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Spielekritik: Pokémon Karmesin und Pokémon Purpur

Manuel Piwko
Manuel Piwko

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr erhält man als Spieler:in die Möglichkeit, in die Welt der Pokémon abzutauchen. Genauso wie das Anfang 2022 erschienene Vorgängerspiel „Pokémon Legenden: Arceus“ schlagen die beiden aktuellen Editionen neue Wege ein - ob das funktioniert, haben wir uns angeschaut.

Hauptcharakter im Pokémon Spiel Scarlet hält einen Pokéball
© The Pokémon Company International

In „Pokémon Karmesin und Purpur“ schlüpft man in die Rolle eines neu zugezogenen Hauptcharakters, der sich an der berühmten Akademie einschreibt, um dort zu lernen und die fiktive Paldea-Region zu entdecken. Die Akademie befindet sich in der Hauptstadt Mesolana City, welche nicht nur geografischer Mittelpunkt ist, sondern auch Dreh- und Angelpunkt für die verschiedenen Geschichten, die man im Spiel erleben kann. Als Schülerin oder Schüler der Akademie verfolgt man das Ziel möglichst viele Pokémon zu fangen sowie „den eigenen Schatz zu finden“ – also das, was einen im Leben eines Pokémon-Trainers antreibt. Für den Spielverlauf bedeutet es, dass man sich drei unterschiedlichen Abenteuergeschichten widmet und damit deutlich mehr spielerische Varianz erhält.

Alle guten Geschichten sind drei

„Der Weg des Champs“ ist der altbekannte, klassische Pfad, der sich in über 25 Jahren der Pokémon-Serie bewährt hat. Man bekämpft die verschiedenen Arenaleiter, um sich acht Arenaorden zu verdienen, mit denen man sich für den Kampf um den Titel des Pokémon -Champs qualifiziert. „Pokémon Karmesin und Purpur“ setzen allerdings auf neue Ideen, um das verstaubte Spielprinzip aufzuwerten. In der „Straße der Sterne“ gilt es, die Verstecke der kriminellen Bande Team Star zu finden, innerhalb eines großzügigen Zeitlimits dreißig Pokémon zu bekämpfen und danach gegen den Boss anzutreten. Im „Pfad der Legenden“ macht man sich auf die Suche nach legendären Geheimgewürzen und trifft im Zuge dessen auf mächtige Herrscher-Pokémon. Nach einem Sieg über diese besonderen Pokémon erhält man dann eine neue Fähigkeit für die beiden neuen Legendären Pokémon Miraidon und Koraidon, welche im Spiel als schnelles Fortbewegungsmittel dienen.

Welchen Pfad man wählt, ist einem selbst überlassen. Man kann sich allen widmen oder auch nur auf eine Geschichte konzentrieren – in jedem Fall muss man allerdings die Paldea-Region erkunden.

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Traumhaft offene Spielwelt, langweilig inszeniert

Die Pokémon-Editionen sind dafür bekannt, dass sie sich für ihre Landschaften reale Vorbilder als Inspiration nehmen, um daraus eine eigene, interessante Welt zu formen. In „Pokémon Karmesin und Purpur“ ist es höchstwahrscheinlich die iberische Halbinsel, zu der Spanien, Portugal und Andorra gehören. Die Architektur der Akademie erinnert zum Beispiel an die unverkennbare Baukunst der Sagrada Familia in Barcelona. Keine schlechte Vorlage, um den Spieler:innen zum ersten Mal in der Geschichte der Pokémon-Hauptreihe eine offene, frei zugängliche Spielwelt zu präsentieren.

Gebäude der Pokémon-Akademie in Mesolana City
Das imposante Gebäude der Akademie in der Hauptstadt Mesolana City. © The Pokémon Company International

Auf dem Papier hört sich die größte Neuerung einer „Open World“ von „Pokémon Karmesin und Purpur“ an wie der wahr gewordene Traum aller Pokémon-Fans, die die Spielereihe seit vielen Jahren kennen und lieben. Der lineare Spielverlauf der vorherigen Spiele gehört der Vergangenheit an und ist damit eine erfrischende Abwechslung zum starren, vorgegebenen Weg der Vorgängerversionen. In der Theorie kann man von Anfang an jeden Ort besuchen, die Arenaleiter in beliebiger Reihenfolge herausfordern oder die Welt nach Lust und Laune erkunden. Allerdings bekommt man immer wieder Grenzen aufgezeigt, denn es kann vorkommen, dass man in einem Bereich gerät, in dem die Pokémon viel zu stark sind. Eine sinnvolle Neuerung, welche das Erleben der Spielwelt immer interessant gestaltet und dabei den Erkundungsdrang nicht im Keim erstickt, sondern ermuntert, zurückzukehren, sobald man stark genug ist.

Mehr Balance wünschenswert

Diese Freiheit hat allerdings auch ihre Tücken, denn wie in den Vorgängertiteln haben die Arenaleiter ihre festeingestellten Level und passen sich nicht dynamisch an die Fähigkeiten des Hauptcharakters an. Dabei entsteht ein spürbares Ungleichgewicht: Bei Kämpfen gegen stärkere Arenaleiter motiviert die erhöhte Schwierigkeit, im Gegensatz dazu sind Kämpfe gegen schwächere Arenaleiter viel zu einfach. Hier wäre eine bessere Balance wünschenswert gewesen, um die Arenaleiter-Duelle herausfordernder zu gestalten.

