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Ikumen und shufu: neue Rollenbilder für Japans Familienväter

Kerstin Coopmann
Kerstin Coopmann

Bekannt als ikumen, sind Männer, die sich an der Kindererziehung beteiligen, in den japanischen Medien inzwischen allgegenwärtig. Traditionelle Rollenvorstellungen scheinen langsam aufzubrechen. Wie sieht die Situation in Japan wirklich aus für Väter, die Erziehungsurlaub nehmen oder gar Hausmann werden wollen?

ikumen: Vater mit Baby

Ein Vater, der sein Baby wickelt, mit einem Kinderwagen durch den Park fährt oder sein Kind zum Arzt begleitet? In Japan war das lange Zeit undenkbar. Schließlich galt über Jahrzehnte das Ideal, dass Männer alleine den Familienunterhalt verdienen, während Frauen für Haushalt und Kindererziehung zuständig sind.

Auch wenn sich diese Einstellung langsam wandelt und immer mehr Väter ihren Teil zur Erziehung beitragen wollen, sieht die Realität oft anders aus. Lange Arbeitszeiten und häufige Geschäftsreisen sorgen dafür, dass viele Männer kaum Zeit für ihre Familien haben. Konservative Chefs haben oft kein Verständnis für die Situation, da sie es selbst nicht anders kennen. Daher kümmern sich sogar berufstätige Mütter oft komplett alleine um Haushalt und Kindererziehung – eine Doppelbelastung, die dafür sorgt, dass viele Frauen lieber ihren Job aufgeben oder in Teilzeit arbeiten. Oder eben erst gar kein Kind bekommen, ein Faktor der niedrigen Geburtenrate in Japan. Schließlich wollen viele Frauen ebenfalls Karriere machen, was in Japan aufgrund von Geschlechterdiskriminierung noch immer nicht einfach ist.

Die Regierung hat jedoch erkannt, dass die stärkere Beteiligung der Väter am Familienleben ein Weg sein kann, die Geburtenrate zu erhöhen und hat gezielt eine Reihe an Initiativen ergriffen.

Das ikumen-Konzept zur Förderung der Erziehungsurlaubsrate

2008 wurde zum Beispiel das Gesetz zur Elternzeit revidiert, wodurch japanischen Vätern nun offiziell ein ganzes Jahr bezahlter Erziehungsurlaub zusteht. In einem Vergleich der OECD-Länder von 2016 war Japan mit seinen Gesetzen führend. Außerdem hat die japanische Regierung mit dem „Ikumen Project“ eine umfangreiche PR-Kampagne gestartet, um das Konzept des Familienvaters, der seine Frau im Haushalt und bei der Kindererziehung unterstützt, bekannt zu machen.

Ikumen ist eine Wortschöpfung aus den Begriffen iku (von kyōiku, Erziehung) und men (engl. Mann). Der Begriff, der von ikemen (gut aussehender Mann) inspiriert ist, schaffte es 2010 sogar unter die Top 10 der Modewörter. Neben der positiven Darstellung von ikumen in den Medien und Werken der Populärkultur sollen Seminare und Veranstaltungen Männern helfen, sich mit dem Thema Kindererziehung auseinanderzusetzen. Zudem haben sich bereits mehrere Projekte und NGOs entwickelt, die sich dafür einsetzen, dass Väter ihren Wunsch nach mehr Beteiligung am Familienleben umsetzen können.

Noch ein weiter Weg?

Trotzdem sieht es danach aus, dass die japanische Regierung ihr Ziel, die Rate des Erziehungsurlaubs bei Vätern bis 2020 auf 13 % zu erhöhen, nicht erreichen wird. Auch wenn diese zwischen 2009 (1,72 %) und 2017 (5,14 %) durchaus gestiegen ist und weiterhin zunimmt, steht Japan dennoch ein gutes Stück Arbeit auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter in Erziehungsfragen bevor.

Erziehungsurlaubsrate bei Männern in Japan
Daten © Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales

So hört man beispielsweise immer wieder von dem Problem patahara (von engl. paternity harassment, Diskriminierung von Vaterschaft). Väter, die Erziehungsurlaub nehmen wollen, müssen sowohl mit Spott der Kollegen als auch mit Unverständis des Arbeitgebers und sogar negativen Auswirkungen auf die Karriere rechnen. Kein Wunder also, dass viele sich schließlich trotz ihres Wunsches gegen den Erziehungsurlaub entscheiden. Auch die japanische Arbeitsmentalität, zu der ein ausgeprägtes Verpflichtungsgefühl gegenüber den Kollegen gehört, trägt zu dieser Entscheidung bei.

Doch nicht nur patahara, sondern auch matahara (von engl. maternity harassment, Diskriminierung von Mutterschaft) steht der Gleichberechtigung im Weg. Frauen, die gleichzeitig Mutter werden und Karriere machen wollen, wird es durch Diskriminierung oft schwer gemacht, den Arbeitsplatz zu behalten. Ein Grund für viele karriereorientierte Frauen, die Kinderplanung erst einmal nach hinten zu verschieben. Eine auswegslose Situation?

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Auch wenn es vielleicht noch eine Weile dauern wird, so lässt sich dennoch ein eindeutiger Bewusstseinswandel in Japans Gesellschaft erkennen. So unterstützten laut einer Umfrage des Kabinetts von 2014 nur noch 44,6 % die traditionellen Rollenbilder, während es 1992 noch 60,1 % waren. Medienberichte sowie Bücher und Blogs von Vollzeithausmännern (shufu) zeigen immer häufiger, dass es auch alternative Lebensmodelle jenseits des männlichen Alleinverdieners und der Hausfrau gibt. Es ist also möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis sich die modernen Rollenvorstellungen auch in der Arbeitswelt verbreiten und Väter und Mütter frei entscheiden können, wer welche Aufgaben im Haushalt und bei der Kindererziehung übernimmt.

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Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe des JAPANDIGEST 2019 und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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