Fruits Mode Japan fashion
Hardcover-Ausgabe von 2001, auch in Deutschland erschienen. (c) Phaidon Press (c) Aoki Shoichi

Ist Japans Mode tot?! Bye bye FRUiTS Magazine, Sayonara Street Fashion

Hannah Janz

Fruits Magazine war DIE Institution japanischer Mode. Die Streetsnaps zeigten brandheiße Trends direkt aus dem Szeneviertel Harajuku. Jetzt wurde die Zeitschrift eingestellt. Grund: Nicht mehr genug Outfit-Material! JAPANDIGEST-Redakteurin Hannah Janz fragt: Ist Japans Street Fashion-Szene tot?

Mehr Kostüm als Kleidung war seit 1997 das Credo des FRUiTS Magazine. Die jungen Leute, die sich in den Straßen des Modeviertels Harajuku ablichten ließen, trugen Wäscheklammern in den erdbeerroten Haaren, Lage um Lage Tüllröcke in allen Farben des Regenbogens, Dinosaurier-Figuren als Halsketten und durchsichtige Schuhe mit blinkenden Sohlen.

Gothic Lolitas, Dekora, Cyberpunks – FRUiTS zeigte alle japanischen Mode-Stile. Diese unglaubliche ästhetische Freiheit inspirierte weit über Japans Grenzen hinaus, machte die Street Fashion aus Harajuku zum weltweit bekannten Schlagwort verrückter, cooler, Konventionen sprengender Mode.

L: @choomychan R: @6doki_official HUNTER: fujita #FRUiTSmag #フルーツ #harajuku

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Modische Überbleibsel: Outfits aus dem Jahr 2016, aber mit Anklängen großer Zeiten des Modeviertels Harajuku.

やっと会えた!13歳!これからが楽しみです◎◎ @je_suis_manon2 HUNTER MIKI #fruitsmag #フルーツ

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FRUiTS zeigte die vielfältigen Gesichter der japanischen Street Fashion.

Modische Inspiration zur Selbstverwirklichung à la Japan

Ich fand das sehr inspirierend. Das FRUiTS Magazine begegnete mir 2001. Da war ich gerade in der Oberstufe und fand Sailor Moon nicht mehr so cool. Ich war bereit, in die reale Welt zu gehen, oder das, was mir als Gegenstück zu Manga & Anime als solche erschien. Ich wollte etwas Echtes, Handfestes, nichts Gezeichnetes – also Mode, um meine Liebe für japanische Kreativität auch direkt bei mir zu tragen.

Als erstes wollte ich Kangoo Jump Boots haben. Ein junger Mann namens Toshi hatte sie im FRUiTS Magazine getragen, dazu einen hellblauen Overall, metallicblaue Knieschützer an den Beinen. Auf seinen Känguru-Schuhen wippte er durch Harajukus schmale Gassen, ein leuchtendes Laser-Schwert aus Plastik in der Hand, das schwarze Haar etwas wirr. Er sah aus, als hätte Japan die erste Kolonie auf dem Mars errichtet.

So ein Outfit ist natürlich schlichtweg unpraktisch, und so druckte das FRUiTS Magazine dazu den Kommentar: Toshis Schuluniform läge am Bahnhof im Schließfach und er würde sich noch umziehen, bevor er wieder nach Hause fahre. Seine Mutter könne seine Outfits nämlich nicht verstehen. Davon fühlte ich mich wiederum verstanden und staffierte meinen Kleiderschrank immer bunter aus, im Kampf gegen langweilige Jeans und graue Pullover, die Pendants der japanischen Schuluniform.

Das modische Ich, das modische Wir: FRUiTS als Community

Fruits magazine Japan ModeTypisch für FRUiTS: Die knappen Profile. (c) Aoki Shoichi
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Typisch für FRUiTS waren die Untertitel in Form eines Fragebogens. Neben Name und Alter ging es hauptsächlich darum, die Designer zu nennen, von denen die Kleidung stammte.

Natürlich hieß es da oft: „Selbstgemacht“, „2nd Hand eingefärbt“ oder „von meiner Mutter ausgeliehen und zerschnippelt“. Tatsächlich machte FRUiTS aber auch Designer berühmt, deren Entwürfe erst über das Magazin einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. Ich fand alle meine aufstrebenden Lieblingsmarken in der Zeitschrift wieder: Algonquins und Takuya Angel, Moi-même-Moitié und Swimmer.

Und so referierte Point of Fashion in den Profilen der Abgelichteten auf die Absichtlichkeit der Outfits, Current Obsession auf die Persönlichkeitsentfaltung. Wir waren eine Fashion-Community, verbunden über die Kontinente hinweg, mit Menschen, die sich ebenso für modischen Selbstausdruck begeisterten, durch Labels, kreative Ideen und das FRUiTS Magazine.

Tōkyō, London, New York, Berlin: Die Uniform der Globalisierung

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Tōkyō oder Stockholm? Das war am Ende zwischen Lederjacken und Jeans nicht mehr so ganz klar.

