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Für den Spracherwerb geeignet? Japanische Kindersprache und Kinderbücher

Aya Puster
Aya Puster

Wie in vielen Sprachen der Welt reden Kinder ein wenig anders als Erwachsene. Besonders im Japanischen gibt es die ein oder andere Falle für die Kleinen. Lässt es sich mit japanischen Kinderbüchern also gut die Sprache lernen?

Kleines Mädchen, dass am Schreibtisch in einem Kinderbuch blättert

Die Kindersprache klingt drollig. Wenn sie dazu noch auf Japanisch gesprochen wird, umso mehr.

Lautmalerei

Kleine Kinder in Japan bezeichnen die Dinge oft mit Lautmalerei, die meist aus der Wiederholung eines Lautes besteht, wie z.B. wan wan – das Bellen eines Hundes. Sie bezeichnen damit anfangs nicht nur Hunde, sondern auch andere Tiere. Sobald sie Tiere unterscheiden können, benutzen sie dies nur für Hunde, dafür nyā nyā für Katzen und mōmō für Kühe. Und sobald die Kinder merken, dass ein sich bewegendes Auto kein Tier ist, sagen sie būbū, ein Hupgeräusch, dazu.

Schwierige Aussprache

Manchmal gelingt den Kindern die richtige Aussprache nicht, z.B. sprechen sie kikai (Maschine) und chikai (Nähe) fast gleich aus. Oder sie wählen lieber die für sie einfachere Variante der Aussprache aus, z. B. statt kangofusan (Krankenschwester) kangoku (Knast)-san.

Metathese

Die Lautvertauschung hört man oft bei kleinen Kindern. Sie sagen z.B. sanaka für sakana (Fisch), weil sie es von dem ihnen mehr vertrauten Wort onaka (Bauch) ableiten. Als mein Sohn klein war, nannte er otamajakushi (Kaulquappe) ojamatakushi, was ein störendes Taxi (ojama = stören + takushi = Taxi) bedeuten könnte.

Sind Kinderbücher gut geeignet für das Erlernen des Japanischen?

Auf der Frankfurter Buchmesse fragen viele Besucher nach „einfachen Kinderbüchern“, damit sie Japanisch üben können. Sind diese wirklich dafür geeignet? Leider nicht immer, denn sie sind zwar mit Hiragana geschrieben, aber sie benutzen:

  • Plain-Form (Kurzform) / Gesprächsform
  • manchmal keine Partikel
  • viel Lautmalerei
  • Mittelstufengrammatik (z.B. Imperativ)
  • Kinderspezifische Wörter (z.B. nakayoshi statt tomodachi = Freunde)
  • Vokabeln, die nicht in der Grundstufe vorkommen
  • Vereinfachung bzw. Verkürzung der Sätze
Buchcover vom Kinderbuch "Yuta ist mein Freund"

Beispiel 1: Kitayama Yoko „Yūta wa tomodachi – Yūta ist mein Freund“, Akane Shobo Verlag

Ein Hund erzählt aus seiner Sicht etwas über sein Herrchen, ein Junge namens Yūta.

S. 1:  Ore inu. – Ich bin Hund.
S. 2:  Omae ningen. – Du bist Mensch.

Die Sätze stehen hier ohne Verb und Partikel. Außerdem wird den Japanisch-Anfängern wohl nur inu (Hund) von den vier oben genannten Wörtern bekannt sein.

Beispiel 2: Imoto Yoko „Detekoi chūrippu! – Kommt raus, Tulpen!“, Kin no hoshi Verlag

Ein Katzenjunges hat mit Freunden Tulpenzwiebeln eingepflanzt und gießt sie jeden Tag mit viel Wasser, um das Wachstum der Tulpen zu beschleunigen. Eines Tages schlüpft ein Maulwurf vom Boden heraus und beschwert sich darüber.

S. 18:  Dete koi chūrippu! – Kommt raus, Tulpen! 
S. 22: Kimitachi komarujanaika.
            – Hey Ihr, (ich bin) verzweifelt,
           Kon’na ni mizu o maite.
            – weil ihr so viel Wasser gegossen habt.
           Okagede uchijū
           
Euretwegen im ganzen Haus (ist es)
           Bishonurede hikkoshi da.
             – platschnass. (Ich bin) zum Umzug gezwungen.

Buchcover vom Kinderbuch "Kommt raus, Tulpen!"

Detekoi ist die Imperativform von dete kuru (herauskommen), aber die Imperativform wird gar nicht in der Grundstufe gelehrt. Besonders schwierig ist der Satz Kimitachi komarujanaika. Das Subjekt von komaru (verzweifeln) ist hier gar nicht kimitachi (ihr), sondern „ich“, das gar nicht erwähnt wird. Janai ka ist die Kurzform von dewa arimasen ka und wird hier als eine verneinte, rhetorisch betonte Frageform von deshō benutzt. Die ursprüngliche Form wäre somit „komaru deshō“ ((ich werde) wohl verzweifelt sein). Wenn der Leser diesen Hintergrund nicht kennt, verzweifelt er selbst, warum hinter dem Verb komaru noch ein anderes Verb janai, die verneinte Form von desu, stehen soll.

Buchcobver vom Kinderbuch "Mama, rate mal!"

Beispiel 3: Sueyoshi Akiko/Hayashi Akiko „Mama atete mite! – Mama, rate mal!“, Kaiseisha Verlag

Dieses Beispiel zeigt ein noch komplizierteres, soziokulturelles Problem. Ein Mädchen stellt ihrer Mutter eine Rätselfrage: „Was ist rot und rund?“. Die Mutter antwortet darauf:

     Pompomdaria ga                                
–  (Eine rote) Dahlia pompon kam wohl,
    mamagoto shimashotte kitandeshō.
–  um mit dir Vater-Mutter-Kind zu spielen.

Shimashotte ist eine verkürzte Form von shimashō to itte ([…] sagte, dass sie XYZ tun möchte), während kitandeshō eine betonte Form kita + no + deshō (wohl gekommen sein) darstellt. Problematisch ist im Buch allerdings die Lösung selbst, denn was rot und rund ist, soll die Sonne sein. Deutsche bzw. europäische Kinder, die die Sonne stets gelb malen, können nicht wissen, dass japanische Kinder sie rot malen. Außerdem heißt hier die Sonne ohisama, wie sie in der Kindersprache genannt wird, und nicht taiyō.

Um Japanisch zu lernen, so erzählte mir ein junger Deutscher – der nur mit Mangas und Animes die Sprache gelernt hat, ohne je Kurse besucht zu haben – soll man einfache Mangas für kleine Kinder lesen, wie z.B. „Yotsubato“ (Kadokawa Verlag), denn:

  • die Figuren nutzen eine authentische, kurze Gesprächsform (in „Yotsubato“ ist die Hauptfigur ein fünfjähriges Mädchen)
  • die Sätze sind meistens in Hiragana geschrieben, und
  • Kanjis sind mit Furigana-Lesung versehen

Der Manga “Detektiv Conan” z.B. ist dagegen für Japanisch-Anfänger ungeeignet, weil Conans logische Theorie oft in langen, komplizierteren Sätzen erklärt wird.

Nun am Ende einer Geschichte würden kleine Japaner sagen: „Bai Bai (bye bye), mata ne (bis zum nächsten Mal!)”

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