Katzen, Cafés und Fiktion: Der Boom Japanischer Wohlfühlromane

Zehra Sagra
Zehra Sagra

Wer in letzter Zeit eine Buchhandlung betreten hat, wird es sicher bemerkt haben: Japanische Romane gewinnen immer mehr an Popularität. Mit ihren zierlich-bunt gestalteten Covern, auf denen meist Katzen, romantische Cafés oder kleine Geschäfte in Pastellfarben oder im Mondschein abgebildet sind, ziehen sie internationale LeserInnen geradezu in ihren Bann.

© rai / iStock

Die „Wohlfühlliteratur“ ist ein in Japan populäres Genre unter dem Namen iyashikei (癒し系), was mit „heilsam“ oder „wohltuend“ übersetzt werden kann. LeserInnen finden Gelassenheit und emotionalen Komfort in den Kurzgeschichten, die sich im ruhigen Alltag eines Protagonisten abspielen, mit dem man sich nicht selten identifizieren kann. Durch leise Erzählungen, die von neuen Orten und kleinen, aber zwischenmenschlich bedeutsamen Begegnungen handeln, schaffen sie einen neuen Blickwinkel auf das alltägliche Leben mitsamt seinen kleinen Dingen und Routinen, die man zu schätzen lernt. Merkmale dieser Romane sind ebenso ein langsames Erzähltempo und die Kürze der Handlung, die sich über ca. 150 Seiten erstreckt. Ohne dramatische Wendepunkte oder eine komplizierte Handlung eignen sie sich als entspannte Nachmittagslektüre, die nach einem stressigen Alltag entschleunigen soll.

Basierend auf dem japanischen Mythos, dass Katzen den Menschen, von denen sie gut behandelt wurden, etwas zurückgeben möchten, verzaubert diese Geschichte. © dtv

Gerade in Japan, wo das Leben in Großmetropolen wie Tōkyō von langen Arbeitszeiten und Überstunden geprägt ist, besteht ein starkes Bedürfnis nach Rückzug und Entschleunigung. Deshalb scheint das Genre der Wohlfühlromane, bei denen der Fokus mehr auf einer herzerwärmenden Atmosphäre als auf der Handlung liegt, bei Jung und Alt immer beliebter zu werden. Orte wie Buchhandlungen, Bibliotheken und Cafés, die mit Gemütlichkeit und Harmonie verbunden werden, aber auch Katzen sind übliche Motive, die immer wieder auftauchen. Viele Leserinnen und Leser beschreiben diese Art der Literatur mit Worten wie „eine warme Umarmung“ oder „ein Neubeginn“.

Toshikazu Kawaguchi erzählt vier weitere bewegende Geschichten von Menschen, die in die Vergangenheit reisen möchten, um Geschehnisse, die sie bereuen, wieder gut zu machen und dadurch eine bessere Zukunft zu schaffen. © Knaur MensSana TB

Der Wandel in der Übersetzung japanischer Romane

Im 20. Jahrhundert dominierten die Übersetzungen bekannter japanischer Autoren wie Tanizaki Jun’ichirō, Mishima Yukio und Ōe Kenzaburō den deutschen Markt, da sie für ihre ästhetisch-melancholische Erzählweise geschätzt wurden. Diese von klassischen Stereotypen geprägte Rezeption hing unter anderem mit der intentionalen Verkürzung grotesker und sarkastischer Inhalte der Autoren seitens der Feuilletons zusammen. Somit wurde bewusst der Fokus auf die ästhetisierte Vermittlung eines bestimmten „exotischen“ Japan-Bildes gelegt, bei dem Motive wie Kirschblüten, der Fuji und Kimono Nostalgie und Vergänglichkeit vermitteln und bittersüß-schmerzhafte Erzählungen von Geisha und Samurai das Interesse am „Anderen“ wecken sollten. Einen Wendepunkt setzte im 21. Jahrhundert der international renommierte Autor Murakami Haruki. Seine Werke werden heute in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit gelesen. Dies hängt damit zusammen, dass sich Murakamis einfacher Schreibstil unkompliziert übersetzen lässt und seine universellen Themen von Orientierungslosigkeit, Sehnsucht und Liebe für viele Menschen ungeachtet ihrer Herkunft nachvollziehbar sind. In seinen Geschichten tauchen keine (stereo-)typischen japanischen Merkmale wie Kimono oder Kirschblüten auf, dafür aber zum Beispiel westliche Musik und Marken, weshalb LeserInnen problemlos in die Geschichten eintauchen können, ohne dass ein Gefühl des „Fremden“ entsteht. Anfänglich wurde Murakami für seine als „untypisch japanisch“ gesehenen Romane stark kritisiert, heute zählt er zu den erfolgreichsten japanischen Autoren seiner Generation und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Ursula Gräfe MurakamiDie Meisterübersetzerin: Ursula Gräfe über Murakami HarukiUrsula Gräfe übersetzt zahlreiche literarische Werke aus dem Japanischen ins Deutsche. Ihre Übersetzungen von Murakami Harukis Texten erreic...14.12.2016

Der Einfluss des Murakami-Effekts: Boom in der japanischen Übersetzung

Während die Übersetzung japanischer Literatur im 20. Jahrhundert nur wenig Aufmerksamkeit erhielt, erlebt sie seit den 2000er-Jahren einen regelrechten Boom. Dieses als „Murakami-Effekt“ bezeichnete Phänomen lässt sich deutlich am Anteil der internationalen Übersetzungen ins Deutsche erkennen, bei dem Japanisch mit 16,5 % die zweithäufigste Ausgangssprache ist (Quelle: Deutsche Nationalbibliografie). Schaut man sich die Titel der ins Deutsche übersetzten Romane seit 2024 an, erkennt man deutlich den Trend der japanischen Wohlfühlliteratur. Bücherreihen wie „Bevor der Kaffee kalt wird“, „Bücherliebe in Tokio“ oder „Das Mondscheincafé“ werden mit einem glänzenden Aufkleber auf dem von Katzen und Büchern geprägten Cover als Bestseller-Reihen für „Asian Healing“ vermarktet. Auch für das Jahr 2026 wurden bereits Neuerscheinungen angekündigt, in denen das Genre vertreten ist: Fans können sich auf Titel oder Fortsetzungen von Serien wie „Die Mitternachtsbäckerei“, „Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung“ und „Das kleine Café der magischen Minuten“ freuen.


Für mehr Informationen zur japanischen Literatur auf dem deutschen Markt und zukünftigen Neuerscheinungen lohnt sich ein Besuch auf der Seite Japanliteratur.net: https://japanliteratur.net/

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