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Taishū Engeki: Das wandernde japanische Volkstheater

Zehra Sagra
Zehra Sagra

Prachtvolle Kostüme, Tanz zu Enka-Musik und eine besondere Nähe zwischen Darsteller:innen und Publikum: Taishū Engeki bietet einen ganz eigenen Zugang zur japanischen Theaterwelt. Die wandernden Ensembles treten in ganz Japan auf und verbinden Schauspiel, Tanz und Musik mit einer lebendigen Fankultur. Ein Besuch im Shinohara Engeijō in Tokio gibt Einblick in diese besondere Form des Volkstheaters.

Shiho Hanamichi (links) und Shijo Teruya (rechts) von der Gruppe Gekidan Biho. © Zehra Sagra

Extravagant, schrill und doch traditionell. Ein Bericht über eine Exkursion zum japanischen Volkstheater mit der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG).

Erst Drama, dann Musik und schrille Kostüme – wer Interesse am japanischen Theater hat, dem Kabuki und Nō jedoch vielleicht etwas zu formal oder zeitintensiv erscheinen, kann die Welt des Taishū Engeki entdecken. Übersetzt bedeutet der Begriff etwa „Theater für die Massen“. Es handelt sich um eine lebendige Form des japanischen Unterhaltungstheaters für ein breites Publikum, die sich selbst nicht als hohe Kunst versteht.

Taishū-Engeki-Truppen sind in der Regel nicht an ein bestimmtes Theater gebunden, sondern reisen jeden Monat weiter und treten in kleinen lokalen Theatern, Gemeindezentren und ähnlichen Einrichtungen auf. Die Ticketpreise sind im Vergleich zu großen Formen des städtischen Theaters wie Kabuki relativ niedrig. Gleichzeitig wird bewusst versucht, eine besondere Nähe zwischen Publikum und Darsteller:innen zu schaffen.

Eine typische Vorstellung dauert etwa drei Stunden und besteht aus zwei Teilen. Den Anfang macht ein traditionelles, oft humorvolles Theaterstück, das Schwertkämpfe, historische Themen und Samurai-Motive sowie Wortspiele aus der Edo-Zeit enthält. Darauf folgt eine schillernde Tanz- und Musikshow, bei der die Darsteller:innen ihre Talente und prachtvollen Kostüme präsentieren. Diese Show steht in keinem direkten Zusammenhang mit der Handlung oder den Figuren des vorangegangenen Stücks.

Nishiki Rinto aus der Gruppe Gekidan Nishiki. © Zehra Sagra

Zu melodramatischer Enka-Musik und populären Songs treten die Darsteller:innen zwischen Nebel und kunstvollen Lichteffekten nacheinander allein auf die Bühne. Der Blick fällt sofort auf die grellen traditionellen Gewänder, manchmal Manga-ähnlichen Perücken und porzellanweißen Gesichter mit leuchtend roten Lippen und stark betonten Augen.

Eine durchschnittliche Truppe besitzt mehrere Hundert Kostüme und Perücken. Viele davon haben die Ensembles von ihren treuen Fans geschenkt bekommen.

Eine ebenso ungewöhnliche wie herzliche Fankultur

Eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale des Taishū Engeki gegenüber anderen traditionellen Formen des japanischen Theaters ist die Hingabe und Leidenschaft seiner Fans. Während der Pause verkaufen die Truppen in den Gängen verschiedene Fanartikel – von DVDs mit ihren Aufführungen bis hin zu Kalendern und Fotokarten.

Nach der Vorstellung versammeln sich die Darsteller:innen vor dem Veranstaltungsort, um Autogramme zu geben, Grüße auszutauschen und Fotos mit ihren Fans zu machen. Dadurch entsteht eine familiäre Nähe, die nicht selten über mehrere Jahrzehnte anhält. Viele Darsteller:innen stehen bereits im Kindesalter auf der Bühne und werden von ihren Fans bis zu ihrem offiziellen Debüt und weit darüber hinaus begleitet und unterstützt.

Ein Fan befestigt Geldscheine an den Kimono des Darstellers Ichijo Satoru aus der Gruppe Gekidan Biho. © Zehra Sagra

So ist es nicht ungewöhnlich, dass Taishū-Engeki-Fans ihren Lieblingsdarstellern persönliche Briefe und Geschenke, manchmal auch vor Ort gekaufte Getränke und Speisen überreichen. Während des Tanzteils der Vorstellung nähern sich die Fans der Bühne und stecken einen Brief, einen Umschlag oder mehrere 10.000-Yen-Scheine in den Kimono oder Obi des Darstellers.

