Ein wiederkehrendes Ereignis – das Kanji des Jahres 2018

Matthias Reich
Matthias Reich

Alljährlich im Dezember gibt die Japanese Kanji Proficiency Society das Kanji des Jahres bekannt. Ähnlich dem Wort des Jahres, spiegelt das Kanji die Wünsche und Sorgen der Bevölkerung wieder. Das Kanji dieses Jahres ist eher negativ, aber leider hoch aktuell.

Stichwörter

zerstörtes Dach

Der 12.12. jedes Jahres ist in Japan seit 1995 der inoffizielle “Tag des Kanji”. Auch diesen Dezember war es wieder soweit: In der Halle Oku-no-in des weltberühmten Tempels Kiyomizu-dera in Kyōto schrieb ein Priester mit einem riesigen Pinsel ein einzelnes Schriftzeichen auf ein großes Stück Papier. Die öffentliche Wahl, in welcher jeder Japaner seinen Vorschlag an das Komitee senden kann, entschied dieses Jahr per Mehrheit ein Schriftzeichen, welches ob seiner relativen Einfachheit etwas ungewöhnlicher als seine Vorgänger aussieht:

Katastrophe - sai

In der On-Lesung (chin. Lesweise) sai und in der Kun-Lesung wazawa(i) gelesen, bedeutet der untere Teil Feuer und der obere Teil Fluss. Dabei stellt der obere Teil des Kanji das lautgebende sai. Eine Theorie, welche sich auf das ursprüngliche Piktogramm des Schriftzeichens bezieht, interpretiert das heutige Feuer als ein Hindernis oder Damm vor einem Fluss. Wie bei vielen anderen Schriftzeichen auch, hat man die Bedeutung im Laufe der Jahrtausende ausgeweitet. Das Zeichen versinnbildlicht nun, was nicht nur den Verlauf eines Flusses, sondern auch den eines Menschenleben beeinträchtigt und der untere Teil (Feuer) deutet darauf hin, dass es hier nicht unbedingt um positive Veränderungen geht: Das Zeichen steht für „Katastrophe“, und alle damit zusammengesetzten Wörter auch (saigai 災害, Katastrophenschäden; shinsai 震災, Erdbebenkatastrophe; kasai 火災, Feuersbrunst; suisai 水災, Hochwasserschaden; usw.).

Ein weiterer Ansatz geht von den negativen Folgen beider Teile des Kanji aus. Da der Fluss auch für Überschwemmungen sorgen kann, wie in suisai, und das Feuer für unkontrollierte Brände, wie in kasai, stehen beide Elemente in einem Kanji vereint schlicht für Katastrophen. Hieraus geht auch folgende Raison hervor: Überschwemmungen und Brände sind beklagenswerte und lebensbedrohliche Umstände für die Betroffenen. Tritt aber beides gleichzeitig auf, wie z.B. ein Erdbeben einen Tsunami auslösen und dafür sorgen kann, dass umfallende Lampen für einen Brand sorgen, dann befindet man sich wahrlich inmitten eins Desasters.

An Katastrophen hat es auch im Jahr 2018, im ohnehin schon vielbetroffenen Japan, nicht gemangelt. Dabei handelte es sich in erster Linie um Naturkatastrophen, doch auch im Fernen Osten ist man sich wohl bewusst, dass einige dieser Umstände wohl erst durch einen langfristigen menschlichen Einfluss so zerstörerisch und häufig auftreten. Der Klimawandel macht sich immer stärker bemerkbar, und Japan steht mit an vorderster Front der Länder, die einen hohen Preis bezahlen müssen.

Überschwemmung

Die verheerendsten Katastrophen des Jahres:

Das Ōsaka-Erdbeben vom 18. Juni hatte sein Epizentrum direkt unter der Kansai-Metropole, aber war mit einer schwachen Sechs auf der japanischen Schadensskala noch nicht als schweres Erdbeben einzustufen. Allerdings sorgten der instabile Untergrund und die hohe Bevölkerungsdichte der Region für teils einstürzende Häuser, was letztlich 5 Todesopfer forderte. Das Erdbeben beschädigte oder zerstörte insgesamt mehr als 50.000 Gebäude und verursachte einen Schaden von umgerechnet etwa 1,4 Milliarden Euro.

Taifun Nummer 7 brachte vom 28. Juni bis zum 8. Juli ungeheuerliche Niederschlagsmengen mit sich, die vor allem in Hiroshima und Okayama für weitläufige Überschwemmungen und massive Erdrutsche sorgten. Da die Fluten oft unvermittelt und manchmal auch nachts kamen, gab es insgesamt 227 Todesopfer zu beklagen. Nach den Unwettern zählte man rund 6.200 vollständig zerstörte Häuser. Der Starkregen war die schlimmste Regenkatastrophe seit 1982, und die Gesamtschäden wurden auf ca. 2,4 Milliarden Euro geschätzt.

Ōsaka blieb allerdings nicht lange von derartigen Katastrophen verschont. Bereits in der Woche vom 28. August bis zum 5. September erwischte es die Präfektur erneut: Taifun Jebi, Nummer 21 der Saison, traf direkt auf Ōsaka und drückte dabei eine über 3 Meter hohe Springflut in die Bucht. Dazu wurden Windgeschwindigkeiten bis zu 210 km/h gemessen. Der Kansai International Airport wurde überflutet und dessen einzige Zubringerbrücke von einem großen Schiff gerammt und schwer beschädigt. Während dem Unwetter kamen 13 Menschen um Leben.

Auch das Hokkaidō-Erdbeben 2018 vom 6. September ist an dieser Stelle erwähnenswert. Mit einer Stärke von 6,7 auf der Richterskala, war es für japanische Verhältnisse nicht allzu stark, doch das Beben lag in einer bislang kaum berücksichtigten Tiefe und sorgte aufgrund der geologischen Besonderheiten der Gegend für die Höchststufe auf der japanischen Skala. Obwohl das im Süden Hokkaidōs gelegene Iburi nur dünn besiedelt ist, verursachte das Beben 41 Todesopfer. Zudem brach die Stromversorgung der gesamten Insel zusammen.

2018 gab es in Japan noch andere Unwetter und Katastrophen wie weitere tödliche Taifune, rekordverdächtige Schneefälle zu Beginn des Jahres sowie eine abnorm kurze Regenzeit, welcher eine ausgedehnte Hitzewelle im Juli und August folgte. Diese kurze Liste ist daher keineswegs erschöpfend.

Doch wie eingangs erwähnt, ist Japan ein katastrophenerprobtes Land. Sai wurde bereits 2004 zum Kanji des Jahres gewählt, aufgrund ähnlicher tragischer Ereignisse. So rüstet man sich auch weiterhin für noch kommende Naturkatastrophen, jedoch deuten die sich mehrenden wetterbedingten Unglücke auf einen ganz dicken Elefanten hin, der da im Raum steht: Den Klimawandel.

Klimawandel

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