Neuer Stern am Polithimmel nimmt zwei Wochen Vaterschaftsurlaub – und nun?

Matthias Reich
Matthias Reich

Der als Hoffnungsträger gefeierte Umweltminister Koizumi Shinjirō verkündete 2019, dass er nach der Geburst seines ersten Kindes für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub nimmt. Die Reaktionen in der japanischen Gesellschaft und Politik sind gespalten.

Vater auf einer Wiese mit Baby im Arm

Er ist quasi der Popstar der japanischen Politik und verkündete 2019 seine Hochzeit mit Takigawa Christel, einer schillernden Gestalt der japanischen Fernsehlandschaft. Als der Nachwuchs unterwegs war, verkündete er, zwei Wochen Vaterschaftsurlaub zu nehmen. Das Echo in der Gesellschaft dazu ist interessant.

Koizumi Shinjirō , der jung-dynamische Umweltminister und seines Zeichens Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Koizumi Jun’ichirō, gilt allein aufgrund seines vergleichsweise jungen Alters als Lichtgestalt und Hoffnungsträger in der japanischen Politik – dessen ist sich der frischgebackene Gatte der einstigen Fernsehmoderatorin Takigawa durchaus bewusst. Seine Meinung wird erhört und seine Stimme hat Gewicht in der japanischen Gesellschaft. Deshalb horchten viele Menschen auf, als er bekannt gab, zwei Wochen lang Vaterschaftsurlaub nehmen zu wollen. Was in vielen Ländern kaum jemanden eine Augenbraue lupfen lässt, löste in Japan eine rege Diskussion aus. Ikukyū 育休, wörtlich übersetzt “Erziehungspause”, ist relativ neu – vor allem bei Männern. Das ist auch nicht weiter verwunderlich: Früher war es üblich, dass die Mütter sich mit der Geburt des ersten Kindes für Jahrzehnte von der Arbeitswelt verabschiedeten, doch die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Frauen wollen – oder müssen, auch das ist nicht selten – vergleichsweise schnell zurück in das Arbeitsleben. Hinzu kommt auch ein Umdenken bei den Männern, am besten vertreten durch den Begriff ikumen (イクメン), eine Verballhornung aus iku (Bildung, Erziehung) und ikemen (“ein toller Typ”). Es ist quasi “in”, sich als Mann aktiv an der Erziehung der eigenen Kinder zu beteiligen.

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Mann von hinten mit einem Baby auf dem Arm, das in die Kamera lacht

Die Reaktionen gehen stark auseinander

Koizumis Schritt nach vorne löste allerdings ein geteiltes Echo aus. Bei einer Umfrage unter Müttern durch C Channel, einer Online-Plattform vorrangig für Frauen, gaben 74% der Befragten an, der Entscheidung positiv gegenüber zu stehen. 23% antworteten allerdings, dass man das wohl kaum als Erziehungsurlaub bezeichnen könne. Der Großteil der Befürworterinnen vertrat die Meinung, dass zwei Wochen zu kurz seien, aber das könne man wohl nicht ändern. Und genau bei diesem typisch japanischen shikatanai (仕方ない) – „Daran kann man nichts ändern“ – liegt der Hund begraben. Große und mittelgroße Firmen, und natürlich auch Behörden, müssen redundant verwaltet werden – sonst ist es höchst ineffektiv, dass alles stehen und liegen bleibt, bloß weil jemand krank ist oder eben Urlaub nimmt. Doch genau diese Redundanz fehlt vielerorts: Deshalb nehmen die Angestellten auch in vielen Fällen keine längere Auszeit. So hat man festgestellt, dass nur 3% der männlichen Angestellten der regionalen Behörden Vaterschaftsurlaub antreten – obwohl er ihnen gesetzlich zusteht. In dem Sinne kann man nur begrüßen, dass jemand von der Spitze als leuchtendes Vorbild vorangeht und damit zu verstehen gibt: Es ist völlig in Ordnung, Vaterschaftsurlaub zu nehmen.

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Bei den Männern war die Reaktion auf Koizumis Ansage etwas gespaltener. Viele Männer begrüßen einen Erziehungsurlaub zwar, halten das Ganze aber für in vielen Fällen für unrealistisch, aus den oben genannten Gründen. Etliche Berufskollegen monierten zudem, Koizumi solle erstmal seinen Job richtig machen, denn unter seiner Rigide heimste Japan schließlich den „Umweltfossilpreis“ ein. Der Grund: Der Umweltminister versäumte es, einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Energiegewinnung mit fossilen Brennstoffen vorzulegen. Ganz im Gegenteil: Der Anteil wird sogar erhöht.

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