Dabei geben sie ihnen die Hand oder wechseln einige Worte mit ihnen. Die Darsteller unterbrechen ihren Tanz kurz, knien sich am Bühnenrand nieder und nehmen die Aufmerksamkeit ihrer Fans entgegen.

Wer seinen Favoriten mit einer kleineren, aber stilvollen Spende unterstützen möchte, kann während der Pause für 1.000 Yen einen Blumenkranz kaufen und diesen während der Show den Darsteller:innen überreichen oder um den Hals legen. Mit den Einnahmen finanzieren die Truppen wiederum unter anderem ihre kostspieligen, maßangefertigten Perücken und Kostüme.

Shijo Teruya aus der Grupppe Gekidan Biho tanzt zur Enka-Musik. © Zehra Sagra

Anders als im Kabuki, wo die Rollen traditionell ausschließlich von Männern gespielt werden, treten beim Taishū Engeki Darsteller:innen beider Geschlechter auf. Junge Männer übernehmen häufig Frauenrollen und treten als sogenannte Onnagata auf, während Frauen nur selten Männerrollen spielen.

Ein Leben lang unterwegs

Derzeit gibt es in Japan schätzungsweise mehr als 100 Taishū-Engeki-Truppen, die jeweils aus weniger als zwanzig Darsteller:innen bestehen. Die Leitung einer Truppe und die Rangordnung innerhalb des Ensembles werden häufig innerhalb einer Familie weitergegeben. Die Mitglieder tragen in der Regel denselben Familiennamen, obwohl Darsteller:innen auch in ein Familienensemble aufgenommen oder adoptiert werden können und daher nicht unbedingt blutsverwandt sind.

Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass sich die Söhne von Ensembleleitern später abspalten und ihre eigenen Ensembles gründen. Mitglieder einer Truppe treten zudem häufig als Gäste bei anderen Ensembles auf – manchmal nur für einen Tag, manchmal für mehrere Monate.

Enge verwandtschaftliche und persönliche Beziehungen untereinander sind daher besonders wichtig, denn die Mitglieder einer Truppe verbringen viel Zeit miteinander: Sie essen, reisen und leben gemeinsam und halten sich oft auf engem Raum in den Garderoben der Theater auf.

Eine wichtige Eigenheit des Taishū Engeki besteht darin, dass täglich sowohl eine Mittags- als auch eine Abendvorstellung stattfindet und dennoch nicht immer dasselbe Stück gespielt wird. Um die Spannung und das Interesse an dieser Kunstform aufrechtzuerhalten, besprechen und üben die Darsteller:innen oftmals noch am selben Tag das aufzuführende Stück und improvisieren teilweise sogar während der Vorstellung.

Daraus ergibt sich ein straffer Alltag, der viel Kreativität und Disziplin erfordert.

Werbung und Dekoration der Gruppe Gekidan Biho vor dem Shinohara Engeijō in Jūjō. © Zehra Sagra

In Tokio gibt es drei Taishū-Engeki-Theater. Wir besuchten das Shinohara Engeijō in Jūjō. Es wurde 1951 gegründet und ist für sein traditionelles Flair und seine selbst gemachten Onigiri bekannt. Die beiden anderen Theater sind das Mokubakan in Asakusa und das Keyaki-za in Tachikawa.

Direkt am Eingang hängen große Poster der Darsteller:innen mit den Namen der jeweiligen Truppen sowie aufwendige Dekorationen, die eine einladende Atmosphäre schaffen. Auch im Theater sind überall Banner, Poster und Blumen zu sehen. Jede Truppe ist für ihre eigene Dekoration verantwortlich.

Doch damit nicht genug: Auch die Planung der Show, die Bühneneffekte und die Musikplaylist liegen in den Händen der Darsteller:innen. Um Organisation und Durchführung kümmern sie sich selbst.

Da jede Truppe ihren eigenen Stil hat, nur einen Monat an einem Ort auftritt und sich die Shows täglich verändern, gleicht kaum ein Besuch dem anderen.

Die niedrigen Ticketpreise und die entspannte, familiäre Atmosphäre machen einen Besuch zu einem besonderen Erlebnis, das ich jedem empfehlen kann.

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