Mit Ume in den Frühling und durchs Jahr

Alena Eckelmann
Alena Eckelmann

Die Blüten der Japanischen Pflaume faszinieren und die Früchte sind ein Genuss, ob als saure Umeboshi oder als erfrischender Umeshu. Für die Obstbauern im Dorf Ishigami nahe der Stadt Tanabe ist die Bewirtschaftung der Ume-Plantagen jedoch schon seit Jahrhunderten harte Arbeit.

Ume in Ishigami
Die Pflaumenblüte in Ishigami, wo man sogar bis zum Meer schauen kann. © Alena Eckelmann

Ein Ozean von weißen und rosa Blüten läutet in einigen Regionen Japans bereits im Februar den Beginn des Frühlings ein. Das sind keine super-zeitigen Kirschblüten, sondern dort blüht Ume (梅, Prunus Mume), die Japanische Pflaume, oder wahlweise auch als Japanische Aprikose bezeichnet.

Jetzt ist die Zeit für das erste Picknick des Jahres! Man kann schon mal unter der Blütenpracht sitzend probeweise seine Bento-Box essen und vielleicht auch etwas trinken. Man übt quasi für das Hanami (花見), das „Blüten betrachten“, was sich jetzt normalerweise auf Sakura (桜), die Kirschblüte, einen Monat später bezieht.

Ume-Udon
Zur Ume-Saison gibt es natürlich auch Ume-Udon und oben drauf noch eine saure Umeboshi. © Alena Eckelmann
Umeboshi Fabrik
Umeboshi werden in der Nakata Foods Fabrik in der Stadt Tanabe verpackt. © Alena Eckelmann

Eine Pflaume als Muse

Der Ume-Baum kam ursprünglich aus China. Er wurde im 8. Jahrhundert in Japan eingeführt und das Hanami fand unter Pflaumenblüten statt, die damals beliebter als die Kirschblüten waren. Die Blüten inspirierten den japanischen Adel, der sie in Poesie und Kunst verewigte. Es gibt zum Beispiel über 100 Gedichte über Ume im Manyōshū, der „Sammlung von Zehntausend Blättern“, Japans ältester Gedichtsammlung.

Während die Pflaumenblüten den künstlerischen Geist der Menschen eroberten, haben die Früchte es in ihren Bauch geschafft. Die Ume wird seit Jahrhunderten  in der japanischen Küche und auch in der Volksmedizin wegen ihrer nahrhaften und heilenden Eigenschaften verwendet. Am häufigsten wird sie zu Umeboshi (in Salz eingelegte Ume-Früchte) und Umeshu (Ume-Schnaps) verarbeitet. Auf japanische Weise beginnt der Tag mit Umeboshi als Teil eines gesunden traditionellen Frühstücks und er endet mit einem Schluck Umeshu vor dem Abendbrot.

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Umeboshi
Wie sauer und salzig kann man die Umeboshi vertragen? Eine Probierstation bei Nakata Foods in Tanabe, wo man den Level von Sauer und Salzig in der Beschreibung sehen kann. © Alena Eckelmann

Nr. 1 Ume-Hanami Spot in Kansai

Im Februar blühen die Pflaumenbäume auch in den Obstplantagen im kleinen Dorf Ishigami, das versteckt zwischen den Bergen in der Nähe der Stadt Tanabe im Südwesten der Kii-Halbinsel (Präfektur Wakayama) liegt. Die meisten Dorfbewohner der insgesamt 30 Haushalte sind Ume-Bauern: Ihr Leben spielt sich rund um die Ume auf den Obstplantagen ab.

Mehr als 300.000 Pflaumenbäume bedecken hier die dem Pazifischen Ozean zugewandten Hügel. Die Plantagen erstrecken sich sogar vom Dorf bis zum Meeresrand. Wenn die Pflaumenbäume in voller Blüte stehen, ist das ein atemberaubender Anblick. Zu dieser Jahreszeit verschlägt es viele Besucher aus den Städten Kansais nach Ishigami, die die wunderschöne Blütenpracht zusammen mit den Einheimischen bestaunen wollen. Jetzt können auch die Obstbauern noch etwas Muße tun, bevor es dann richtig mit der Arbeit losgeht.

Ishigami
Herr Ishigami und ich auf der Ishigami Ume-Plantage in Februar.

Die Obstbauern im Jahreskreis

Herr Ishigami, der den gleichen Namen wie sein Heimatdorf trägt, ist einer der örtlichen Obstbauern und Leiter des Dorfes Ishigami. Er wird oft dabei angetroffen, wie er Besucher durch die Obstplantagen führt und die Geschichte des Ume-Anbaus in seinem Dorf erklärt.

