Ein wichtiger Sieg für Opfer sexueller Übergriffe? Der Fall Itō und die #MeToo-Debatte

Matthias Reich
Matthias Reich

Japan wird für vieles gerühmt — ganz sicher jedoch nicht für seine Frauenrechte. Das Land liegt im weltweiten Vergleich von Frauenrechten und Gleichberechtigung weit hinten. Ein Gerichtsurteil könnte jedoch nun ein paar Steine ins Rollen bringen.

Shiori Ito
Die Journalistin Itō Shiori während einer Pressekonferenz © Rodrigo Reyes Marin/Zuma Press/PA Images

Am 18. Dezember 2019 verließ Itō Shiori, eine Journalistin, ein Gerichtsgebäude in Tōkyō und entrollte zaghaft lächelnd ein kleines Transparent mit der Aufschrift „Sieg“. Der Sieg bestand darin, dass ihr ein Zivilgericht soeben gut 3 Millionen Yen, also rund 25.000 Euro, Schadenersatz zugesprochen hatte. Im konkreten Fall ging es um eine mutmaßliche Vergewaltigung durch den 53-jährigen Topreporter und Fotografen Yamaguchi Noriyuki. Das Strafgericht hatte vorher anders entschieden – mangels Beweise wurde die Anklage eingestellt. Will heißen, strafrechtlich wird der mutmaßliche Vergewaltiger nicht belangt, aber zahlen muss her. Und – in der Gesellschaft wird das Urteil so aufgefasst werden, dass die Schuld erwiesen ist.

Sexuelle Belästigung von Frauen ist auch in Japan ein viel diskutiertes Phänomen. Die Hashtag-Bewegung MeToo lenkte auch in Japan neue Aufmerksamkeit auf das Thema.Sexuelle Belästigung – MeToo auf JapanischIn Japan entbrannte die Diskussion um sexuelle Belästigung von Frauen zu Beginn der 90er Jahre erstmals. Das Phänomen wurde lange als sekuha...27.09.2018

Nach einem Arbeitstreffen mit Yamaguchi war Itō, eine Regisseurin und Reporterin, und damals noch Praktikantin bei Reuters, nach einem langen Blackout in einem Hotelzimmer aufgewacht – während sich Yamaguchi an ihr verging. Itō vermutete, dass sie mit KO-Tropfen oder einem ähnlichen Mittel bewusstlos gemacht wurde, während Yamaguchi darauf bestand, dass der Verkehr einvernehmlich stattfand. Wort stand gegen Wort, doch Vergewaltigungsopfer haben es schwer in Japan – die Beweislast liegt bei ihnen. Sie müssen entweder beweisen, vergewaltigt worden zu sein, oder sich in einem Zustand befunden zu haben, in dem sie keine Gegenwehr leisten können.

Opfer sexueller Gewalt finden in Japan selten Unterstützung

Opfer sexueller Übergriffe haben es in Japan in zweierlei Hinsicht schwer. Zum einen melden viele Opfer (Schätzungen gehen von weit über 90% aus) die Übergriffe nicht – sei es aus Scham oder aus der nötigen Einsicht, dass es sich um eine Straftat gehandelt hat, die geahndet werden muss. Zum anderen erwartet die Opfer ein Martyrium, das auch von Itō angeprangert wurde: Der Umkreis, in den meisten Fällen die Arbeitgeber, versuchen alles, um einen Skandal zu vermeiden. Meldet man den Fall dann doch bei der Polizei, muss das Opfer jedes noch so kleine Detail mehrfach schildern und die Tat sogar selbst mit lebensgroßen Puppen darstellen. Doch aufgrund oben erwähnter Beweislast ist ein Erfolg der Klage selbst dann noch sehr klein.

Erst 2017 wurde das japanische Strafrecht in Sachen Sexualstraftaten revidiert – zum ersten Mal seit 110 (!) Jahren. Bis dahin wurden nur Vergewaltigungen gegenüber Frauen anerkannt, und eine Vergewaltigung konnte nur dann vor Gericht gebracht werden, wenn das Opfer selbst Klage erhob. Sexuelle Übergriffe gegenüber Schutzbefohlenen waren bis dahin sogar legal, so lange keine Gewalt oder Bedrohung vorlag.

Itō Shioris Fall fachte die #MeToo-Debatte in Japan wieder an, doch so richtig Feuer hat der Hashtag in Japan noch nie gefangen. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zum Beispiel, セクハラ sekuhara genannt (eine verballhornte Abkürzung des Englischen sexual harrassment), ist schon seit vielen Jahren ein Thema und kommt überall vor, selbst im Parlament, doch einen echten Fortschritt spürt man nicht. Zu wenige Frauen haben den Mut, Fälle sexueller Übergriffe zu melden. Und zu gering ist die Einsicht der männlichen Vorgesetzten, dass gewisse Sprüche oder gar Handlungen früher vielleicht üblich waren, aber eigentlich nicht in Ordnung sind. Noch schlimmer sieht es bei sexuellen Übergriffen in der Familie aus – selten liest man in Japan darüber in den Medien, aber das liegt mit Sicherheit nicht daran, dass so etwas kaum vorkommt: Es dürfte eher am sozialen und familiären Druck liegen, dass viele Opfer letztendlich schweigen. In erster Linie muss sich Japan jedoch um einen besseren Opferschutz kümmern – ein Vergewaltigungsopfer zu erniedrigen trägt ganz sicher nicht zu einer offenen Gesellschaft bei.

Zeitschriftenstand in JapanJapan und #MeToo: ein Zeitschriftenartikel und seine FolgenDie japanischen Printmedien bieten eine Fülle an diversen Publikationen, unter anderem das ziemlich verruchte Wochenblatt „Nikkan Spa!“ der...21.02.2019

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