Die „Open World“ hat einen außerdem großen Nachteil: Sie fühlt sich nicht lebendig an. Eine gute Spielwelt lebt davon, dass man sie erkunden will, immer wieder etwas Neues entdeckt und dafür belohnt wird. Außerdem muss man das Gefühl haben, dass man Teil einer lebendigen Welt ist – und die Paldea-Region ist das beste Beispiel dafür, wie man eine offene Spielwelt besser nicht gestalten sollte. Von den grafischen Limitierungen abgesehen, bestehen die meisten Areale aus großen, kargen Gebieten, auf denen vereinzelt Pokémon herumlaufen oder Trainer in der Gegend herumstehen und darauf warten, angesprochen zu werden, um einen Pokémon-Kampf zu beginnen. Auch gibt es Stadtgebiete, die zu großen Teilen nur als Kulisse wirken und keinen Mehrwert haben, geschweige denn dem Spiel Leben einhauchen. Die offene Spielwelt ist mehr Schein als Sein – und die grafischen Probleme machen das Ganze nicht besser.

Pokémon-Hauptfigur in grüner Landschaft mit Haus im Spiel "Karmesin / Purpur"
So detailliert ist es selten – meistens bekommt man karge Landschaften geboten. © The Pokémon Company International

Ein technisches Debakel…

Die Spiele der Pokémon-Reihe waren grafisch noch nie auf dem aktuellen Stand der Technik, doch waren sie gut programmiert und wiesen kaum bis gar keine Fehler auf. Doch was man nun in „Pokémon Karmesin und Purpur“ bekommt, kann man fast als technische Katastrophe bezeichnen. Grafikfehler, plötzliche Spielabbrüche, eingefrorene Spielsequenzen und eine Framerate, die einen flüssigen Spielablauf fast jederzeit vermissen lässt, sind nur ein paar der Probleme, die man bereits in den ersten Spielstunden erwarten darf. Auch der Multiplayer-Modus läuft alles andere als flüssig, über das Internet kam es während des Spielens immer wieder zu Verbindungsabbrüchen, der lokale Modus schien stabiler zu sein. Diese Fehler zerstören die Illusion, da sie schwer zu ignorieren sind und so den Spaß beim Spielen deutlich mindern. In diesem Zustand hätte das Spiel nicht veröffentlicht werden dürfen. Nintendo ist sich dieser Problematik wohl ebenfalls bewusst, denn Berichten zufolge ist Käufern von Pokémon Karmesin und Purpur eine Rückerstattung der Spiele gewährt worden* – auch wenn die Nintendo-Richtlinien für digitale Käufe eine solche Erstattung eigentlich nicht erlauben.

…dafür ein spielerisches Spektakel

Die technischen Schwierigkeiten sind deshalb so bedauerlich, da in den beiden Editionen durchaus interessante Ideen umgesetzt wurden, welche frischen Wind in die Serie bringen und das Spielerlebnis deutlich bereichern. Dazu gehören Neuerungen, wie zum Beispiel die Möglichkeit, eigene Pokémon mit einem Tastendruck aus dem Pokéball zu entlassen. Diese suchen dann automatisch nach anderen Pokémon in der Nähe und bekämpfen diese, wodurch man nebenbei Erfahrungspunkte sammeln kann. Im bereits erwähnten Multiplayer-Modus hat man nun auch die Möglichkeit, gemeinsam mit bis zu drei weiteren Freunden zu spielen. Am spannendsten sind dabei die sogenannten „Raid-Kämpfe“ mit stärkeren und größeren Pokémon, die man gemeinsam bestreitet und bei Erfolg mit verschiedenen Items belohnt wird.

Tetrakristallisierung eines Pokémon in "Scarlet / Violet"
Die Terakristallisierung bringt Taktik in die Kämpfe. © The Pokémon Company International

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Mit der „Terakristallisierung“ hat ein neues taktisches Spielelement Einzug in das Kampfgeschehen gefunden. Diese Kristallisierung kann man während des Kampfes starten und die eigenen Pokémon werden dadurch nicht nur stärker, sondern wechseln mitunter sogar ihren Typ – was sie im besten Fall weniger anfällig gegenüber effektiven Gegnerattacken macht. Dadurch, dass man diese Verstärkung nur einmal pro Kampf auslösen kann und danach an einem Pokémon Center aufladen muss, ist es eine spannende Ergänzung und ein Alleinstellungsmerkmal von „Pokémon Karmesin und Purpur“. Grundsätzlich kann man sagen, dass das Gameplay gelungen ist, Spaß macht und zumindest teilweise über die technischen Probleme hinwegtrösten kann.

Fazit

Pokémon Karmesin und Purpur könnte das sein, was sich die Fans schon seit Jahren von der Reihe wünschen – wenn es in einem einwandfreien Zustand wäre. Die beiden Editionen sind zwar ein spielerischer Fortschritt, allerdings ein technischer Rückschritt. Die Spielwelt ist lieblos gestaltet und die verschiedenen technischen Probleme ein ständiger Begleiter. Wenn man sich dessen bewusst ist und darüber hinwegsehen kann, erhält man eine vorsichtige Weiterentwicklung des altbewährten Spielprinzips in Form einer offenen Spielwelt mit neuen Ideen und Ansätzen, welche das Spielerlebnis interessanter gestalten.


Pokémon Karmesin und Pokémon Purpur sind bereits erhältlich und für die Nintendo Switch erschienen.

Mehr Infos unter: https://scarletviolet.Pokémon.com/de-de/

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