Auch wenn das auf japanisches Design spezialisierte Portal Spoon&Tamago zum Ende von FRUiTS schrieb: „Emergency Cool-Kid Shortage Threatening the Globe“ – ganz so unerwartet kam es nicht. Die Mode-Sonne stand schon länger tief über Harajuku.

Eine ganze Weile schien es, als sprudelten unerschöpflich neue Trends aus Harajuku heraus. Die Stile veränderten sich, der poppige, überladene Dekora-Stil wurde zum pastelligen Fairy, dutzende verschiedene Lolita-Richtungen entstanden, vom rüschenbeladenen Hochzeitstorten-Look bis hin zum spinnwebbehangenen Gothic-Outfit in Tiefschwarz. Gleichzeitig hielten sich die Designer-Läden sehr lange – in zehn Jahren Japan habe ich nur einmal erlebt, dass ein Laden schloss.

Seit 2015 aber werden die Veränderungen deutlich: Ich erkenne mein Harajuku kaum noch wieder. Überall gibt es plötzlich Läden mit Hiphop-Kleidung. Dass die jungen Leute jede Woche neue Trends wollen, das hat sich nicht geändert. Aber jetzt soll alles unkompliziert sein: Kaufen statt selbstmachen. Vorgabe statt Selbstzusammenstellen. Fast Fashion statt Rebellion in Farbe und Form.

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Süß und gut angezogen – aber nicht mehr eigen: Die heutigen Harajuku Girls.

Harajukus Glanz ist gedimmt, nur noch selten strahlt einer der letzten Outfit-Pfauen durch die Menge. Stattdessen gibt es in Harajuku nun H&M. Japans Globalisierung kommt in Harajuku vor allem in Jeansjacken, Leggins und Sneakern daher. Der Bruch mit den visuellen Konventionen spielt keine so große Rolle mehr wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Der Ausdruck durch Kleidung hat keinen emotionalen Befreiungs-Impact mehr.

Ende einer Mode-Ära: Japans Street Fashion in der Selbstverständnis-Krise

Kein Wunder also, dass FRUiTS-Gründer Aoki Shoichi im Interview mit Fashionsnap, das von Spoon&Tamago auf Englisch vorgestellt wurde, angab, er stelle das Projekt ein, weil es auf den Straßen einfach nicht mehr genügend zu fotografieren gäbe.

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Aus und vorbei: Am 14. Februar 2017 erschien die letzte Ausgabe.

Im Interview sagte Aoki, Outfits zu kreieren, wie FRUiTS sie zeigte, sei eine besondere Fähigkeit. Aber die erfordert Mühe und Schulung. Unmöglich in Zeiten von Fast Fashion: Die Spielarten der japanischen Street Fashion hängen längst nur noch für wenige mit Persönlichkeitsentwicklung zusammen.

Fruits magazineEs war einmal: Als Street Fashion in Harajuku noch extravagant und mutig war. Hardcover-Ausgabe von 2001. (c) Phaidon Press (c) Aoki Shoichi

Nicht nur die großen Modeketten tragen Schuld daran, auch Instagram, wo FRUiTS fast 100.000 Follower hat. Die hier geprägten visuellen Gewohnheiten der globalen Mode übertrumpfen die Individualität Harajukus längst. Das hat dem ästhetisch Überbordenden den Todesstoß versetzt – und damit dem Raison d’être des FRUiTS Magazine.

@abe.mari #FRUiTS #フルーツ #harajuku HUNTER: aoki

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Seltenes Exemplar: Ein klassisches Harajuku Girl mit bunten Haaren und crazy Outfit – eingefangen von Aoki Shoichi persönlich. Kritisiert wurde von Fans in der letzten Zeit auch, dass die zusätzlich engagierten Streetsnap-Hunter den Geist von FRUiTS nicht verstanden hätten.

Bye bye FRUiTS Magazine, bye bye Harajuku Girls

Die Zeiten, in denen FRUiTS zeigte und definierte, was Cool auf Japanisch bedeutet, sind vorbei. Auch mein Stil hat sich verändert – wie der Harajukus. Meine Haare sind nicht mehr Pink, ich trage keine Einhorn-Taschen mehr. Ich bin kein Harajuku Girl mehr.

Wenn meine Freunde aber meine Kleidung kommentieren, „Das könntest du auch 2027 noch tragen und dein Outfit wäre dark future-Avantgarde!“, dann weiß ich, dass das Fruits Magazine seine Vision in mir hinterlassen hat: Den Wunsch, dass man sich durch modischen Ausdruck selbst näherkommt und diesen ganz nah bei sich und auf die Straße tragen kann, um ihn mit anderen als Möglichkeit zur Entfaltung zu teilen.

Bis das nächste Tokyoter Viertel das verrückteste Outfit hervorbringt, werde ich mich in meinen tröstend warmen Mohair-Pulli aus dem Laforet kuscheln und mich daran zurückerinnern, wie ich mit Toshi auf Känguruhschuhen durch das letzte Mode-Paradies gelaufen bin – zumindest auf dem Papier des FRUiTS Magazine.

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