Priester Shirakawa Missei: Wundersame Pilgerreise

JAPANDIGEST
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Shirakawa Missei ist Hauptpriester des Eifuku-Tempels auf Shikoku. Mit Kreativität möchte er die Lehren Buddhas und Kūkais verständlich machen. Er schreibt Bücher und errichtet kunstvolle Bauten im Tempel. Im Interview gibt Shirakawa Tipps zur Pilgerreise.

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Alte Statuen in rotem Strickkostüm.
Die Pilgerreise zu heiligen Stätten wird in Japan auch bei ausländischen Pilgern immer beliebter.

In den letzten Jahren ist ein Anstieg in der Zahl der ausländischen Pilger zu verzeichnen.

Besonders seit den letzten zwei, drei Jahren ist das der Fall. Beeindruckend fand ich den Pilger, der sagte, er sei als Computeringenieur so beschäftigt und das Leben sei so kurz, darum mache er jetzt eine Weltreise. Ein anderer Pilger aus Mailand erzählte, er hätte die Pilgerreise auf sich genommen, um für Weltfrieden zu beten. Eine französische Architekturstudentin, ein Amerikaner, der mit dem Fahrrad pilgert – beeindruckend viele Pilger kommen aus dem Ausland.

Wie ist das Verhältnis zwischen Pilger und Religion einzuschätzen?

Bei der Pilgerreise auf Shikoku werden natürlich heilige Stätten besucht. Dass auch Anhänger anderer Religionen hier nicht abge­lehnt werden, ist sicher eine Besonderheit. Wir bekommen auch Besuch von vielen japanischen Christen und Menschen ohne Konfession. Ich denke, der Akt des Betens ist grundlegend für alle Religionen. Glaube, Kultur und Künste zu erfahren, die nicht den eigenen entsprechen – das ist die tiefste Lehre Buddhas. Bei einer Pilgerreise auf Shikoku, inmitten der japanischen Landschaft, den Glauben zu spüren, darum geht es.

 

Den Eifuku-ji gibt es angeblich seit der Kōnin-Zeit (810-824), als Kūkai für den Schutz vor Seenot betete.
Den Eifuku-ji gibt es angeblich seit der Kōnin-Zeit (810-824), als Kūkai für den Schutz vor Seenot betete. © Shirakawa Missei

Welche Vorbereitungen empfehlen Sie für eine Pilgerreise?

Viele Informationen sind heutzutage im Internet erhältlich. Das weiße Pilgergewand, der Holzstab und das Stempelbuch, in dem der Besuch der 88 Tempel festgehalten wird, sind nach der Einreise überall auf Shikoku erhältlich. Natürlich ist es gut, schon vorher einen Reiseführer zur Pilgerreise zu lesen. Auch wenn es immer mehr WLAN-Spots gibt; man muss sich darüber im Klaren sein, dass diese auf Shikoku selten sind. Daher wäre es auch gut, ein paar simple Phrasen auf Japanisch vorzubereiten, um etwa eine Unter­kunft telefonisch zu reservieren. Es kann durchaus vorkommen, dass einfaches Englisch hierfür nicht ausreicht. Im Notfall helfen auch Übersetzungsapps.

Beim zweiten Besuch wird der Stempel erneut im Büchlein aufgedrückt. Manche besuchen die Tempel mehrere Male.
Beim zweiten Besuch wird der Stempel erneut im Büchlein aufgedrückt. Manche besuchen die Tempel mehrere Male. © Shirakawa Missei

Inwieweit sollten sich Pilger mit dem Buddhismus beschäftigen?

Auch Japaner beschäftigen sich vor dem Pilgern nicht unbedingt mit dem Buddhismus. „Fürs Erste pilgere ich“ ist auch eine gute Einstellung. Wenn jemand allerdings denkt „Wenn ich schon pil­gere, dann kann ich auch ein wenig lernen und meditieren“ oder gar durch die Pilgererfahrung ein tieferes Interesse am Buddhis­mus ausgelöst wird, macht mich das als buddhistischen Mönch na­türlich glücklich. Viele Pilger, auch wenn sie Christen sind, rezitie­ren an den Tempeln das Herz-Sutra oder andere heilige Schriften. Mit den Lehren des buddhistischen Mönchs Kūkai können alle Menschen ihr Leben reflektieren. Das heißt natürlich nicht, dass man konvertieren muss!

Die landschaftliche Vielfalt der Reise belohnt die Pilger auf ihrem Weg zur Erleuchtung.
Die landschaftliche Vielfalt der Reise belohnt die Pilger auf ihrem Weg zur Erleuchtung.

Schon für Japaner sind die Sutren kompliziert. Haben Sie Tipps für ausländische Pilger?

Auch wenn man die Bedeutung nicht versteht: Einfach mal das Aufsagen zu probieren, ist auch gut. Es gibt viele Japaner, für die nicht nur die Bedeutung, sondern auch der Klang heilig ist. Wenn die Rezitation von Sutren zu schwierig ist, reicht es auch, die Hände zu falten und vor dem Tempel ein kurzes Gebet aufzusagen.

Ein Pärchen aus München kam zur Pilgerreise. Der Shikoku-Pilgerweg wird auch unter Ausländern immer beliebter.
Ein Pärchen aus München kam zur Pilgerreise. Der Shikoku-Pilgerweg wird auch unter Ausländern immer beliebter. © Shirakawa Missei

Auch mit dem Auto kann man pilgern. Worin bestehen die Un­terschiede zur Fußreise?

Der Shikoku-Pilgerweg umfasst eine Strecke von rund 1.400 Ki­lometern – eine Distanz, die normalerweise kaum jemand zu Fuß geht. An den 88 Tempeln beten und zielstrebig foranschreiten – durch diese Taten kommen manchmal verborgene Gedanken und verloren geglaubte Erinnerungen auf. Ich persönlich bin aber auch ein Fan der Pilgerreise mit dem Auto. Zu Fuß zu pilgern, dazu müssen einfach alle Umstände passen. Mit dem Auto sind auch die abgelegenen heiligen Stätten am Meer, in den Bergen und in den Städten gut erreichbar. Dort die Hände in Ruhe zu falten und zu beten – dies ist für viele eine unvergessliche Erfahrung.

Die fußläufige Pilgerreise ist zwar kein leichter Spaziergang, aber bietet Zeit zum Reflektieren und Erinnern.
Mit Pilgerstab und Bambushut unterwegs: Die fußläufige Pilgerreise ist zwar kein leichter Spaziergang, aber bietet Zeit zum Reflektieren und Erinnern.

Dieses Interview wurde von Mai Schmidt für die Juli-Ausgabe des JAPANDIGEST geführt und von Sina Arauner ins Deutsche übersetzt und für die Veröffentlichung im Magazin und auf der Webseite angepasst. 

Hauptpriester am Eifuku-ji: Shirakawa Missei

1977 geboren. Studierte esoterischen Buddhismus an der Kōyasan-Universität. 2001 übernahm er mit 24 Jahren das Amt des Hauptpriesters am Eifuku-ji, dem 57. der 88 Tempel des Shikoku-Pilgerwegs.

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