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Kabuki und die Bühne der großen Verwandlung Teil 2

Vanessa
Vanessa

Kabuki ist eine besonders bunte, ausdrucksstarke Form des japanischen Theaters. In Teil zwei unserer Artikelreihe geht es vor allem um die Schauspieler, verschiedene Spielweisen und die Verbindung zum Publikum.

Kabuki lebt von seiner visuellen Sprache. Kostüme und Schminke geben Hinweise auf Rang, Charakter, Emotion und Rollenart. Ein Krieger, eine Kurtisane oder ein übernatürliches Wesen sind somit oft schon am äußeren Erscheinungsbild zu erkennen. Besonders prachtvoll sind die Kostüme in historischen Stücken. Schwere Stoffe, lange Ärmel, große Muster und kräftige Farben machen die Figur auf der Bühne sichtbarer und symbolischer. Manchmal wird das Kostüm selbst Teil der Handlung, wie beim hikinuki. Die Figur verwandelt sich vor den Augen des Publikums, indem sie den äußeren Teil ihres Kostüms auf offener Bühne abwirft und eine neue Erscheinung annimmt. 

Auch das Make-up ist ein zentrales Ausdrucksmittel. So bezeichnet kumadori eine auffällige Schminktechnik mit farbigen Linien im Gesicht. Rote Linien stehen häufig für Kraft, Mut oder heldenhafte Energie. Blaue oder schwarze Linien können Kälte, Bosheit oder übernatürliche Bedrohung anzeigen. Das Gesicht wird dadurch fast zu einer Maske, bleibt aber lebendig und beweglich.  

Die Bühne verwandelt den Körper in ein Zeichen. Haltung, Blick, Stimme, Schminke und Kostüm arbeiten zusammen. Eine Figur erscheint nicht nur als Mensch, sondern als verdichtetes Bild eines Charakters.  

Mie und die Kraft des eingefrorenen Augenblicks 

Zu den bekanntesten Ausdrucksformen des Kabuki gehört mie. Dabei hält ein Schauspieler in einem dramatischen Moment plötzlich inne, spannt den Körper, öffnet die Augen weit und friert die Bewegung in einer kraftvollen Pose ein. Für das Publikum ist dies kein Stillstand, sondern ein Höhepunkt. Die Handlung verdichtet sich in einem einzigen Bild.  

Das mie zeigt sehr gut, wie Kabuki funktioniert. Es sucht nicht nach Alltagsrealismus. Niemand verhält sich im wirklichen Leben so. Auf der Bühne aber wird die Pose verständlich, weil sie eine Emotion vergrößert und sichtbar macht. Wut, Entschlossenheit, übernatürliche Kraft oder innere Spannung werden in einer Form gesammelt, die das Publikum sofort erkennt.  

Oft wird ein mie durch rhythmische Holzschläge, tsuke, unterstützt. Dieser Klang verstärkt den Moment und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Körper des Schauspielers. Kabuki ist deshalb nicht nur visuell, sondern auch rhythmisch. Bewegung, Musik und Geräusch greifen ineinander.  

Aragoto und wagoto als zwei große Spielweisen 

Innerhalb des Kabuki entwickelten sich unterschiedliche Spielstile; am bekanntesten sind aragoto und wagoto. Aragoto bedeutet etwa rauer oder wilder Stil. Er entstand besonders in Edo und ist mit kraftvollen Heldenfiguren, übertriebenen Bewegungen, markantem Make-up und großer körperlicher Energie verbunden. Wagoto dagegen entwickelte sich vor allem im Raum Kyōto und Ōsaka. Dieser Stil ist weicher, eleganter und stärker mit Liebesgeschichten oder emotionalen Konflikten verbunden. 

Die beiden Stile verdeutlichen die Vielfältigkeit von Kabuki. Manche Rollen sind übergroß, heroisch und fast übermenschlich. Andere wirken zarter, gebrochener oder näher am Alltag. Gerade die Spannung macht das Repertoire so reich.  

Onnagata und die Kunst der Frauenrollen 

Eine Besonderheit des Kabuki ist onnagata, die Kunst männlicher Schauspieler, Frauenrollen zu verkörpern. Dabei geht es nicht darum, Frauen möglichst realistisch nachzuahmen. Vielmehr entstand über Jahrhunderte eine eigene Bühnenform weiblicher Darstellung. Stimme, Haltung, Gang, Blick und Bewegung folgen bestimmten Regeln und Idealen.  

Onnagata zeigt, dass Kabuki Geschlecht als Theaterform sichtbar macht. Eine Frauenrolle entsteht nicht allein durch ein Kostüm, sondern durch den gesamten Körper. Wie eine Figur sitzt, wie sie einen Ärmel hält, wie sie den Kopf neigt oder wie sie sich über den hanamichi bewegt, all das gehört zur Darstellung.  

Stoffe zwischen Geschichte, Alltag und Tanz  

Kabuki-Stücke lassen sich grob in verschiedene Gruppen einteilen. Jidaimono sind historische Stücke, die von Kriegern, Loyalität, politischen Konflikten oder berühmten Legenden erzählen. Sewamono behandeln dagegen das Leben der Stadtbevölkerung, etwa Liebesbeziehungen, Familienkonflikte oder gesellschaftliche Zwänge. Shosagoto bezeichnet Tanzstücke, in denen Bewegung und Musik im Vordergrund stehen.  

Zu den berühmtesten Werken gehört Kanadehon Chūshingura, die Bühnenfassung der Geschichte der 47 Rōnin. Das Stück behandelt Loyalität, Ehre und Rache und wurde zu einem der zentralen Klassiker des japanischen Theaters. Auch Tanzstücke wie  Kyōkanoko Musume Dojoji sind von großer Bedeutung. Tōkaidō Yotsuya Kaidan wiederum zeigt die dunklere Seite des Kabuki und ist eines der bekanntesten Geisterstücke Japans.  

Stars, Familien und Bühnennamen 

Kabuki war schon in der Edo-Zeit stark mit einem Starsystem verknüpft. Schauspieler wurden bewundert, ihre Bilder verbreitet, ihre Kostüme nachgeahmt und ihre Namen mit bestimmten Rollen verbunden. Diese Verbindung von Theater, Mode und Fankultur gehört bis heute zur Kabuki-Welt.  

Besonders wichtig sind Bühnennamen (myoseki), die über Generationen weitergegeben werden. Die feierliche Namensübernahme (shūmei) ist ein großes Ereignis. Wenn ein Schauspieler einen berühmten Namen annimmt, übernimmt er damit auch Erwartungen, Rollen, Stil und Geschichte. Auch die yagō, die Bühnenfamiliennamen, sind wichtig. Sie werden im Theaterraum vom Publikum zugerufen und schaffen eine besondere Verbindung zwischen Bühne und Zuschauern.  

Diese Rufe sind ein Teil der Aufführungskultur. Sie zeigen, dass Kabuki nicht nur aus Text und Handlung besteht. Das Publikum kennt Namen und berühmte Momente. Es reagiert auf Auftritte, Posen und Rollen. Dadurch entsteht ein Theatererlebnis, das Gemeinschaft und Wiedererkennung einschließt.  

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