtvolle Yachiyoza-Theater

Nicht weit vom Sakura-yu Onsen befindet sich das Kabuki-Theater von Yamaga, eines der sechs ältesten Theater seiner Art. 1911 eröffnet und in den folgenden Jahren auch als Kino für Stummfilme benutzt, erfreute es sich wachsender Beliebtheit. Über die Kriegsjahre verfiel das Theater jedoch und wurde erst 2001 wieder renoviert. Wie früher sitzt das Publikum auf Tatami-Matten, die ein wenig schräg konstruiert sind, damit jeder die Bühne sehen kann. Bemerkenswert sind die ausladenden Malereien an der Decke des Theaters. Falls Sie sich für den Bühnenbereich interessieren, sollten Sie eine Tour oder eine Veranstaltung buchen, um diesen ebenfalls zu besichtigen.

Yachizoya-Theater
Das ehrwürdige Yachiyoza-Theater beeindruckt mit prachtvollem Innendekor. © Takumi Tsunoda

Die Laternen von Yamaga 

Einzigartig für Yamaga ist die Papierhandwerkskunst, deren schönste Exemplare im Yamaga Lantern Museum bewundert werden können. Dieses befindet sich in der 1926 gebauten alten Bank der Stadt und kostet nur 210 Yen (ca. 1,50 Euro) Eintritt. Außerdem können Besucher:innen eine kleine Papierlaterne für 3.000 Yen (ca. 25 Euro) selbst herstellen.

Doch wo finden sich die Anfänge dieser filigranen Handwerkskunst? Erzählungen zufolge verirrte sich vor langer Zeit der legendäre 12. japanische Kaiser Keikō im Nebel, als er nach Yamaga reisen wollte. In Sorge um den verschwundenen Kaiser entzündeten die Dorfbewohner:innen Fackeln, die ihm letztlich den richtigen Weg wiesen. Später widmeten sie dem ihm den Ōmiya-Schrein, wo jedes Jahr Mitte August Fackeln entzündet wurden. Während der Muromachi-Zeit (1336–1573) ersetzten Kunsthandwerkende sie durch Papierlaternen. Jedoch führte die Konkurrenz zwischen den Laternenherstellern zu immer komplizierteren Formen und entwickelten sich bis hin zu feinsten Reproduktionen berühmter Schreine, Schlösser und Tempel. Um nur eine Laterne herzustellen, benötigt man viele Monate Zeit, Geschick, japanisches washi („Papier“), allerdings nur wenig Klebstoff. Die Lehrlinge lernen die Geheimnisse der Herstellung in einer speziellen Ausbildung, die zehn Jahre dauert.

Jeden April nehmen die Laternenkünstler:innen an einem Reinigungsritual im Ōmiya-Schrein teil und beginnen dann mit der Herstellung einer Laterne. Erst am Vorabend des Yamaga Toro Matsuri („Laternenfest“) werden die Kunstwerke der Öffentlichkeit präsentiert.

Papier-Reproduktion des Shizuoka Sengen Schreins im Yamaga Lantern Craft Museum
Eine Reproduktion des Shizuoka Sengen Schreins als Papierlaterne im Yamaga Lantern Museum. © Takumi Tsunoda

Das leuchtende Yamaga Toro Matsuri

Jedes Jahr am 15. und 16. August in den Abendstunden feiert die Stadt das Yamaga Toro Matsuri. Der Höhepunkt ist der Sennin Toro Odori: In Erinnerung an den Kaiser Keikō tanzen hunderte Frauen im Kreis, gekleidet in rosa Yukata mit einer Laterne auf dem Kopf. Heute zählt das Festival zu den wichtigsten in der Präfektur Kumamoto und zieht Besucher:innen aus ganz Japan und darüber hinaus an. Die goldenen und silbernen Laternen, die die Köpfe der Tänzerinnen zieren, werden jedes Jahr aufs Neue von den Laternenmeistern angefertigt. Die Herstellung einer 50 g schweren Laterne dauert drei Tage! Symbolisch stehen sie für Wohlstand, Licht in der Dunkelheit und Hoffnung auf eine gesegnete Zukunft. Das Fest bietet eine Kombination aus visueller Pracht, traditionellen Einblicken in die Kultur und kulinarischen Köstlichkeiten. Ein unvergesslich leuchtendes Erlebnis!

Festliche Papierlaternen der Stadt Yamaga
Papierlaternen: Für das Yamaga Toro Matsuri werden hunderte Papierlaternen hergestellt. © Takumi Tsunoda

Anfahrt 

Yamaga liegt ca. 28 km nördlich von der Stadt Kumamoto. Es fahren keine Züge nach Yamaga. Am besten erreicht man die Stadt mit dem Expressbus von Kumamoto, die Fahrt dauert ca. 1 Stunde. Alternativ braucht man mit dem Auto ca. 40 Minuten. 

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