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Bubble Tea in Japan: Tapioka in aller Munde

Matthias Reich
Matthias Reich

Wohin man zurzeit auch schaut – überall werden in Japan Tapioka-Getränke (Bubble Tea) angeboten, und neue Geschäfte sprießen wie Pilze aus dem Boden. Doch der Trend ist nicht neu, und er wird wie immer wieder vorübergehen. Ein Kommentar.

Bubble Tea in Japan

Tapioka, die geleeartigen Bällchen aus dem Mehl der Maniokwurzel, sind zweifelsohne faszinierend: Die Konsistenz liegt irgendwo zwischen fest und flüssig, die Kalorienzahl ist dank der Stärke hoch, aber nicht zu hoch, und der Eigengeschmack quasi nicht existent – aus jedem Getränk kann man so schnell eine kleine, leichte Mahlzeit zaubern. Hinzu kommt, dass die Ausgangsform der Kügelchen sehr klein ist – ein Traum für jeden Geschäftsbesitzer, kann man doch so unter Zugabe von etwas Wasser aus einem kleinen bisschen sehr viel machen.

Woher kommt eigentlich Bubble Tea?

In den 1980ern kamen findige taiwanesische Restaurantbesitzer auf die Idee, Tapioka in Tee zu geben, und nannten das ganze kennzeichnend Bubble Tea – ein Modegetränk, das weltweit Berühmtheit erlangte. So auch in Japan, wo man Tapioka so nennt, wie es auch die Tupi vom Amazonasbecken und die Portugiesen nannten: Tapioka eben. Das Interessante daran ist, dass alle Jahre wieder ein großer Boom beginnt. Dabei sind Tapioka in Japan beileibe nicht neu – schon in der Edo-Zeit tauchte der Name auf, damals noch als Medizin kategorisiert, und rund um 1900 herum galten die Kugeln als Delikatesse. Der Begriff hat sich allerdings von der eigentlichen Bedeutung emanzipiert – man benutzt zum Beispiel auch gern das typisch japanische konnyaku (Konjakwurzel) oder Algenextrakt als Ersatz für Maniokstärke. Doch der jetzige Boom, der bereits 2018 entstand, dürfte alle Rekorde brechen. Während in den vergangenen Jahren allmonatlich für rund 25 Millionen Yen (rund 200.000 Euro) Tapioka beziehungsweise Maniokstärke nach Japan eingeführt wurde, so waren es im April allein Einfuhren im Wert von 420 Millionen Yen, also knapp 4 Millionen Euro. Es gibt Schätzungen, wonach der Umsatz für tapiokahaltige Getränke im August 2019 bei mehr als 22 Millionen Euro lag – eine Steigerung allein zum Vorjahr um über 1000%. Viel Tapioka wird dabei übrigens aus Taiwan importiert.

Bubble Tea in Japan
Tapioka-Getränke sind derzeit in Japan so beliebt wie nie zuvor.

Tapioka-Boom in Japan

Warum sind die glibbrigen Kugeln so beliebt? Meistens wird Tapioka in quietschsüßen, nicht selten bunten Teekreationen angeboten. Präsentation ist alles, und Hauptsache süß – was natürlich vor allem jüngere Konsumenten anzieht. Und so springen überall Filialen von Teeketten wie zum Beispiel Gong cha aus dem Boden, die in pseudoasiatischem Ambiente ihre – nicht unbedingt preisgünstigen – Kreationen unters Volk bringen. Sieht man in der Stadt irgendwo eine lange Schlange, ist es meist ein Tapioka-Laden. Auch bei den Geschäftsleuten sind die rund ein Zentimeter großen Kugeln höchst beliebt: Das Preis-Kostenverhältnis liegt bei rund 7:1 und das ist außergewöhnlich hoch.

Interessant ist das Timing: Den ersten Tapioka-Boom in Japan gab es 1992, kurz nach dem Zerplatzen der Spekulationsblase und dem damit einhergehenden wirtschaftlichen Abschwung. Der zweite Boom kam 2008, nach dem Lehman-Schock. Der jetzige, dritte Boom fällt in eine Zeit der Unsicherheit, verursacht durch den Handelsstreit zwischen den USA und dem Rest der Welt, dem Brexit und der erneuten Mehrwertsteuererhöhung. Dürstet den Menschen also in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten nach Süßigkeiten? Das scheint weit hergeholt. Den neuen Boom verdankt man wohl am ehesten dem insutabae (in etwa: Instragram-würdig) Phänomen: Tapioka-Fotos auf Instagram sind momentan einfach in, und jeder will ähnliche Fotos posten. Die Getränkeindustrie wiederum orakelt, dass Tapioka das Getränk für die Menschen sei, die genug von Kaffee hätten. Auch das ist an den Haaren herbeigezogen. Manchmal ist einfach die Zeit reif für einen Tapioka-Boom. Der ist dieses Mal jedoch so extrem, dass schon ein neues Wort kreiert wurde: タピる tapiru (=Tapioka trinken gehen). Man darf gespannt sein, wie lang der Höhenflug dieses Mal anhält – und was danach kommt.

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