„37 Seconds“: Interview mit Drehbuchautorin and Regisseurin HIKARI

Makoto Okajima
Makoto Okajima

Seit dem 31. Januar 2020 ist „37 Seconds" auf Netflix in Europa zu sehen und wurde 2019 auf der Berlinale mit zwei Preisen ausgezeichnet. Mit JAPANDIGEST spricht Regisseurin HIKARI über ihre Leidenschaft für den Film und ihr Leben als Filmemacherin.

Ausschnitt des Films 37 Seconds
©37 Seconds filmpartners

Der Film „37 Seconds” ist der erste Film in Spielfilmlänge von HIKARI, der in der Sektion „Panorama“ der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) gezeigt wurde und zum ersten Mal den Panorama-Publikumspreis sowie den Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai (CICAE) Preis gewonnen hat.

Die Protagonistin Yuma ist 23 Jahre alt und sitzt aufgrund von Zerebralparese in einem Rollstuhl, nachdem sie bei ihrer Geburt 37 Sekunden lang nicht geatmet hat. Ihr Traum ist es, eine Manga-Künstlerin zu werden, doch derzeit arbeitet sie als Ghostwriterin ihrer besten Freundin und lebt zusammen mit einer überbehütenden Mutter. Sie kämpft um Unabhängigkeit, während sie verschiedene Menschen trifft, und schließlich als Frau daran wächst.

Filmausschnitt aus 37 Seconds
©37 Seconds filmpartners

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„Es geht nicht um Behinderte, sondern um meine Geschichte.“

Im Februar 2019 war HIKARI in Berlin, um die Berlinale als eine der geladenen Gäste zu besuchen. Dort wurde sie informiert, dass sie die zwei Awards erhalten hat. Sie sagt: „Ich war total überrascht. Ich hatte das Gefühl, dass sich mein Leben ändern würde. Gleichzeitig war ich sehr glücklich und dankbar, dass jemand den Wert dieses Films verstand.“ Er sollte ursprünglich fünfmal vorgeführt werden, am Ende wurden es neunmal und Tickets waren bei jeder Vorstellung ausverkauft. Während der Q & A-Runden im Anschluss der Vorführungen erhielt HIKARI verschiedene Fragen und Kommentare aus dem Publikum, aber der häufigste Kommentar lautete: „Ich habe mich seelisch darauf vorbereitet, dass es in diesem Film um Behinderung geht, aber eigentlich war es ganz anders.“

HIKARI meint: „Da die Berlinale als gesellschaftliches und politisches Filmfestival sehr bekannt ist und die Protagonistin meines Films eine Behinderte ist, vermutete ich, dass vor der Vorführung das Publikum ein bisschen nervös sein würde. Aber als der Film anfing, lachten alle. Yumas Zerebralparese war nur ein Faktor, und was ich gerne zeigen wollte, waren die Abenteuer und das Heranwachsen einer Frau. Das Publikum hat das verstanden und den Film genossen.“ Während der Vorführung kam es manchmal zu lautem Gelächter, und einige Leute waren zu Tränen gerührt. Yuma versucht, stark zu leben, und das spiegelt sich in den Augen vieler Menschen als ihre eigene Geschichte wider, nicht als eine Person mit einer Behinderung.

Gruppenfoto mit Regisseurin und Darstellern
©37 Seconds filmpartners

Sie tat alles, was sie wollte, dann wurde sie Filmregisseurin

Als HIKARI ein Kind war, hatte sie immer das Gefühl, dass sie sich ausdrücken und jemanden zum Lachen bringen wollte. Sie zog in die USA, als sie 18 Jahre alt war, um Schauspielerin zu werden. Zu dieser Zeit hat sie verschiedene Karrieren – sowohl als Schauspielerin als auch als Fotografin und Musikerin – vorangetrieben. Ihr Leben wandte sich jedoch dem einer Filmregisseurin zu, nachdem ihr Abschlussfilm „Tsuyako“ zu vielen Filmfestivals der Welt eingeladen worden war.

„Tsuyako“ handelt von der Liebe einer lesbischen Frau, die in Japan unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg lebt. Ein italienischer Zuschauer in den Fünfzigern, der den Film auf einem der Festivals sah, sagte zu mir: „Ich werde mich gegenüber meiner Mutter outen (dass ich schwul bin). Vielen Dank.“ HIKARI dachte: „Oh, diese Person hat mehr als 50 Jahre gewartet. Mein Film würde sein Leben verändern… Ich hatte das Gefühl, dass Film das ist, was ich in meinem Leben machen soll.”