Die Aktivitäten der Landwirte folgen dem Kreislauf der Jahreszeiten: Der Verschnitt der Bäume erfolgt im Herbst. Im Frühjahr muss das Gras unter den Bäumen gemäht werden. Bei den steilen Hängen ist das alles eine Knochenarbeit. Die noch grünen Ume, ao ume auf Japanisch, werden ab Anfang Juni geerntet. Sie dienen zur Herstellung von Umeshu. Die reifen Früchte dagegen fallen vom Baum und in darunter ausgelegte Netze. Von dort werden sie dann im Sommer aufgelesen und zu Umeboshi verarbeitet.

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Ume-Plantage
Jetzt sind die blauen Netze noch aufgerollt, aber vor der Ernte werden sie unter den Bäumen ausgebreitet. Sie fangen die reifen Ume auf. © Alena Eckelmann

Herr Ishigami erklärt, dass die Benutzung von Netzen bei der Ernte an steilen Hängen Teil des traditionellen Wissens über den Anbau von Ume in dieser Region ist, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Die Bauern waschen die aufgelesenen, reifen Ume, legen sie in Salz ein und lassen sie im hellen Sonnenlicht trocknen, bevor sie in Fässer abgefüllt werden. Diese traditionelle Art des Einlegens der Ume heißt shiraboshiume und ist bis heute die Hauptverarbeitungsmethode.

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Die Obstplantagen, die Patchwork-Parzellen gleichen, gehören den 30 Familien. Die Größe jeder Plantage entspricht der Fähigkeit der Familie, die Arbeitsbelastung über das Jahr hinweg familienintern zu bewältigen. Nur in der Erntezeit im Juni werden zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt.

Ume-Bäume
Ume-Blüten gibt es in verschiedenen Farben: Rot, Rosa, Weiß und Gelb. © Alena Eckelmann

Vom Satoyama zum GIAHS Dorf

Der Anbau von Ume hat in Ishigami eine 400-jährige Tradition. Zu Beginn der japanischen Edo-Zeit (1603-1868) suchte der lokale Daimyō (mächtige Lehnsherren) des Kishu-Tokugawa-Clans nach Wegen, um die Hanglagen zu nutzen. Diese waren nicht für den Reisanbau oder eine andere landwirtschaftliche Nutzung geeignet. Er führte daher den Anbau von Ume und auch von Mikan (Satsuma-Mandarinen) ein.

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Im Laufe der Jahrhunderte haben die Obstbauern von Tanabe ihr Wissen und Können kontinuierlich ausgebaut und sich das Ökosystem vor ihrer Haustür zu Nutzen gemacht. Das Dorf Ishigami ist ein Paradebeispiel für ein sog. Satoyama (里山, „Dorf“ und „Berg“). Ein Satoyama ist die Grenzzone zwischen Dorf und Berg. Es ist ein Streifen mit Mischwald und Grasland zwischen den hügeligen Ausläufern der Berge und dem für Ackerbau genutzten Flachland. Diese besondere Umgebung, ihre Umweltbedingungen und ihr Mikroklima waren entscheidend für den erfolgreichen Anbau der Früchte.

Ume-Plantage
Terrassenförmig angelegte Obstplantagen in Tanabe. © Alena Eckelmann

Die Obstplantagen sind nach Süden in Richtung Meer ausgerichtet, das sorgt für viel Sonnenschein und milde Temperaturen. Die umliegenden Hügel schützen sie jedoch vor kalten Winden und starkem Regen. Der Niederwald auf dem Kamm der Hügel und rund um die Obstplantagen bietet nicht nur Schutz, sondern auch Wasser und Dünger für die Ume-Bäume. Die Ume-Obstplantagen und die Flora und Fauna um sie herum unterstützen sich gegenseitig in einem komplizierten Spiel der Natur.

2016 wurden die Obstplantagen von Ishigami von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen als GIAHS („Global wichtiges Agrarkulturerbe-System“) registriert. Momentan gibt es in Japan 11 GIAHS.

Ein Umeshu-Weltrekord

Die Einheimischen lieben ihren Pflaumenschnaps so sehr, dass sie 2014 die „Umeshu Kampai-Verordnung“ erlassen haben. Sie regelt, dass der erste Toast bei offiziellen Veranstaltungen in der Stadt Tanabe mit Umeshu gemacht werden muss. Diese Verordnung hat prompt ein „Toast-Event“ am Ogigahama-Strand von Tanabe inspiriert. Dabei hat eine versammelte Menge von fast 900 Menschen mit Umeshu und einem lauten „Kampai!“ angestoßen. Auf was genau angestoßen wurde ist bereits in Vergessenheit geraten, aber vielleicht war es auf die Gesundheit? Auf jeden Fall wurde das Ereignis damals als Weltrekord in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen.

Inspiration hat wohl das Sprichwort “Eine Ume am Tag hält den Arzt fern” geliefert. Ob sauer-salzig und fest, oder süffig-süß und flüssig steht uns schließlich zur freien Auswahl!

Umeshu
Im Ausstellungsraum von Nakata Foods kann man einige Umeshu Sorten probieren. Bitte mit Taxi kommen! © Alena Eckelmann
Umeshu
Ein Umeshu auf Eis ist ein erfrischendes Getränk. © Alena Eckelmann

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