Im Jahre 2015 kam HIKARI die Idee zu “37 Seconds”. Mit Kumashino Yoshihiko* besuchte und interviewte sie eine Sexualtherapeutin in den USA. Dort lernte sie, dass Frauen auch mit gelähmtem Unterkörper auf natürliche Weise gebären können. HIKARI war sehr beeindruckt, wie wunderbar der menschliche Körper und das Gehirn sind. Von da an interviewte sie Frauen mit Behinderungen und deren Familien, mietete einen Rollstuhl, um das Leben im Rollstuhl nachzuvollziehen, und erweiterte ihren Horizont.

Realität greift in den Film ein

Ungefähr drei Jahre später begegnete HIKARI schließlich Kayama Mei, die die Rolle der Yuma in „37 Seconds“ spielt. Zu Anfang überlegte HIKARI eine nicht behinderte Schauspielerin die Protagonistin spielen zu lassen, bezweifelte jedoch, dass eine nicht behinderte Person die Rolle einer behinderten überzeugend zum Ausdruck bringen könne. Deshalb entschied sie sich für ein offenes Casting und traf dabei auf fast 100 Kandidatinnen mit Behinderung. Kayama war die letzte, die zu diesem Vorsprechen kam. Als sie zum ersten Mal das Skript des Films vorlas, hatte HIKARI intuitiv das Gefühl: „Das ist Yuma.“

Filmausschnitt aus 37 Seconds
©37 Seconds filmpartners

„Ursprünglich war die Hauptfigur ein nach einem Verkehrsunfall von der Hüfte abwärts gelähmtes Mädchen, und die Geschichte handelte hauptsächlich von Liebe und sexuellen Erfahrungen. Aber Mei sah aus wie ein Teenager und ich konnte sie einfach nicht mit Sex in Verbindung bringen. Also habe ich die Geschichte geändert und versuchte, die Realität ihres Lebens zu visualisieren.“

Durch die Begegnung mit Kayama änderte HIKARI das Skript drastisch. Die Behinderung der Protagonistin wurde in die gleiche Art Zerebralparese wie Kayamas umgeschrieben. Der Titel „37 Seconds“ basiert ebenfalls auf Kayamas eigener Erfahrung. Darüber hinaus kreuzen sich die Realitäten der Charaktere auf mehreren Ebenen: Der Charakter Kuma aus dem Film hat das Leben von Kumashino Yoshihiko zum Vorbild. So nähern sich Realität und Fantasie an und jede Szene ist auf natürliche Weise miteinander verbunden.

Filmausschnitt aus 37 Seconds
©37 Seconds filmpartners

Die “unsichtbare Mauer” durchbrechen

Das besondere Merkmal dieses Films ist Kameraführung auf Höhe des Rollstuhls. Das Publikum kann die Perspektive (= Welt) erleben, die Yuma normalerweise sieht. Außerdem probierte HIKARI besonders, Yuma auf „wunderschöne“ Art und Weise zu filmen.

„Meiner Meinung nach gibt es in Japan eine Grenze zwischen Menschen mit und ohne Handicap. Ich wollte diese ‘unsichtbare Mauer’ durchbrechen, indem ich das Wachstum von Yumas Geist auf wundervolle Weise filme.“ Die Leidenschaft von HIKARI trug Früchte und „37 Seconds“ wurde auf Festivals der ganzen Welt gefeiert. Derzeit erhält sie verschiedene Angebote aus Hollywood.

„Wenn ich einen Film schreibe und inszeniere, möchte ich immer eine Botschaft senden, die einen ermutigt, positiv zu leben. Mit diesem Film möchte ich die Basis für einen Dialog schaffen, in dem wir über das Glücklichsein in unserer Gesellschaft reden können“, sagt HIKARI mit humor- und liebevollem Lächeln. „Wenn wir uns mit Angst oder Unsicherheit begegnen, dann wird ihre Geschichte uns den Mut geben, voran zu schreiten.“

Ensemble Foto von 37 Seconds auf der Berlinale
©37 Seconds filmpartners
Regisseurin HIKARI
©Jeong Park

Über HIKARI

Geboren in Osaka. Seit ihrer Kindheit spielt sie gerne Musicals und Opern. Sie zog im Alter von 18 Jahren in die USA, um Schauspielerin zu werden. Nachdem sie als Schauspielerin, Fotografin und Künstlerin gearbeitet hatte, studierte sie Film- und Fernsehproduktion an der University of Southern California in Los Angeles. Ihr Abschlussfilm „Tsuyako” wurde weltweit auf über 100 Festivals gezeigt und mit mehr als 50 Preisen ausgezeichnet. Weitere Infortmationen auf ihrer Webseite: www.hikarifilms.com.

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